Nach vierzehn Jahren Abstinenz betritt der 74 Jahre alte Leonard Cohen wieder die Bühne. Er hatte nicht den Ehrgeiz, das jemals wieder zu tun, aber nach einem längeren Aufenthalt im Kloster mußte er feststellen, daß »den ganzen Tag Beten«, wie Chandler klösterliches Leben umschreibt, nicht vor dem Unbill des Lebens schützt, denn seine Managerin hatte inzwischen sein gesamtes Vermögen veruntreut. Also muß er doch wieder ran, und siehe, es war gut so, denn als er in der O-Two-Wanne in Berlin auftrat, war auch der hartgesottenste Iggy-Pop-Fan schwer beeindruckt. Zwei das Dunkel der gesamten Halle durchschneidende Scheinwerferkegel umgaben einen kleinen Mann mit Hut mit einer Aureole. Und als diese Erscheinung mit seiner dunklen, schweren und erdigen Stimme, die aus einem anderen Universum zu kommen schien, anfing »Dance me to the end of love« zu singen, da streifte einen tatsächlich so etwas wie göttliche Erleuchtung. Niemand jedenfalls kann das besser inszenieren als Cohen, der zurückhaltend, fast schüchtern und höflich immer wieder den Hut vor seinen Musikern und vor dem Publikum zog und ihm beteuerte, daß es angesichts des Elends auf der Welt ihm eine Ehre und ein Privileg sei, vor so vielen Leuten zu singen. Elend? Meinte er das Elend vor ihm in der O-Too-Halle? Das Elend der Generation, die sich schon in den siebziger Jahren von seiner Musik einlullen ließ und seither ihren konsequenten Weg hin zum praktischen Klettverschluß vollzogen hat? Ich hatte nicht das Gefühl, und vielleicht gab es da schon den ersten Knacks in der ganzen Erleuchtetheit, denn gerade weil es eine Menge Elend gibt, sollte man nicht damit hausieren gehen, um damit Sympathiepunkte bei Leuten zu sammeln, denen das Elend als Mitleid selber ins Gesicht geschrieben ist. Aber vielleicht bin ich auch zu unnachsichtig, denn Leonard Cohen war in seiner Schlichtheit ergreifend, er strahlte eine ungeheure Würde aus, in seiner einfachen Eleganz glimmte der Glamour, wenn ich mal kurz alliterieren darf, und seine Demut war nicht gespielt. Man muß ihn einfach lieben. Und das taten auch alle. Warum sagt ihm dann aber keiner, daß er sich ganz und gar auf seine wie alter gut gereifter Wein klingende Stimme verlassen sollte, statt sich mit den zweifellos gut ausgebildeten Gesangsstimmen von drei zweifellos gut aussehenden jungen Frauen den Background zukleistern zu lassen? Leonard Cohen hätte einen Rick Rubin verdient, der ihn auf das Wesentliche reduziert und ihn vom Kitsch und den Schmalz befreit, die sich wie Patina auf seine Songs legen. Und weil ich wie immer völlig unvorbereitet ins Konzert ging, erlebte ich auch eine unangenehme Überraschung, denn als er die ganzen alten Songs durchnudelte, wie »Bird on the Wire« und »Suzanne«, bei denen fast hörbar die Seufzer der Erinnerung durch den Raum waberten und manches Auge feucht wurde, da wurde mir zunehmend unwohl, denn diese Songs evozierten bei mir keine wohligen Schauder, sondern das nackte Grauen, als man adoleszentig auf der Matratze lag, an Weltschmerz litt und sich hemmungslos der süßen Depression hingab, während draußen dazu passend in den Nebelschwaden eine Krähe krächzte, womöglich sogar ein Hund bellte. Cohen hatte dazu den Soundtrack gemacht. Irgendwann konnte ich das Zeug nicht mehr hören. Ich haßte Cohen, weil ich irgendwann entdeckte, daß der existentialistische Lebensstil großer Humbug war. Ich dachte, es wären tiefe Gefühle, aber es war nur Attitüde. Den meisten ist das nie aufgefallen, und deshalb schmelzen sie in ihren praktischen Thermojacken dahin und rascheln dabei. Sie bilden »The Church of Leonard Cohen«, die »Hallelujah« mitbrummen, die inbrünstig der Klangteppichsoße lauschen, und denen nichts auffällt, wenn Cohen ihnen mitteilt, daß das Geheimnis des Lebens »Dubischubidu« heißt, oder so ähnlich jedenfalls. Und dennoch hat Cohen etwas Erhabenes, denn er hat Stil, zumindest biedert er sich nicht an, bedankt sich artig, er freut sich wie ein Kind über die stehenden Ovationen, lüftet zum letzten Mal seinen Hut und tänzelt von der Bühne.