Maron, Monika; Sommer, Michael; Döpfner, Mathias

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In Zeiten der Krise hat der Nationalismus Konjunktur. Das haben die Europawahlen gezeigt. Kommentatoren gaben sich pikiert über europafeindliche rechte Parteien, die in osteuropäischen Ländern und in solchen exotischen Ländern wie den Niederlanden und England zugelegt hatten. Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Elend liegt so nah? Auch hier bringt die allgemeine Krisenstimmung unangenehme Nebenerscheinungen hervor, und in traditionell sich links gebenden Nischen wie der Kultur verschwendet man die spärlichen Seiten an Leute, die behaupten, sie seien Schriftsteller, die tatsächlich aber mittelmäßige Journalisten mit nationalistischer Klatsche sind. Der Spiegel verschwendete großzügig drei Seiten mit einem belanglosen Interview und zwei Seiten mit einem großzügig als Essay bezeichneten Stück Prosa an Monika Maron, die sich schon früher über den »anti-deutschen Rassismus« in anderen Ländern beschwerte und sich fragte, »ob wir nicht völlig verrückt sind, daß wir uns nicht wehren«.

Maron hatte sich also schon hinreichend für das die Risse auf der Schminke des gesellschaftlichen Fortschritts wahrnehmende Feuilleton durch ihr revanchistisches Mumpfeln qualifiziert. Die ehemalige Wochenpost-Reporterin hat 1981 in ihrem Roman »Flugasche« über das DDR-Industrienest Bitterfeld geschrieben, auf das pro Tag 180 Tonnen Flugasche niedergingen und das als die dreckigste Stadt Europas galt. Das gefiel den Kulturschaffenden im Westen, so wie im Osten die gutmenschlichen Dichter am besten ankamen, die am betroffensten und schlechtesten über die Arbeitswelt lyrikten. Den Osten gibt es nicht mehr, dem Westen geht es inzwischen so schlecht, daß man eine Autorin für bedeutend hält, die vor dreißig Jahren über Bitterfeld das schrieb, was man sich schon denken konnte, wenn man in Autobahnnähe daran vorbeifuhr und schnell die Fenster hochkurbelte. Nur schnell weg hier, und viel mehr dürfte ihrem Buch auch nicht zu entnehmen gewesen sein, außer daß wahrscheinlich noch mehr Gründe dargelegt worden sind, und die vermutlich lang und breit. Aber wenn ein Grund schon reicht, um Fluchtreflexe hervorzurufen, ist das Interesse, es noch genauer wissen zu wollen, ein wenig absonderlich, weil man bei genauerem Hinsehen die Begeisterung erkennen kann, die es Monika Maron bereitet, im Dreck zu wühlen, um sich zu empören. Dafür hat man ihr im Westen auf die Schultern geklopft, und jetzt findet es der Spiegel ganz toll, daß Maron wieder nach Bitterfeld gereist ist, diesmal um die westliche Erfolgsgeschichte zu schreiben und ein Loblied auf die Solartechnik der Firma Q-Cells zu singen.

Okay, es mag Leute geben, die das spannend finden, und bestimmt ist es ungemein wichtig zu wissen, wie so eine Solarenegerieanlage genau funktioniert, ob irgendwas »geätzt«, »gebrannt« oder »aufgetragen« wird. Kann schon sein, aber läßt sich das nicht auf den Technik- oder Wirtschafts-Seiten abhandeln? Was hat das alles mit Literatur zu tun, wenn die Hauptangst Marons darin besteht, »fachliche Fehler« zu begehen, also dem Industrieprodukt nicht haargenau gerecht zu werden? Vielleicht bin ich ja nicht weltoffen genug, um zu verstehen, daß Kultur inzwischen bedeutet, in Zeiten des wirtschaftlichen Niedergangs die kleinen Erfolge zu bestaunen und zu preisen, positiv zu denken und zu schreiben und der Schreckschraube Maron Gehör zu verschaffen, die glaubt, die Zonis würden sich als »Menschen zweiter Klasse« fühlen, weil es ihnen »eingeredet« wurde, was nicht sehr nett ist gegenüber ihrer Klientel, den Deutschlanddeutschlandbrüllern, die sich anschließend darüber wunderten, daß der Kapitalismus genau so funktioniert, wie es die düstere DDR-Propaganda immer verkündet hatte, nämlich daß unter verwertungstechnischen Gesichtspunkten der Zoni überflüssig ist. Diese unangenehme Begleiterscheinung konnten sie am eigenen Leib erfahren, »einreden« mußte ihnen das niemand, auch nicht Monika Maron.

Aber ich will nicht die ganze Kolumne auf Monika Maron herumhacken, die mit einem Hund in einem eheähnlichen Verhältnis lebt, denn im letzten Monat haben noch ein paar andere peinliche Prominente heftigst mit den Fingern geschnippt, um exklusiv auf dieser Seite auftauchen zu dürfen. Der Gewerkschaftschef Michael Sommer orakelte in der BamS über die Krise mit grandios windschiefen Metaphern, aus denen ich lernen konnte, daß die Wirtschaftskrise offensichtlich auch eine mentale Krise nach sich zieht: »Wir alle versuchen gerade gemeinsam, beispielsweise durch verstärkte Kurzarbeit, Beschäftigungsbrücken über einen Fluss zu bauen, dessen Breite wir nicht kennen. In der Hoffnung, daß es bald wieder aufwärts geht.« Und das muß Michael Sommer erst mal jemand nachmachen.

Unter den Tisch kehren darf man auch nicht den Chef des Springer-Verlages Mathias Döpfner, der in einem ausführlichen Interview in der FAS sich über die Stasi beschwerte, die mit ihrer Propagandamaschine und einer riesigen »Diffamierungskampagne« die Bild-Zeitung »systematisch zum Klassenfeind aufgebaut« habe, so daß Bild noch heute »als Hort des Reaktionären, als zentral gelenktes Meinungsmonstrum wahrgenommen wird. Dieses Klischee wird Springer bis heute nicht los. Und es ist ungerecht.« Döpfner hat sogar eine Studie darüber in Auftrag gegeben, die die historische Unschuld Springers beweisen soll, und es haben sich auch die entsprechenden Historiker gefunden, die das für Springer tun, ein ehemaliger hundertprozentiger Kommunist, und das ist doch im Sinne der Versöhnung eine schöne Geschichte. Aber irgendwie fehlt mir der Glaube an die in den sechziger Jahren harmlose und nur der Aufklärung verpflichtete Bild-Zeitung, die am 7. Februar 1968 den Bürger doch nur dazu aufrief, mehr Engagement zu wagen: »Man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.« Diese Aufforderung nahm sich bekanntlich Josef Bachmann zu Herzen, der Rudi Dutschke niederschoß, wie in diesen Tagen sowieso jeder Pech hatte, Dutschke ähnlich zu sehen, weil er schnell eine Tracht Prügel beziehen konnte. Womit Döpfner allerdings recht hat: Die anderen bürgerlichen Zeitungen waren auch nicht viel besser, aber in vorderster Front kämpfte Bild für die Erhaltung der postnazistischen Werte und Sekundärtugenden. Sie sprach der Volksseele aus dem Herzen, die nach Lynchjustiz lechzte, und sie gab den Ton vor, der später von den Gegnern übernommen wurde, nämlich von der RAF, die nicht weniger fanatisch postulierte, »natürlich darf geschossen werden«. Döpfner tritt für ein besseres Image von Bild ein. Dann werfen wir doch einfach mal einen Blick in eine beliebige BamS-Ausgabe: »Sie hatte sich so auf das Baby gefreut. Doch eines Nachts kam ihr Freund ins Bett und erwürgte sie.« Also da würde ich doch sagen: Das Image ist immer noch genau so Scheiße wie vor vierzig Jahren. Mindestens.

Maron, Monika

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Sie ist ein triftiges Argument dafür, daß sich Schriftsteller besser nicht an der öffentlichen Debatte beteiligen sollten, denn in der Regel haben sie wenig mitzuteilen und das Wenige ist dabei noch von einer unangenehmen Beschaffenheit. Dem Tagesspiegel vertraute Frau Maron einmal an, daß sie »erlebt« habe, »daß Deutsche bei einem Fußballänderspiel im Fernsehen mit Leidenschaft gegen die deutsche Mannschaft waren«. Gemein, ja geradezu widerwärtig! Und dieses Erlebnis hat sie arg erschüttert, denn hier handelt es sich offensichtlich um einen »Minderwertigkeitskomplex«, bzw. um »eine bequeme Art, mit dem Konflikt umzugehen, den uns die Hinterlassenschaft des Nazismus beschert hat. Denn es ist ja auch das Ausscheren aus dem Konflikt: ›Ich bin das nicht. Ich gehöre nicht zu denen. Ich bin Kosmopolit. Ich bin Europäer.‹ Das bedeutet dann auch, die anderen mit dem Konflikt allein zu lassen.«

Und das sagt eine, die sich schon als Schülerin für die FDJ, später dann für die SED engagiert hat und die als Tochter des ehemaligen DDR-Innenministers Karl Maron sämtliche Privilegien der Nomenklatura genoß. Aber das ist ja auch schon immer das wirklich Üble am Sozialismus gewesen, daß er solche Opportunisten und Opportunistinnen hervorgebracht hat, die es sich einfach nicht abgewöhnen zu können, immer gleich hundertprozentige Identifikation mit Deutschland zu flaggen, und, was noch schlimmer ist, von allen anderen das gleiche zu verlangen. Die DDR war noch nicht unter der Erde, hielt sie bereits dem Sieger die Stange, denn sie weiß, wem sie sich anflanschen muß, um sich wichtig vorkommen zu dürfen. Dafür rührt sie auch gern die nationalistische Propagandatrommel, und zwar um so mehr, als sie die Erkenntnis plagt, daß der Verrat an der DDR vom Westen mit Argwohn betrachtet werden könnte, denn es ist offensichtlich, daß man sich in Krisensituationen bei solchen Leuten auf eines nicht verlassen kann, auf ihre Loyalität. Dabei trommelt Maron völlig umsonst, denn der Westen kann auf ihre Demutsbezeigungen auch verzichten, er muß sich nicht wie der SED-Staat durch Lobhudeleien seiner selbst versichern, er weiß, daß er auch ohne Monika Maron zurechtkommt. Manchmal ist es ja auch ganz schön: mit anzusehen, wie sie sich abstrampeln, um zu gefallen, wie sie selbst in der rechtsextremen Mülltonne wühlen, um kundzutun, daß man jedem Schwachsinn und jeder Idiotie noch eine Plausibilität abgewinnt, daß man nichts für Kosmopoliten übrig hat, denn die wollen sich nur aus der Pflicht stehlen, für Deutschland alles zu geben, und Pflicht ist, wieder deutsch und Verantwortung für seine Volksgenossen zu tragen. Insofern muß die letzte WM in Dtschl, wo schwarz-rot-gold geflaggt wurde, daß die Schwarte krachte, ein innerer Reichsparteitag für Maron gewesen sein. Aber zufrieden scheint sie dennoch nicht gewesen zu sein.

Der Süddeutschen Zeitung verriet sie: »Alle Länder der Welt erlauben es sich, die Deutschen zu beleidigen, und ich frage mich manchmal, ob wir nicht völlig verrückt sind, daß wir uns nicht wehren.« Das hätte Julius Streicher gut gefallen. »Ich finde es unerträglich, daß die Nachbarländer uns gegenüber stets eine Haltung des Mißtrauens einnehmen. Wir erleben einen anti-deutschen Rassismus.« Wenn das die Bereicherung ist, die uns über 15 Jahre Wiedervereinigung eingetragen haben – eine Autorin mit revanchistischer Klatsche –, dann hat sich der ganze Aufwand nicht wirklich gelohnt. Da Monika Maron nun der Zone leider nicht mehr zurückgegeben werden kann und es auf die Frau nicht mal Flaschenpfand gibt, hätte man die schriftstellernde Schreckschraube in den Überresten der Wolfsschanze unterbringen sollen, damit sie aus dem Bunker weiterhin ihre S.O.S.-Funksprüche morsen kann, um die Bunzreplik vor den fiesen Nachbarländern zu retten.
Zwar hat sie das alles wirklich gesagt, aber als Beleidigung würde sie es empfinden, bezeichnete man sie als »Nationalistin«. »Wir sind so ähnlich wie alle anderen«, wünscht sie sich. Keine schöne Vorstellung von »Normalität« und wenn dieser Wunsch tatsächlich mal Wirklichkeit werden sollte, dann hat man am besten schon mal ein Ticket in der Tasche, damit man in eine Gegend abhauen kann, wo die Leute nicht diese Probleme haben und wo es selbstverständlich ist, wenn man nicht so sein will wie der andere.

Daran wollte ich mal erinnern, jetzt, wo das Feuilleton wieder stramm steht, kaum daß der neue Roman von Maron erschienen ist. »Ach Glück« heißt der und in ihm passiert wie schon in ihren anderen Romanen nicht allzu viel. In »Ach Glück« hadert eine Frau mit ihrem Mann, mit sich und mit ihrem Alter. Oder, um es mit den Worten der Schriftstellerin auszudrücken: »Sie dachte, sie ist nicht unzufrieden, aber eigentlich ist sie unzufrieden.« Mmmmh. Handlung ist da nicht viel. Man hört es schon vor Spannung knistern. Der Roman ist »B.« gewidmet, wahrscheinlich ihrem Hund Bruno, jedenfalls dementiert sie das auf Nachfrage des Spiegel nicht, und warum auch nicht, ist der Hund doch der beste Freund eines Menschen, der jemanden braucht, den er als seinen Fußabstreifer benutzen kann, den er anherrschen und niedermachen kann, dem er sein Herz ausschütten kann, ohne daß lästige Fragen gestellt werden. Ja, so ein Hund kann das Leben ganz schön verändern. Das sagt auch Frau Maron: »Aber natürlich verändert so ein Hund das Leben, weil er andere Ansprüche hat, auch weil er den Blick schärft. Die Frage, warum der Hund immer so glücklich ist und ich nicht, die habe ich mir schon gestellt.« Ob Bruno wirklich glücklich ist, wird man aus naheliegenden Gründen nie erfahren, aber die Projektion, die er auslöst, sagt eine Menge aus. Weniger über Bruno als über Monika, die mit ihrem Hund offenbar in einem harmonischen eheähnlichen Verhältnis lebt. »Der Hund ist ein Symbol für Leben, für Lebensfreude oder auch für den Zufall, der ins Leben tritt, den man annimmt oder nicht.« Tja, es sieht nicht gut aus mit Monika Maron, die für Glück hält, was der Volksmund aus guten Gründen als »auf den Hund gekommen« bezeichnet. Aber bitte schön, wenn Bruno als Therapeut hilft?
Komisch nur, warum sie ihren Hund Bruno genannt hat und nicht Blondi.