Kinky Friedmans philosophische Funksprüche aus dem Gefängnis
Aber das ist nicht das einzige Erstaunliche an diesem Exzentriker, der lange Jahre mit den »Texas Jewboys« die Welt des Country mit grandiosen Songs, dargeboten in bizarren Kostümen, aufmischte. Erst als sein Koks-Konsum so angestiegen war, daß er »auf eine Leiter steigen mußte, um sich am Hintern zu kratzen«, fing er mit dem Schreiben von Krimis an. Nicht die übliche Krimiware natürlich, und ich bezweifle, daß die Mimi, die ohne Krimi nie ins Bett geht, dabei auf ihre Kosten käme. Nein, Kinkys Krimis entziehen sich dem Genre auf elegante Weise, es dient ihm nur noch als Folie, um eine Philosophie des Schwermuts und der Verzweiflung auszubreiten, und zwar mit so viel Poesie, daß ich nichts lieber tue als mit Kinky in eine andere Welt abzudriften, dorthin, »wo kein Nachtbus mehr fährt«. Aber ohne einfach nur in der Melancholie langsam vor sich hin zu schmoren, besteht der Kampf Kinkys, von dem letztlich seine Bücher handeln, darin, sich ständig und immer wieder neu daraus zu befreien. Ein schmaler Grat, aber er wirkt nicht zuletzt deshalb so überzeugend, wenn man weiß, daß er so ziemlich alle Abgründe des Lebens ausgelotet hat. Und dennoch macht einen die Lektüre nicht depressiv, jedenfalls weit weniger als die Gute-Laune-Fibeln, die einem Ratschläge erteilen, wie man am besten ein Arschloch wird und wie man sich dabei toll fühlt. Kinkys Krimis sind lustig, sein Humor ist grimmig und kann »einen Eisbären zum Kochen bringen«. Er ist rauh und nichts für zartbesaitete Gemüter, also genau der Humor, der ziemlich schwarz ist und ganz und gar nichts für Leute, die zum Ablachen zu Michael Mittermeier in eine Stadthalle gehen, weil genau diese Leute ihn für zutiefst inhuman halten, wenn sie ihn überhaupt verstehen.
Kinky ist selber der »Gefangene der Vandam Street«. Ein Malaria-Anfall hat ihn niedergestreckt, er liegt vom Fieber geschüttelt in seinem Loft und die »Village Irregulars«, seine Kumpels, die schon in seinen früheren Krimis zum festen Handlungspersonal gehören, kümmern sich um ihn. In diesen zwei nicht allzu langen und nicht allzu komplizierten Sätzen läßt sich im Prinzip die gesamte Handlung zusammenfassen. Der Fall ist eigentlich gar kein Fall, auch wenn es am Ende eine tote Frau gibt, aber wie Kinky mit schöner Ironie schreibt: »Die Tatsache, daß die Person, der man helfen will, tot ist, kann einem ziemlich den Wind aus der Ermittlung nehmen.« Vielmehr geht es um Freundschaft in einer Ausnahmesituation zwischen einem vom Delirium durchgerüttelten Verrückten, der nicht weiß, ob er sich »erschießen oder zum Friseur gehen sollte«, und ein paar Trinkern, die planlos durch die Welt stolpern, und wenn jemand glaubt, daß das eine sehr spezielle Sache ist, dann hat er zweifellos recht, aber wer will schon wissen, wie es bei ganz normalen Leuten in einem ganz normalen Mietshaus zugeht, obwohl sich auch da sicherlich Überraschendes zu Tage fördern ließe, wenn man es genauer wissen wollte.
Kinkys Bücher können wie Antidepressiva gelesen werden, und wer Kinkys Humor und Poesie etwas abgewinnen kann, hat bei der Lektüre schon mal drei bis vier Stunden gewonnen, wo er sich keine Gedanken darüber zu machen braucht, daß »jede Veränderung eine Verschlechterung ist«, wie es Joseph Heller für die Ü-50-Generation ausgedrückt hat. Und das ist ja wohl nicht das Verkehrteste.
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