Mit Lästerzunge und Whiskeyflasche. Die Korrespondenz der Kriegsreporterin Martha Gellhorn

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Bekannt war sie als Kriegskorrespondentin. Seit dem spanischen Bürgerkrieg hat sie sich auf fast allen Kriegsschauplätzen der Welt des letzten Jahrhunderts herumgetrieben. Ihre Reportagen sind Klassiker des Genres, sie waren erhellend und getrieben von einer moralischen Empörung über die Grausamkeiten, die von nationalen und Profitinteressen in Kauf genommen wurden. 1989 veröffentlichte der konservative Albrecht Knaus Gellhorns einige der Kriegsberichte aus fünfzig Jahren zwischen 1937 und 1987. Ein Erfolg wurde das Buch nicht, vermutlich weil die Deutschen dem vergangenen Weltgeschehen desinteressiert gegenüberstanden, weil sie selber eine so unrühmliche Rolle darin gespielt hatten.
Aber die Reportagen waren nicht das, was ihr wirklich am Herzen lag. Diese Auftragsschreiberei sei »gut fürs Portmonnaie« aber »abstoßend im Hinblick auf echte schöpferische Arbeit«. Anerkannt werden wollte sie als Schriftstellerin. Viel darüber erfährt man nun aus dem Band »Ausgewählte Briefe«, in denen sie sich über ihre Selbstzweifel äußert, vielleicht doch keine große Schriftstellerin zu sein. Aber gerade die Briefe, so entdeckt man bei der Lektüre, sind genau die literarische Form, die Martha Gellhorn wirklich liegt und aus ihr mehr macht als eine respektable Romanautorin und eine genau beobachtende Reporterin. Ihre Briefe erst machen sie in der Welt der Literatur zu einer großen Autorin.
Ihre Korrespondenz ist grandios, hinreißend, sensationell, sie offenbart einen großzügigen und leidenschaftlichen Lebensentwurf, der heute ausgestorben scheint. Martha Gellhorn schrieb sich mit vielen bedeutenden Künstlern und Politikern ihrer Zeit, wie Eleanor Roosevelt, Adlai Stevenson und Leonard Bernstein, H.G. Wells, Heminway, mit ihrer Mutter, mit zahlreichen langjährigen Freunden, denen gegenüber sie sich kein Blatt vor dem Mund nehmen mußte. »Was für eine Rasse ist das, diese Deutschen: Wenn man bedenkt, daß wir versucht haben, die Malaria auszurotten, könnten wir uns doch allemal ein wenig Zeit nehmen, den Deutschen auszurotten, der noch sichereren und häßlicheren Tod bringt«, schrieb sie im August 1944, als sie in Italien das Schlimmste sah, »was ich in meinem Leben gesehen habe«, ein Massengrab mit den Leichen von 320 von den Deutschen erschossenen Geiseln.
Es ist diese unmittelbare Subjektivität, die ungefilterte Wut, die die Lektüre ihrer Briefe so aufregend macht, weil man in der Literatur schließlich keinen ausgewogenen journalistischen Kommentar hören will, sondern impulsive Reaktionen, an denen man merkt, daß da jemand lebt, leidet, sich freut, verzweifelt ist, niedergeschlagen, ein Mensch mit Gefühlen und emotionalen Abgründen.
Natürlich waren ihre Urteile unausgewogen und ungerecht, aber schließlich war Martha Gellhorn auch eine streitbare Person, die sich einmischte und die das auch von ihren Briefpartnern verlangte. Ihrem Ex-Mann Hemingway warf sie erbärmlichen, speichelleckenden Narzißmus« vor, und sie »hätte lieber den Pazifik durchschwommen, als mich über eine bloße Freundschaft hinaus« auf H.G. Wells einzulassen, hatte sie doch »eine Fülle attraktiver junger Männer zur Hand«. Sie lästerte über die »Ladenschwengelfrau« Mrs. Thatcher, und Stephen Spender hielt sie für einen »Idioten«. Immerhin konnte man über diese Leute herziehen, schlimmer waren Menschen, die sie kaltließen, mit denen man »viel über nichts reden« mußte.
Martha Gellhorn flüchtete sich dann ins Lesen, denn »wenn ich etwas lese, bin ich nicht da und also nicht allein«: »Ich lese, wie man ans Ufer schwimmt.« Vielleicht weil sie soviel unterwegs war, suchte sie die Einsamkeit, den Rückzug, die Besinnung auf sich selbst. Dann stellte sie sich vor, später und alt geworden »mit Lästerzunge und vielen ähnlich herzhaften Altersgenossen über die menschliche Verfassung herzuziehen, eine Whiskeyflasche am Ellbogen.« Ein genormter Lebensentwurf sieht anders aus.
»Ich kann mich mit allem auf der Welt arrangieren außer Langeweile, und ich will kein guter Mensch sein… Ich will die Hölle auf Rädern sein«, schrieb sie. Ihr unbändiges Verlangen nach einem zum Platzen aufregenden Leben, das »leidenschaftlich und heftig und voller Lachen und laut und lustig wie die entfesselte Hölle« ist, machte sie zu einer rastlos Umherschweifenden, die nirgends seßhaft wurde. Mit fast 90 Jahren und fast vollständig erblindet, nahm sie sich 1998 das Leben. Ihre Briefe legen Zeugnis ab vom Leben einer unabhängigen und starken, freilich auch zerrissenen Frau, die vielleicht keine besonders gute Analytikerin war, aber großzügig, geistreich und trinkfest, eine Frau mit einem verläßlichen Urteilsvermögen. Jedenfalls kann man gar nicht genug kriegen von ihrer Korrespondenz, ein riesiger Schatz, den es noch zu entdecken gilt, und es ist schade, daß die deutsche Ausgabe nur eine Auswahl der englischen »Selected Letters« enthält, in denen von ihrer Biografin Caroline Moorehead ja auch nur einen Bruchteil ihrer Briefe berücksichtigt wurden.

Martha Gellhorn, »Ausgewählte Briefe«, herausgegeben von Caroline Moorehead, übersetzt von Miriam Mandelkow, Dörlemann, Zürich 2009.

Paarverhalten

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Martha Gellhorn über Abgründe menschlicher Beziehungen

Sie war mit Hemingway verheiratet, sie war mit Robert Capa befreundet und als große, glamouröse Blondine hatte sie eine Menge Verehrer, zu denen Eleanor Roosevelt, Leonard Bernstein, H.G. Wells und Marlon Brando zählten. Sie war eine der berühmtesten, vielleicht sogar die berühmteste Kriegsreporterin des letzten Jahrhunderts. Ihre Reportagen erschienen in Vogue, im New Yorker, im Harper‘s Bazaar und im Magazin Collier‘s, und sie schrieb zahlreiche Romane. In Deutschland jedoch wurde Martha Gellhorn weitgehend ignoriert, was damit zusammenhängen mochte, daß sie in der Reportagen-Sammlung »Das Gesicht des Krieges«, eines der wenigen Bücher, die übersetzt wurden, nicht sehr freundlich über die Deutschen schrieb. Was auch schwierig gewesen wäre, denn Martha Gellhorn hatte in Dachau das Elend gesehen, nachdem das Lager von den Alliierten befreit worden war. »Man schafft es einfach nicht, diese Leute zu mögen, solange sie nicht tot sind«, zitierte sie einen Häftling, ohne daß sie der Aussage etwas hinzuzufügen hatte, ohne sie abstoßend oder selbstentlarvend zu finden. Abstoßend hingegen fand sie das Bekenntnis, das sie immer wieder wie ein Mantra, wie eine ständig gemurmelte Entschuldigung zu hören bekam, »Wir sind keine Nazis, wir sind Freunde«. Martha Gellhorn empfand das nicht so, und sie schrieb es auf. Hunderttausende von Amerikanern zu Hause, die keine Vorstellung hatten, was sich auf der anderen Seite des Atlantiks abgespielt hatte, bekamen von ihr die ungeschminkte Wahrheit serviert. Keine journalistischen Tricks, kein Zurechtbiegen der Wirklichkeit, keine Propaganda, sondern im ganz und gar emphatischen Sinne die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, die das Deutschlandbild der Amerikaner für lange Zeit prägte.Jetzt unternimmt der Schweizer Dorlemann Verlag im zweiten Anlauf den Versuch, Martha Gellhorn auch als Erzählerin vorzustellen. Den ersten Anlauf hatte Rowohlt 1989 unternommen, wo das Buch in der Reihe »die neue frau« erschien. Wenn man allerdings die vier Novellen »Paare« gelesen hat, dann weiß man, daß es eine Schnapsidee war, den Titel in eine Frauenbuchreihe zu quetschen. Martha Gellhorn hatte mit »Frauenliteratur« wenig am Hut. Sie fühlte sich in »der Welt der Männer, nicht in der Welt Mann/Frau« am wohlsten. Vermutlich ein weiterer Grund, warum sie hierzulande bislang nicht sehr gemocht wurde. In keiner der vier Geschichten kommen die Frauen gut weg. Na gut, Männer auch nicht, aber deren Tun ist wenigstens von Widersprüchen, Zwängen und Emotionen geleitet. Man versteht sie besser. Die Hölle der Ehen, die Gellhorn mit großer psychologischer Überzeugungskraft ausbreitet, wird erst durch die Frauen perfekt.Da ist Kitty aus gutem Hause, eine junge Amerikanerin, die einen italienischen Adligen geheiratet hat und für ihn nicht nur jede Sehnsucht und Eigenständigkeit aufgegeben hat, sondern die auch ihre Bedürfnisse den Wünschen ihres Ehemannes unterordnet. Und da ist Rose, die ihren Mann gegen seinen Willen die Karriereleiter in die englische Politik hochschieben will und der jede Intrige und jedes Mittel recht ist, um ihr Ziel zu erreichen, dem sie alles andere unterordnet, und der es egal ist, ob ihr Mann das überhaupt will. Und schließlich Annette, die unter starkem Asthma leidet und seit Jahrzehnten im Bett vor sich hin vegetiert, während ihr Mann in New York schuftet, um das Haus auf dem Land, den Arzt, eine Pflegerin und die Tante finanzieren zu können und der sich ihr schon lange entfremdet hat. Annette liebt ihren Mann so abgöttisch, daß er es nicht schafft, ihr zu sagen, daß er von einer anderen Frau ein Kind erwartet. Er weiß, daß er ihr damit den Todesstoß versetzen würde. Klar sind das tragische und üble Konstellationen, aber die Beziehungsdramen werden erst durch Frauenhand so deprimierend, daß man wieder weiß, warum man besser einen weiten Bogen um den Ehebund fürs Leben macht.Aber wer kennt nicht aus eigener schmerzhafter Erfahrung das große Beziehungsdrama, das so alt ist wie die Menschheit selbst und dennoch ständig neu aufgeführt wird. Daß die Alternative zur ehelichen oder festen Beziehung ebenfalls kein Zuckerschlecken ist, zeigt Martha Gellhorn in der letzten Novelle, die die spannendste ist. Das fand auch die Autorin selbst, die drei Jahre an dieser weitgehend autobiographischen Geschichte arbeitete. Die Geschichte: Helen verknallt sich in Bara, den berühmtesten Kriegsfotografen der 30er und 40er Jahre, einen »nichtsnutzigen ungarischen Fotografen«, wie Bara von sich selbst sagt, ein Mann, der gern große Bündel Geldscheine unter die Leute bringt, eine Leidenschaft für Poker hat, gut aussieht und jede Menge Frauen um den Verstand bringt, ein charmantes, gut gelauntes, flatterhaftes Wesen, das auf das Bekenntnis »Aber ich liebe dich« nur mit einem fast schon gemeinen »Gut, Schatzi« reagiert. Helen will ihn dennoch heiraten, aber nur selten hält sich Bara in New York auf, und wenn, dann nur für wenige Tage. Er schreibt nicht und erzählt nichts. Nur seine Fotos kann sie jeden Tag in den Zeitungen sehen. Während Helen mit ihrer unerfüllten Sehnsucht kaum psychologische Tiefen aufweist, entwickelt Gellhorn bei Bara ein erstaunlich feines und differenziertes Gespür für dessen Charakter. Ein großartiges Porträt, das niemand anderem gilt als ihrem besten Freund Robert Capa, der im wahren Leben den Nachstellungen von Ingrid Bergmann aus dem Weg ging, die niemals zuvor einem so »freien menschlichen Wesen« begegnet war. Martha Gellhorn versteckt sich in »Bis der Tod uns scheide« hinter dem Namen Marushka, die Bara wie einen Bruder liebt.Gellhorn beschreibt Marushka und entwirft dabei eine kleine Studie über sich selbst, in der sie genau das zum Ausdruck bringt, woran sie immer litt: »Sie stritten natürlich über das Wesen der Welt und des Menschen, was sie allerdings nie begriffen; sie meinten, sich mit den idiotischen Standpunkten des jeweils anderen auseinanderzusetzen. Bara sagte, Marushka sei dümmer als eine Herde Maultiere, sie reise durch die Welt, sie beobachte, sie hinterfrage, sie lese, sie schreibe Artikel über das Elend der Menschheit und lerne nichts daraus. Sie wollte die Welt verbessern, sie verlangte nach Taten und Erlösung. Aber sie hatte doch Augen im Kopf! Was hatte sich je zum Besseren gewendet? Ungerechtigkeit war ihr Steckenpferd, dabei ließen sich doch täglich mühelos Beispiele für Ungerechtigkeit finden, rund um die Uhr. Aber wenn Marushka auf eine Ungerechtigkeit aufmerksam wurde, führte sie sich jedes Mal auf, als sei sie einzigartig und müsse auf der Stelle ausgeräumt werden.« Daß Martha Gellhorn die Vergeblichkeit ihres Tuns reflektierte und damit ihren Einfluß als bekannte Auslandsreporterin erfreulich realistisch einschätzte, ohne jemals aufzuhören, Unrecht öffentlich zu machen, ohne sich mit einer zynischen Haltung vor dem Geschehen der Welt zu schützen, ohne ihren Optimismus aufzugeben, das hat aus ihr eine große und bewundernswerte Frau gemacht.<!–[if !supportEmptyParas]–> <!–[endif]–>Martha Gellhorn »Paare. Ein Reigen in vier Novellen«, Mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes, aus dem Amerikanischen übersetzt von Miriam Mandelkow, Zürich 2007.