Picknick mit den Hell’s Angels

No comments »

»Der beste Bericht über amerikanische Politik«, war in der New York Times Book Review zu lesen, und George McGovern, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten 1972, von dessen Kampagne die Reportage handelt, meinte, es sei das »wertvollste Buch über den Wahlkampf«. 1972? Das ist lange her. Und nicht nur das. Es hat sich inzwischen auch einiges verändert, und zwar fundamental. »Angst und Schrecken im Wahlkampf« von Hunter S. Thompson ist also in erster Linie eine historische Angelegenheit, aber es wäre nicht der berühmte Gonzo-Autor, wenn das Buch nur eine historische Dimension hätte. Auch sein berühmter Insider-Bericht über die Hell‘s Angels, der ihn schlagartig berühmt gemacht hat, handelt von einem längst vergangenen Zeitphänomen, aber nicht nur entdeckt man nirgendwo eine stilistisch angestaubte Ecke, das Buch ist auch als Analyse einer dissidenten Erscheinung, die die amerikanische Gesellschaft in den Sechzigern nicht unerheblich quälte, nach wie vor präzise und hellsichtig, ganz abgesehen davon, daß der literarische Aspekt seiner Bücher schon allein die Lektüre zu einem Genuss macht, ein Adrenalinschub der besonderen Art, der für Fans unverdaulicher Grass-Bücher nur schwer nachzuvollziehen ist. Wer Hunter S. Thompson bislang nur als verrückten Drogenfreak kennt, der in seinem erfolgreichsten Bestseller »Angst und Schrecken in Las Vegas« dem amerikanischen Traum nachjagte, lernt ihn in diesem Buch als politischen Publizisten kennen, und als solcher gibt er nicht die üblichen Kommentare ab, deren Halbwertzeit kaum die Veröffentlichung überdauert, sondern er spürt das Besondere dieser Wahl auf, die von entscheidender Bedeutung für die Amerikaner war, denn es drohten immerhin weitere vier Jahre Nixon, »ein Mann ohne Seele, ohne innere Überzeugungen, mit der Integrität einer Hyäne und dem Stil einer giftigen Kröte«.

Thompson war 1968 auf dem Parteikonvent der Demokraten in Chicago von den Ordnungshütern verprügelt und durch eine Schaufensterscheibe gestoßen worden. Das war sein politisches Erweckungserlebnis und ursächlich dafür, daß er sich in Aspen (wo er wohnte) zur Wahl für das Sheriff-Amt stellte und auf dem Freak-Power-Ticket es auch fast geschafft hätte. Der Rolling Stone beauftragte ihn schließlich, über den Wahlkampagne 72 zu schreiben, und das hieß für ihn, ein Jahr lang auf Hochtouren kreuz und quer durch das Land zu jetten, auf den Fersen der demokratischen Kandidaten, die gegen Nixon in den Ring steigen wollten. Aber wer hatte überhaupt Chancen? »Muskie ist ein Holzkopf, der seine besten Sätze aus alten Nixon-Reden stiehlt. McGovern ist zum Scheitern verurteilt, weil jeder, der ihn kennt, so viel Respekt für ihn hegt, dass er dem armen Kerl nicht zumuten mag, am Präsidentschaftsrennen teilzunehmen … John Lindsay ist eine Niete, Gene McCarthy ist irre, Humphrey ist fertig und nutzlos, Jackson hätte lieber gleich im Bett bleiben sollen … und, na ja, damit wäre die Lage wohl geklärt, oder?« Nicht wirklich, denn sonst hätte er nicht weitere 450 Seiten darauf verwandt, den Verwerfungen in diesem Wahlkampftrip nachzugehen, aber letztlich war das zu Beginn der Vorwahlen schon eine ziemlich gute Einschätzung. Ed Muskie hatte die Parteibürokratie hinter sich und galt als der haushohe Favorit, jedenfalls solange sich Ted Kennedy nicht einmischen würde, aber bereits nach den ersten Wahlen warf er das Handtuch, denn vollkommen überraschend stahl George McGovern allen anderen die Show, er jedenfalls war nicht erst gegen den Vietnam-Krieg gewesen, als sogar Nixon anfing, den Rückzug vorzubereiten, er war also der einzige, der nicht erklären musste, warum für ihn diese Geschichte »ein Fehler« gewesen war, der immerhin 60.000 Amerikanern das Leben kostete, und nebenbei ja auch noch ein paar Millionen Vietnamesen.

McGovern war ein Mann der Linken, der in Niedrigeinkommen-Wahlkreisen eine gute Resonanz verzeichnen konnte, und der »als Kandidat des Wandels«, wie ihn sein Wahlkampfmanager Frank Mankiewicz beschrieb, bei der amerikanischen Mittelschicht, aber auch bei den Studenten, Hausfrauen, Farmern und Fabrikarbeitern gut ankam (in Kalifornien kamen auch noch die Schwarzen und Chicanos hinzu) durch seine direkte und geradlinige Art, mit der er seine Steuerreformpläne erläuterte, und der in aller Herrgottsfrühe vor den Betrieben stand und den Malochern die Hand schüttelt. Vor allem aber machte McGovern eine gute Figur im Fernsehen. Er wirkte aufrichtig und erweckte den Eindruck, »dass er auch an das glaubt, was er sagt«. Muskie verließ sich auf die Partei und machte in Florida Wahlkampf vom Zug aus und das »Rassistenmonster« George Wallace trat auf »wie ein Bühnenkünstler«, nur um nicht zu sehr in die Nähe der Massen zu geraten. Jedenfalls war es eine ungeheure Tortur, die verschiedenen Kandidaten im Auge zu behalten und tatsächlich dabei zu sein, wenn sie mit ihrem Tross durchs Land reisten und immer wieder die gleichen Phrasen absonderten, bevor sie am Wahlabend sich eingestehen mußten, dass sie ein paar Millionen verpulvert hatten, oder sie das Wahlergebnis euphorisch bejubeln konnten. »Nur ein Irrer würde sich auf einen Job einlassen: 23 Vorwahlen in fünf Monaten; sturzbetrunken von morgens bis abends und die Kopfhaut voller Speed-Pusteln. Wo liegt der Sinn?« Zwar galt Thompson als »gemeingefährlicher Alkoholiker und berüchtigter Konsument harter Drogen«, aber eine gewisse Art von Drogenabhängigkeit war in Wahlkampfkreisen sowieso weit verbreitet. Da wurden hemmungslos Downer und Speed eingeworfen, so daß selbst Hunter S. Thompson der Wahlkampf mehr und mehr wie ein »Picknick der Hell‘s Angels« vorkam. Thematisiert aber wurde das selbstverständlich nicht.

Um es kurz zu machen: McGovern hatte Erfolg mit seiner kuriosen Idee, »einen stummen Kriegstanz auf dem Leichnam der Demokratischen Partei« abzuhalten und trotzdem in Miami zum Kandidaten gekürt zu werden. Aber sobald es gegen Nixon ging, gab er seinen erfrischenden, an der Basis geführten und von idealistischen jungen Leuten unterstützten Wahlkampf auf und versuchte die alten Parteibosse für sich zu gewinnen. Auf der Suche nach einem Vize bekam er von Humphrey öffentlich eine Abfuhr, Ted Kennedy zierte sich, um seine Chancen auf die Wahlen 1976 nicht zu gefährden, weshalb McGovern Tom Eagleton zu seinem Vize ernannte, von dem sich mit diskreter Hilfe des FBI herausstellte, daß er wegen »suizidaler Absichten« schon mal in einer Psychiatrie mit Elektroschocks behandelt worden war. Ein gefundenes Fressen für Nixon, dem es spielend gelang, die McGovern-Truppe als chaotischen Haufen von Irren darzustellen. Und obwohl Nixon die Presse an der kurzen Leine hielt und ein mieser Wahlkämpfer war, vollkommen ohne Charisma und Ausstrahlung, reichte es ihm aus, einfach keinen entscheidenden Fehler zu machen, um einen erdrutschartigen Sieg einzufahren, der auf mehr schließen ließ als auf ein zerstrittenes Erscheinungsbild der Demokraten. Der Sieg Nixons bedeutete, daß die Amerikaner genug hatten von den ständigen Unruhen, Demonstrationen und Protesten der Anti-Kriegslinken und Yippies. Sie sehnten sich nach Ruhe und Ordnung und nach einer Beendigung des Vietnam-Kriegs, und dabei schien man sich lieber auf Nixon zu verlassen.

Wirft man einen massenpsychologischen Blick auf die damaligen Wahlen, dann eröffnen sich einige überraschende Perspektiven, die aus dem Buch eben mehr als eine Geschichtslektion machen. Auch McGovern sah sich dem »Wandel« verpflichtet, mit dem Obama seiner Vision eine vage Kontur gab. Auch McGovern kam mit seiner Geradlinigkeit bei dem jugendlichen Wählern gut an, die als Zünglein an der Waage galten, wenn es knapp auf knapp gekommen wäre. Aus dem Desaster von McGovern kann Obama lernen, dass er sich keinen entscheidenden Fehler leisten darf. Immerhin sah es so aus, als ob er die demokratische Parteitagsmaschinerie auf sich einschwören konnte, was aber noch nicht heißt, dass nicht noch der eine oder andere Heckenschütze auftauchen wird. Aber obwohl die Republikaner vollkommen abgewirtschaftet haben und Obama die Macht wie eine schon fast überreife Frucht in den Schoß fallen müsste, sieht es noch lange nicht so aus, als ob die Amerikaner Obama zutrauen, den Irak-Krieg und den Zusammenbruch der Finanzmärkte zu meistern. In der Krise nämlich wächst bei unentschiedenen Wählern die Neigung, doch lieber auf die Konservativen zu setzen, egal wie sich diese Politik desavouiert hat.

Insofern ist »Angst und Schrecken im Wahlkampf« auch ein Lehrstück darüber, wie so ein Wahlkampf funktioniert, der ja durchaus seine faszinierenden Seiten hat, die allemal spannender sind als die hölzernen Tiraden deutscher Trantüten aus allen Parteien, auch wenn die Personifizierung des Wahlkampfs natürlich von Inhalten und von den wirklich wichtigen Dingen eher ablenkt. Jenseits aber von den verschiedenen Interpretationen und Deutungen, besticht das Buch durch seinen Autor, der frei nach H.L. Mencken schonungs- und respektlos mit den Politikern umgeht, was die Lektüre viel aufregender und vor allem lustiger macht als die biederen Kommentare, für die im allgemeinen der eherne Grundsatz gilt, dass sie dem Kandidaten nicht weh dürfen. Jedenfalls würde man von Deppendorf niemals etwas Hässliches über einen Kanzlerkandidaten sagen hören, schon gar nicht, dass er ihn für einen »heimtückischen und feigen Stimmviehfänger« hält, »den man in eine gottverdammte Flasche stecken und der japanischen Meeresströmung überlassen sollte«, obwohl Politiker durchaus Dinge auf den Kerbholz haben, die solche Aussagen rechtfertigen.

Ein großartiges Buch, dem es allerdings nicht viel helfen wird, dass Heyne im Titel den Hinweis auf 72 weggelassen hat. Es wird sich vermutlich trotz dieses kleinen Tricks nicht gerade rasend verkaufen, was den Verlagsvertretern und Vertriebsmenschen wahrscheinlich schon im Vorfeld schwer im Magen lag, weshalb hier Markus Nägele, dem Mann im Hintergrund, der den Deal eingefädelt hat und der die treibende Kraft war, die Heyne das Kuckucksei ins Nest schmuggelte, große Anerkennung gezollt werden soll, ebenso wie der grandiosen Übersetzung von Teja Schwaner, der den Sound von Thompsons Sprache kongenial eingefangen hat. Das zumindest musste gesagt werden, bevor ich Hunter S. Thompson das Schlusswort überlasse, dem das alchemistische Kunststück gelang, aus Wahlkampfberichterstattung Literatur gemacht zu haben: »›Behalten Sie stets Ihren klaren Kopf‹, sagte Mankiewicz. ›Ziehen Sie keine Schlüsse aus dem, was Sie sehen oder hören.‹ Ich hängte ein und trank noch mehr Gin. Dann legte ich eine Dolly-Parton-Kassette ein und sah zu, wie die Bäume vor meinem Balkon vom Wind gepeitscht wurden. Gegen Mitternacht, als der Regen aufhörte, zog ich mein Miami-Beach-Spezialhemd an und ging zu Fuß mehrere Blocks auf dem La Cienega Boulevard hinunter in den Loser‘s Club.«

Hunter S. Thompson, »Angst und Schrecken im Wahlkampf«, Heyne, München 2008. Übersetzt von Teja Schwaner. 572 Seiten, 9,95 Euro

Der Una-Bomber der amerikanischen Literatur

No comments »

Hunter S. Thompson irrt durch das »Königreich der Angst«

Dieses Buch wurde nachts verfaßt, wenn die Besucher und Nachbarn, die gekommen waren, um sich irgendwelche Baseball- oder Basketballspiele im Fernsehen anzusehen und Wetten abzuschließen, wieder nach Hause gewankt waren. Dann saß Hunter S. Thompson »vor dieser gottverdammten Schreibmaschine, ein leeres Glas neben mir, eine nicht angezündete Zigarette zwischen den Lippen und auf dem Fernsehschirm eine nackte Frau, die ‚Porgy & Bess‘ singt.« Hunter S. Thompson zimmerte fleißig an diesem Mythos des verrückten Außenseiters, der immer noch weiter machte, wenn schon alle die Waffen gestreckt hatten. Und warum auch nicht? Abgesehen von kleineren und größeren Ausmalungen stimmte es ja auch. Sein Leben hatte nur entfernte Ähnlichkeiten mit dem Leben, das ein Schriftsteller für gewöhnlich führt, jedenfalls Schriftsteller, die auf ihre Buchproduktion genauso achten wie auf ihre Gesundheit und deren Literatur die Ausstrahlung von Birkenstockschuhen besitzt.

Und von diesem ungewöhnlichen Leben legte Hunter S.Thompson zuletzt 2003, zwei Jahre vor seinem spektakulären Selbstmord, mit »Kingdom of Fear« noch einmal Zeugnis ab, das jetzt unter dem Titel »Königreich der Angst« auf deutsch erschienen ist. Und auch in diesem Buch erweist sich der »Una-Bomber der amerikanischen Literatur«, wie ihn Time einmal bezeichnet hat, als großer Erzähler und hervorragender Stilist, der Witz und Charme hat, aber auch grob werden kann, wenn er es für angemessen hält.Häufig ist zu vernehmen, daß Hunter S.Thompson seit »Hell‘s Angels« und »Fear and Loathing in Las Vegas« nichts mehr Großes gelungen sei. Dahinter steckt die Erwartung, daß Hunter S. Thompson das später verfilmte »Angst und Schrecken«-Buch noch einmal in etwas abgewandelter Form hätte schreiben sollen, also das zu tun, was andere Autoren zweifellos sofort getan hätten, nämlich an der Schraube der Wiederholung zu drehen und eine Idee zu Tode zu reiten. Hunter S. Thompson hat das nicht getan und mit »Königreich der Angst« ein Buch vorgelegt, das sich mit seinen frühen Erfolgen durchaus messen kann, auch wenn in dieser als seine Memoiren geltenden Schrift häufig nur Artikel zweitverwertet wurden. Das macht aber nichts, weil Hunter S. Thompson sowieso nie eine klassische, linear erzählte Lebenserinnerung geschrieben hätte. Und deshalb erfährt man nichts über die Zeit, als er mit den Hell‘s Angels oder seinem übergewichtigen samoanischen Anwalt herumzog. Das alles hatte er bereits erzählt, und warum es noch einmal erzählen, wenn er überzeugt ist, daß es besser nicht zu machen ist?

Hunter S. Thompson schreibt über sein Leben als jugendlicher Straftäter: »Ich war Billy the Kid aus Louisville. Ich war ›kriminell‹: Ich stahl, zerstörte mutwillig, trank. Mehr muß man als Krimineller ja auch nicht tun.« Er macht sich über den nationalen Nervenzusammenbruch lustig, der in Amerika nach dem 11. September einsetzte, über die staatlich verordnete Hysterie, alles zu überwachen, zu kontrollieren und am besten gleich wegzusperren, bevor »dunkelhäutige Terroristen« das »ganze gottverdammte Land in Schutt und Asche legen«. Dazwischen eingestreut tauchen Zeitungsartikel, Kommentare, Briefe und detaillierte Gedächtnisprotokolle über einen Fall auf, in dem Hunter S. Thompson die Hauptrolle spielte und an deren Zurechtrückung ihm viel lag, denn zum ersten Mal rückte ihm ein obsessiver Staatsanwalt bedrohlich nah auf die Pelle und will ihn wegen einiger Krümel Drogen ein paar Jahre hinter Gitter schicken. Eine Journalistin, die früher im »Sex-Business« tätig war, will unbedingt ein Interview. Hunter S. Thompson hat keine Lust, aber sie erweist sich als aufdringlich und hartnäckig und schafft es schließlich, zur Owl-Farm vorgelassen zu werden. Was sich dort abspielt, darüber gibt es unterschiedliche Darstellungen. Die Journalistin behauptet, sexuell belästigt worden zu sein, und erstattet Anzeige. Daraufhin wird die Staatsanwaltschaft aktiv und ordnet eine Hausdurchsuchung an. Es werden geringe Mengen von Drogen gefunden. Es kommt zum Prozeß, der jedoch für die Staatsanwaltschaft zur Farce gerät, denn nie hatte Hunter S.Thompson einen Hehl aus seinem Drogenkonsum gemacht. Und tatsächlich weist der Richter sämtliche Anklagepunkte ab. »Der Schuß ist nach hinten losgegangen«, schreibt Thompson später euphorisch. »Sie sind allesamt verloren. Schon bald werden sie im Gefängnis sitzen. Diese Hundesöhne besitzen nicht mehr Respekt vor dem Gesetz als das Diebesgesindel in Washington. Sie wird dasselbe Schicksal ereilen wie Charles Manson und Neil Bush.«

Die lustigste Geschichte in diesem Episoden-Buch heißt »Hiiiiiiiiiier ist Johnny! Angst und Schrecken vor Jacks Haus…« und handelt von einem Geburtstagsbesuch, den Hunter S. Thompson Jack Nicholson abstattet und der zu einem totalen Fiasko gerät, weil Thompson es für eine gute Idee hält, irgendwann gegen drei Uhr in der Nacht das einsam in einer Schlucht gelegene Haus von Nicholson mit der Tonbandaufnahme vom Todeskampf eines Schweins zu beschallen, das lebendig von einem Bären gefressen wird, und einen Suchscheinwerfer mit einer Million Watt auf das Anwesen zu richten, außerdem ein bißchen mit einer Neun-Millimeter-Pistole von Smith & Wesson herumzuballern und ein blutiges Wapitiherz an die Tür zu lehnen. Da sich Jack Nicholson bei diesem Frontalangriff verständlicherweise verbarrikadiert und das Licht löscht, fährt Thompson auf seine Owl-Farm zurück, um am nächsten Morgen zu erfahren, daß die gesamte Polizei des County auf der Suche nach einem Durchgeknallten ist, der Jack Nicholson und seine Familie abschlachten wollte. Genau wie in »Shining«.

Wer bei der Lektüre dieser Seiten keinen Lachkoller bekommt, hat von hochkomischer Literatur keine Ahnung. Klar, Reich-Ranicki würde mit diesem großartigen Buch nichts anfangen können.Und das ist auch gut so. Das Prinzip der Bügelfalte in der Literatur, das Alfred Döblin an Thomas Mann spöttisch konstatierte und das Reich-Ranicki an dem gleichen Mann bewundert, wird man bei Hunter S. Thompson vergeblich suchen. Bei ihm geht es um existentielle Dinge, um die Angst und um den Schrecken, die vom amerikanischen Traum übrig geblieben sind, und niemand kann diese bedrohliche Seite des Lebens besser beschreiben. Der Leser wird mit großer suggestiver Kraft in ein Szenario gesogen, das sich verselbständigt und plötzlich mit Thompsons sarkastischem Witz konfrontiert wird: »Wir schreiben das letzte und chaotische Jahr des Amerikanischen Jahrhunderts, und die Leute werden nervös. Hamsterer wagen sich hervor, murmeln düstere Prophezeiungen wegen der Jahrtausendwende und kaufen den Rindereintopf von Dinty Moore gleich kistenweise… Ich persönlich hamstere Munition, viele Tausende Patronen. Kugeln werden sich immer als nützlich erweisen, besonders wenn das Licht ausgeht und das Telefon plötzlich tot ist und die Nachbarn hungrig ausschwärmen. Spätestens dann stellst du fest, wer deine Freunde sind. Selbst enge Verwandte wenden sich gegen dich. Nach dem Jahr 2000 werden die einzigen Freunde, vor denen du dich sicher fühlen kannst, die toten Freunde sein.«

Über Hunter S. Thomspon wurden fünf Biografien geschrieben und weitere werden folgen. Sein Name wird im Internet häufiger genannt als die von William Burroughs, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Norman Mailer und Tom Wolfe zusammen, und wer »aus dem Leben des letzten amerikanischen Rebellen« etwas wissen will –und wollen wir das nicht alle? Vorausgesetzt wir interessieren uns überhaupt noch für etwas –, kommt um dieses Buch nicht herum. Es sollte zu Aufklärungszwecken an alle Schulen verteilt werden. Man kann schließlich nicht früh genug damit anfangen, junge Menschen zu verderben und mit richtiger Literatur zu konfrontieren.