Arbeit vernichtet, was sie versprach.

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Robert Menasse ruft die permanente Revolution der Begriffe aus

Es ist nur ein schmales Büchlein, das jedoch Gewicht hat wie selten ein Buch, das sich mit Begriffen auseinandersetzt, die in der öffentlichen Debatte ausgehöhlt und banalisiert wurden. In acht Vorträgen beschäftigt sich Robert Menasse im Suhrkamp-Bändchen »Permanente Revolution der Begriffe« mit Arbeit, Religion, Europa, Demokratie, Öffentlichkeit, Kultur, Sucht und Kritik, wobei es gleich mit der Arbeit, dem zweifellos wichtigsten Beitrag, losgeht. Arbeit taucht in der Gesellschaft zum einen als Mangel auf, als Faktor, der im internationalen Wettbewerb der Konzerne hinderlich ist, gleichzeitig wird Arbeit als höchstes aller Güter bewertet: diejenigen können sich glücklich schätzen, die Arbeit haben.
Was in der gesellschaftlichen Diskussion durcheinander geht, versucht Menasse auf kluge Weise ideologiegeschichtlich zu entschlüsseln. Die Frühsozialisten hatten die Vision, daß Arbeit nicht nur Fron sei, sondern ein Glücksversprechen enthalte. Charles Fourier wollte sogar dem rastlosen Spieltrieb der Kinder gesellschaftlichen Nutzen abgewinnen und ihre Aktivitäten in Produktivität transformieren. Herausgekommen ist die Kinderarbeit. Für eine Gesellschaft, in der der Mensch nach seinen Bedürfnissen lebte, übernahm auch Marx die Vorstellung von der nicht-entfremdeten Arbeit, die – »gesetzt, wir hätten als Menschen produziert« (Marx) – frei mache. Diese Idee wurde von völkischen Ideologen übernommen und endete schließlich als Inschrift über dem Tor von Auschwitz, und das zeigt vor allem, daß man Utopien gegenüber skeptisch sein sollte, weil sie in der Regel in das Gegenteil der Intention der Erfinder kippen. Die selbstbestimmte Arbeit, die ein Rudolf Höß für sich ganz selbstverständlich reklamierte, bestand darin, andere Menschen möglichst effizient zu töten. Darin fand Höß seine Erfüllung, es ging ihm darum, seine Arbeit gut und gründlich zu tun, und zwar mit Liebe und Hingabe. Im Prinzip hat sich an diesem Arbeitsbegriff auch heute nichts geändert, was letztlich damit zu tun hat, daß »die Mehrheit der Menschen auch und erst recht heute bedingungslos bereit ist, sich den Zwängen und Anforderungen eines Systems zu unterwerfen, um eine Freiheit zu erlangen, die dann selbst auch wieder nur ein ideologisches Produkt dieses Systems darstellt.« Nach Menasse reproduziert selbst die »gute Arbeit« nur den »Verblendungszusammenhang«. Arbeit, egal unter welchen Bedingungen, ist das Verhängnis, denn die wichtigen Dinge für die Menschheit wie Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit werden durch sie nicht befördert, sondern zerstört. Menasse seziert den Begriff Arbeit auf eine Weise, wie das selten geworden ist, er läßt kein Schlupfloch für die Annahme, sich durch Arbeit selbst verwirklichen zu können, jedenfalls nicht, solange sich an den gesellschaftlichen Voraussetzung nicht grundlegend etwas geändert hat, aber dafür gibt es keine Anzeichen, und solange das nicht der Fall ist, kann es höchstens darum gehen, gegen den weit verbreiteten Irrtum anzuschreiben, Arbeit könne selbstbestimmt sein, denn: »Was immer durch Arbeit produziert wird, sie vernichtet, was sie versprach.«
Aber Menasse verweilt nicht nur auf der abstrakt-begrifflichen Ebene, er begibt sich auch in die Niederungen der Politik. In Österreich wurde Martin Graf zum Parlamentspräsidenten gewählt. Martin Graf aber ist Mitglied einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Organisation. Jeder Abgeordnete, der ihn gewählt hat, wußte das, aber es sei nun mal »Usance«, daß der Kandidat der drittstärksten Parlamentsfraktion für diesen Posten vorgesehen ist, und auch der österreichische Bundespräsident hielt nichts davon, diesen »Grundsatz« in Frage zu stellen. Diese feinfühlige Rücksichtnahme für einen Rechtsradikalen aus Gründen der Gewohnheit bringt Menasse auf die Palme, und sarkastisch merkt er an, das sei so, »als würde der Paragraph 1 der österreichischen Verfassung tatsächlich lauten: ›Österreich ist eine demokratische Republik. Alle Macht geht von der Gewohnheit aus.‹« Mehr noch, für Menasse handelt es sich um blanke Willkür, wenn das Gewohnheitsrecht über den Rechtszustand gestellt wird, denn Martin Graf verstoße nun mal ganz offen gegen den Grundkonsens der Republik, Demokratie ist dann »nur noch eine abstrakt allgemeine Bezeichnung für die ›Umstände‹, die einfach so bleiben sollten, wie sie waren.«
Radikal sein bedeutet, die Sache an der Wurzel packen, die Wurzel für den Menschen sei aber der Mensch. In diesem altmodischen marxschen Sinne ist Robert Menasse radikal. Es geht für ihn immer noch um den Menschen und um die von ihnen geschaffenen Institutionen. Auch wenn er sich über den Menschen keine Illusionen mehr macht und Winston Churchill zitiert, der einmal sagte: »Das größte Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler«, Menasse ist dennoch vom Furor der Empörung gegenüber Skandalen und Ungerechtigkeiten getrieben und setzt die klassischen Mittel der Aufklärung ein. Hinsichtlich Österreich, unter dem Robert Menasse hauptsächlich leidet, fällt mir den Stoßseufzer von Bernd Eilert ein: »Schade, daß man dieses kotelettförmige Land  nicht einfach in eine Pfanne werfen, braten und aufessen kann.« Einige besondere Verfehlungen ließen sich damit vielleicht beseitigen, aber die Demokratie versickert nicht nur in Österreich. Und der Dichter? »Im Grunde hat er, neben Ihnen, nur kurz gehechelt.« Aber das bleibt im Gedächtnis, hat man Robert Menasse aufmerksam zugehört.

Robert Menasse, »Permanente Revolution der Begriffe«, edition suhrkamp, Frankfurt 2009, 124 Seiten, 9.- Euro

Hermann, Eva & Ballack, Michael

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Wie in einem schleimigen Horrorfilm, in dem Untote mit Glasaugen und wächserner Haut, in die sich eine Delle drücken läßt, in die idyllische Welt der naiv vor sich hin lebenden Menschen einbrechen und Verheerungen anrichten, so ist Eva Hermann aus dem Reich der längst Totgesagten wieder aufgetaucht und rechnet knapp drei Jahre nach ihrem Rauswurf beim NDR mit ihren Kritikern ab. Die für traditionelle Werte wie Familie, Hund, Müttergenesungsheim, Haus, Gartenzwerg, Zierdeckchen, röhrender Hirsch und ähnliche Grausamkeiten eintretende Eva Hermann stellt in ihrem Buch »Die Wahrheit und ihr Preis« unter Beweis, daß Blondinenwitze doch eine gewisse Berechtigung haben. Die »Bild«-Zeitung druckte ein paar Passagen vorab und gab somit dem breiigen Denken der ehemaligen Tagesschausprecherin ein Forum, nicht ohne dem molligen Wesen, dessen Gesicht sich gut für Babynahrung eignen würde, einen entsprechenden Rahmen zu geben, denn während sie oben mit einem honigsüßen Lächeln ihre weißen Zähne blitzen läßt, stellt »Bild« sie in einen Zusammenhang, der ihr nicht gefallen dürfte, denn direkt darunter, quasi als Bildunterschrift steht: »Killer-Bubi (16) gefasst! Er erstach einen Schüler (19) am Hamburger Jungfernstieg«. Links daneben dann die kleingedruckte Wahrheit der Eva Hermann, die sich ihre Gedanken, wenn man das denn so nennen will, über die Wahrheit macht:
»Wahrheit? Woher will Eva Hermann denn die Wahrheit wissen? So höre ich meine Kritiker immer wieder. Ich spreche jedoch nicht selbst Erdachtes, sondern beuge mich allein der ewigen Wahrheit, die der Schöpfer in diese Welt senkte: Das wichtigste Naturgesetz, das Grundgerüst allen Seins auf dieser Erde ist die Liebe! Für  die Wahrheit der Liebe, die allein Freiheit des Geistes bedeutet, werde ich immer kämpfen.« Diese wirren Sätze sollten wirklich in einem Schmuckschächtelchen als Perlen unfreiwilliger Komik verwahrt werden. Die Hybris, quasi Gottes Stellvertreterin auf Erden zu sein durch die Verbreitung ewiger Wahrheiten, ebenso wie die steile und völlig zusammenhangslose These, die Wahrheit der Liebe wäre eine Bedingung für die Freiheit des Geistes, wofür bislang nur Eva Hermann Anzeichen gefunden hat, machen sie jedenfalls zu einem entschiedenen Anwärter für den Posten des Papstes.
Bei solchen grandiosen Erkenntnissen ist man natürlich schon ein bißchen auf die »Wahrheit der Liebe« gespannt: »Von meinem Lebenstraum, verheiratet zu sein und mindestens drei Kinder zu haben, hatte ich mich in den letzten Jahren Stück für Stück verabschiedet. Zwar hatte ich einige Anläufe unternommen, aber ständig liefen mir die Männer unter lautem Aufschrei davon…« Okay, der letzte Halbsatz ist jetzt selbst Erdachtes, kommt aber der Wahrheit durchaus nah, denn Eva Hermann scheiterte. »Woran?« fragt sie sich. Vermutlich weil sie sonst niemand fragt, unterhält sie sich eben mit sich selbst: »Letztlich an meinem Job, denn dieser war für mich immer das Wichtigste gewesen, und dafür wurde alles andere in die zweite Reihe geschoben. Nun waren weder ein Ehemann noch Nachwuchs in Sicht. Nicht einmal einen Hund konnte ich mir anschaffen, weil ich ständig mit dem Flugzeug durch die Weltgeschichte gondelte.« Das ist wirklich große Komik, und Eva Hermann ist zweifellos eine heiße Anwärterin auf den Preis für peinliche Literatur, denn so geht es ständig weiter. Eine kleine Kostprobe noch: »Und jetzt hatte die biologische Uhr von einem Tag auf den anderen mahnend und hartnäckig zu ticken begonnen. Plötzlich wünschte ich mir nichts sehnlicher, als ein Kind zu bekommen und eine richtige Familie zu gründen. Weit und breit war kein passender Mann in Sicht, keiner, der mit mir eine Familie hätte gründen wollen. Wer sollte hier denn auch mithalten können? Bei meinem Verdienst und dem gigantischen Erfolg? Und dem offensichtlichen, prallen Selbstbewußtsein?«, mit dem Leute ihres minderbemittelten geistigen Formats freilich auf peinlichste Weise protzen müssen.

Ich hätte ihr einen Mann verraten können, der zu ihr gepaßt hätte: Michael Ballack. Der aufdringlichste Werbeträger, den der deutsche Fußball je hervorgebracht hat, wird sogar vom »Rolling Stone« genommen. Für eine Anzeige Ballacks für den »48h Transpirationsschutz« von L‘Oréal mit dem Werbespruch »48h cool bleiben« auf der hinteren Umschlagseite durfte Ballack dann auch vorne Coverboy spielen. So funktioniert Journalismus in Zeiten seines Untergangs. Im Innenteil verrät Ballack, das er »alles querbeet« hört wie z.B. Xavier Naidoo. Es geht allerdings auch noch schlimmer: Philipp Lahm, der Ersatzkapitän, hört am liebsten »Weus‘d a Herz hast wia Bergwerk« von Rainhard Fendrich. Am schlimmsten ist dann aber wieder Ballack, auf dessen Hochzeit die Schmalznudel Elton John schmachtete: »Das war unglaublich, keine Frage. Simone und ich fanden Elton John schon immer toll.« Und daran erkennt man, daß Ballack ein Zoni ist, denn die sind besonders anfällig für eimerweise zähflüssiges und öliges Liedgut.

In Sachen Mißbrauch bei den Katholen möchte ich noch einen kleines Schlußwort von Malte Lehmig anfügen, der im Berliner »Tagesspiegel« einen bemerkenswerten Kommentar schrieb: »Doch kaum einer von denen, die sich jetzt zu Recht über die Mißbrauchsfälle empören, begangen zum größten Teil von mehr als dreißig Jahren, macht sich Gedanken darüber, was er selbst aktuell in seiner Gegenwart als gegeben hinnimmt, von dem er zumindest ahnen kann, dass es sich dereinst als grottenfalsch herausstellen könnte. Es ist durchaus möglich, dass demnächst ein Terrorist auf dem Potsdamer Platz eine ›schmutzige‹, sprich radioaktive Bombe zündet. Bald danach wird man ganz zerknirscht darüber nachdenken, ob das nicht zu verhindern gewesen wäre, mit ausgeklügelter Rasterfahndung, Nackscannern oder anderem. Wie sicher sind unsere Datenschützer, dass sie unsere Sicherheit nicht gefährden? Oder: Brauchen wir wirklich erst den nächsten Amokläufer, um uns intensiver als bislang über den Zusammenhang von am Bildschirm verübter und realer Gewalt Gedanken zu machen? Oder: Wachen wir tatsächlich erst auf, wenn eine iranische Atombombe auf Jerusalem fällt? Das alles sind Fragen. Aber wer ist heute wirklich frei von einer gewissen Komplizenschaft mit dem Zeitgeist?« Chapeau! Das muß man Malte Lehming erstmal nachmachen. Und noch eine Frage bei all diesen Fragen: Ist das das Endstadium des Journalismus?

Bischof Mixa; Philipp Freiherr von und zu Guttenberg; Wiese, Tim

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Ich finde, wenn man Aufnahmen von Bischöfen sieht, die im Rudel zusammenstehen oder gerade ihren Limousinen mit Chauffeur entsteigen, mit Sonnenbrillen und dem feisten Lächeln von Gutgenährten, dann könnten das genauso gut Mafia-Bossen sein, wenn die alberne Verkleidung nicht wäre. Die Mafia ist den Bischöfen genau um dies voraus: Sie ist wenigstens gut gekleidet. Im Lügen und Betrügen ist es schon weit schwieriger zu sagen, wer die Nase vorn hat. Mit Bischof Mixa liegt in dieser Disziplin die Kirche wieder vorne. »Ein Priester muss gewaltlos sein. Ich habe mich immer daran gehalten. Deshalb habe ich zu den Vorwürfen, die aktuell gegen mich erhoben werden, ein reines Herz. Die Anschuldigungen sind einfach unwahr und stimmen mich traurig«, sagte der Bischof und fügte mit erstaunlicher Chuzpe hinzu, daß er für die, die ihn beschuldigten, beten wolle. Könnte sich das Gebet möglicherweise so angehört haben: »Bitte, lieber Herrgott, laß diese verdammten Kläffer, die mir ans Bein pinkeln wollen, zur Hölle fahren!« Man weiß es nicht, aber das Gebet wurde erhört, allerdings von den Opfern, die  sich reihenweise meldeten und bezeugten, von Mixa geschlagen worden zu sein und ihm anschließend die Hand küssen mußten, quasi die Hand Gottes, die mildtätige Gaben auf diverse Körperteile der Delinquenten verteilt hatte. Vom weihevollen Verkünder der Gewaltlosigkeit eines Priesters verwandelte sich Mixa plötzlich in einen jovialen Naturburschen, dem halt mal die Hand ausgerutscht ist. Mein Gott, was ist da schon dabei? »Wenn jetzt das Thema auf die Frage nach Ohrfeigen zugespitzt wird, will ich ganz ehrlich sagen, dass ich als langjähriger Lehrer und Stadtpfarrer im Umgang mit sehr vielen Jugendlichen die eine oder andere Watschn von vor zwanzig oder dreißig Jahren natürlich nicht ausschließen kann.« Dieses »ganz ehrlich« und das »natürlich« sind sehr lustig. Auch daß eine »Watschn« für Mixa keine körperliche Züchtigung darstellt, sondern offensichtlich zum normalen Umgang mit anderen gehört, eine »Watschn« quasi nur eine Art handfeste mit Nachdruck vorgetragene Argumentation ist, ist interessant. Daß eine Ohrfeige erniedrigend ist, versteht Mixa nicht. Auch nicht daß es sich um ein Ritual der Unterwerfung handelt, wenn der Geschlagene seine Hand küssen mußte. Aber genau in diesem auf strukturelle Gewalt beruhenden Verhältnis von Herr und Knecht drückt sich die Herrschaftsform der Kirche aus. Sie funktioniert so, sie beruht auf solchen hierarchischen Strukturen, die notfalls mit Gewalt aufrecht erhalten werden, so daß Leute wie Mixa nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind, denn die Kirche bringt Menschen mit solchen miesen Charakteren erst hervor, nach außen frömmelnd und nächstenlieb und nach innen gewalttätig und unterdrückend. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß inzwischen Stimmen laut wurden, die Mixa nicht nur Schläge vorwerfen, sondern auch sexuellen Mißbrauch. Konsequenzen? Der Papst nimmt die Rücktrittsforderung von Mixa an, der Mann bleibt Bischof, wahrscheinlich mit den entsprechenden üppigen Bezügen, nur ohne Diözese. In einer speziellen Schweizer Klinik darf er sich von den Strapazen erholen. Und das ist doch schön und beruhigend, daß solche bedauernswerten Menschen kein Leid getan wird, auch wenn ich mir als rachsüchtiges Subjekt schon wünsche, daß Mixa all die Watschn zurückkriegen würde, die er verteilt hat, und anschließend müßte er den Opfern die Hände küssen. Ich meine, das ist doch nicht zuviel verlangt oder? Mein Gott, was ist schon so eine Watschn?
Neues gibt es auch wieder aus dem Hause von und zu Guttenberg. Diesmal ist es der Bruder des Verteidigungsministers, der unter Beweis stellt, daß auch er nicht mehr alle Spatzen im Wald hat. In einer großen Home- bzw. Waldstory kommt heraus, daß er sich Sorgen um den deutschen Wald macht und deshalb zum Präsidenten der deutschen Waldbesitzer gewählt wurde. Seine Frau entstammt einem alten schottischen Geschlecht und auf der Hochzeit waren Lederhose, Dirndl und Schottenrock obligatorisch. Mit seinem Vater Enoch zu Guttenberg, der sich Sorgen macht wegen des Abschmelzens der Pole, weil das Hochwasser dann zur Folge hätte, daß Millionen von Flüchtlingen wie ein alttestamentarischer Heuschreckenschwarm nach Deutschland einfallen und die deutschen Wälder niedertrampeln würden (siehe LIVE 2/2010)…, mit dem also spielt Philipp manchmal zusammen Waldhorn, »ein hervorragendes Beispiel, wozu man Holz nutzen kann«, wie er meint, um davon abzulenken, daß er mit der Waldhornbläserei wahrscheinlich nur Angst und Schrecken unter der Tierwelt verbreitet. Dennoch hat das wenigstens noch eine zwar komische, aber letztlich auch praktische Seite, selbst dann, wenn nur ein Waldhorn herauskommt, aber dann kommt eben doch das Mystische des Waldes zum Vorschein und bricht sich bei Philipp Freiherr von und zu Guttenberg Bahn: »Für mich ist es nicht nur ein Naturerlebnis im Wald sein zu dürfen, sondern eine Art Schöpfungserfahrung. Ich tanke Energie. Ich spüre, ich bin Teil von etwas sehr, sehr Großem.« Von mir aus kann er den Rest seines Lebens im Wald mit dem ganzen Ungeziefer, Borkenkäfern und Zecken verbringen und sich Gedanken über die Schöpfung machen. Da bin ich liberal. Und bitte auch gleiche seine merkwürdige Wald-und-Wiesen-Verwandtschaft mitnehmen.
Jeder Fußballverein hat so seine Probleme. Das Problem bei Werder Bremen hört auf den Namen Tim Wiese, eine Mischung aus rosa Peinlichkeit und Zuchtbulle, jedenfalls sah er so aus, als er sich mal mit seiner Lebensgefährtin für Bild präsentierte, vollgepumpt bis zu den Haarwurzel mit Testosteron. Also nicht schön. Nachdem die Nummer 1 im deutschen Tor Rene Adler die WM in Südafrika absagen mußte, ist ein künstlich geschürter Kampf um den vakant gewordenen Posten unter den Ersatztorhütern entbrannt. Tim Wiese mischte auch mit. Auf ewig wird sein millionenschwerer Patzer gegen Juve in Erinnerung bleiben, als er nach einer kuriosen Showeinlage auf Schülerniveau den Ball dem Gegner vor die Füße legte, der nur noch einschieben brauchte, um ein verloren geglaubtes Spiel doch noch zu drehen. Und das wird es auch sein, was von Tim Wiese in Erinnerung bleiben wird. Jetzt schickte er folgendes Bewerbungsschreiben los: »Ich kämpfe um die Nummer 1, bis mir das Blut aus den Ohren kommt.« Für diesen absurden Ehrgeiz sollte man ihm eigentlich viel Erfolg bei dieser Tätigkeit wünschen.

Die Wahrheit über den 34. Spieltag

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Selten gab es einen letzten Spieltag mit so wenig Spannungspotential. Man konnte sich schon vor einer Woche an allen zehn Fingern ausrechnen, was in den noch offenen Fragen passieren würde. Bremen brauchte noch einen Punkt zu Hause gegen den HSV, und das war keine unlösbare Aufgabe gegen einen Gegner, der mit Ambitionen nach ganz oben angetreten war und der kräftig in seinen Kader investiert hatte und nun vor einem Scherbenhaufen steht. Wegen Vorstand Hoffmann haben sich schon HSV-Fans auf der Tribüne geprügelt, weshalb die Bremer Fans da gerne noch etwas Salz in die Wunden streuten mit dem Plakat »Hoffmann bleibt«, denn unter seiner Regie hat der HSV einfach keine Schnitte gegen die Bremer machen können. Im Europapokal und im Pokal schied man letzte Saison gegen die Grünweißen aus, und auch diesmal schaffte es der HSV nicht, die letzte hauchdünne Chance auf einen internationalen Platz zu wahren.

Und wieder ist ein Ehrgeizling in der Liga gescheitert, der dachte, er könnte sich mit dicken Investitionen eine Dauerticket für Europa erwerben. Schon letzte Saison war das Tor nach Europa nur durch ein illegales Tor in der allerletzten Sekunde geöffnet worden. Diesmal half auch kein van Nistelrooy mehr, Hamburg stürzte auf den letzten Metern ab, während die Bremer sich bravourös auf den 3. Platz vorschoben. Bremen hat nur ein Handicap, und das hört auf den Namen Tim Wiese, der krankhaften Ehrgeiz mit rosa Peinlichkeit auf hervorragende Wiese zu verbinden weiß. Auf ewig wird sein millionenschwerer Patzer gegen Juve in Erinnerung sein, als er nach einer kuriosen Showeinlage auf Schülerniveau den Ball dem Gegner vor die Füße legte. Und das wird es auch sein, was von Tim Wiese in Erinnerung bleiben wird. »Ich kämpfe um die Nr. 1, bis mir das Blut aus den Ohren kommt.« Man weiß nicht so recht, ob man menschenfeindlich ist, wenn man ihm bei dieser Verrichtung viel Erfolg wünscht.

Für Leverkusen hingegen reicht es nur zu einem Europacup-Platz, was nicht viel ist, da die Tablettenelf einmal sechzehn Punkte Vorsprung gegen Bremen hatte, und den zu verspielen ist schon eine vorzeigbare Leistung. Dennoch redet sich Heynckes den 4. Platz schön. Aber ich sollte vielleicht den Mund nicht zu voll nehmen, denn der BVB war am Ende auch nicht gerade ruhmreich und ließ jede sich bietende Gelegenheit ungenutzt, um noch auf Platz 3 vorzustoßen. Diesmal reichte es nicht mal gegen Freiburg, aber da ging es auch um nichts mehr.

Von Hertha habe ich mich ja schon verabschiedet, nun auch von den Bochumern, die es gegen Hannover selber in der Hand hatten, aber auch der Interimstrainer Wosz, der den Ex-Dortmunder Herrlich abgelöst hatte, konnte nichts mehr bewirken, wofür er sich zerknirscht bei den Fans entschuldigte, die ihre Schals verbrannten und ein paar Plastikstühle zerlegten bzw. einen Weitwurfwettbewerb mit ihnen veranstalteten. Und obwohl Wosz bereits dreimal als Spieler mit dem VfL abgestiegen ist, meinte er, so einen Auftritt hätte es zu seiner Zeit nicht gegeben. Naja.

Hannover hingegen hat leider doch noch die Kurve gekratzt, was die Spieler als Anlaß nahmen, den seligen Robert Emke noch einmal zu exhumieren mit der Transparentaufschrift »Robert R.I.P.« Ob Emke allerdings bei dieser dünnen Leistung seiner Mannschaft tatsächlich seinen Frieden findet, läßt sich bezweifeln. Und der Club muß trotz eines knappen Sieges gegen Köln nun in die  Relegation gegen Augsburg. Allzu sicher sollten sie sich nicht fühlen, denn Augsburg hat einen Freund, der aus Hüfte schießen kann, ein nobler Freund, und der heißt Franz Dobler.

Die Wahrheit über den 33. Spieltag

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Nach dem Abpfiff saßen die Dortmunder auf dem Rasen, als ob sie das CL-Finale in der allerletzten Minute verloren hätten. Der Maskenmann Sahin war tieftraurig und entschuldigte sich bei der Mannschaft, weil er einen Elfer verschossen hatte, der allerdings sowieso nicht berechtigt gewesen war. Aber daran sieht man, daß die junge Mannschaft sich noch Illusionen macht und daß es ihr noch um etwas geht.

Aber nicht gegen Wolfsburg haben die Schwarzgelben es verdaddelt, sondern in den Spielen davor, und wenn man nur eins der letzten vier Spiele gewinnt, dann haut das eben auch mit dem 3. Platz nicht hin. Dreimal schon hat man eine Einladung, sich auf dem 3. Platz festzusetzen großzügig verstreichen lassen. Dann war es zu spät, denn Bremen hat Schalke zum Vizemeister der Herzen deklassiert, es hätte also auch ein Sieg gegen Wolfsburg nicht gereicht, ganz abgesehen davon, daß die Tordifferenz um 17 Treffer bei den Bremern besser ist. Aber es ehrt die Schwarzgelben, daß sie nicht das Erreichen der Euro-League feierten, sondern dem Verpassen der CL nachtrauerten. Dabei hatten die Dortmunder noch Glück, denn Dzeko und Grafite gingen mit ihren Chancen sehr großzügig um, aber für Wolfsburg war die Saison ja auch schon gelaufen.

Außerdem weiß man doch, daß der BVB immer versagt, wenn es um etwas geht, selbst dann, wenn es nicht wirklich um etwas geht, wie in diesem Fall. Subotic sagte vor dem Spiel, daß heute alle Dortmunder Schalker wären, aber als Zugereister hat Subotic eben keine Ahnung, denn bevor die Schalker auch nur einen Finger krumm machen würden, um Dortmund den Relegationsplatz zu ermöglichen, lassen sie lieber die Meisterschaft sausen. Ja, so gemein sind die Schalker. Und dann lassen sie sich als Vize-Meister der Herzen feiern. Pah!

Meine Freude jedenfalls war groß als Werder in Führung ging und im letzten Spiel gegen den HSV nur noch ein Remis benötigt, um den 3. Platz sicher zu haben, und das auch nur, falls Leverkusen in Gladbach gewinnt, wovon man bei der Tablettenelf nicht unbedingt ausgehen kann, hatte sie doch mehr als Schweineglück, daß sie in Berlin beim Absteiger Hertha nicht untergegangen sind.

Werder wird in der CL eine bessere Figur machen als der BVB, dem auch gegen Wolfsburg wieder seine spielerische Limitierung anzusehen war und dem wahrscheinlich ein ähnliches Schicksal wie Wolfsburg geblüht hätte, durchgereicht in der CL und in der Liga abgeschmiert.

Jedenfalls kann Dortmund jetzt wieder in Europa mitmischen. Man kann nur hoffen, daß es für die Gruppenphase reicht. Vor dem Spiel wurde Tinga verabschiedet, weil sein Vertrag nicht verlängert wurde. Irgendwie scheint Klopp die Brasilianer nicht zu mögen, denn sogar Dede sitzt bei ihm auf der Bank, obwohl er einer der besten Linksverteidiger der Liga ist, und obwohl Tinga ein großes Kämpferherz hat, also eigentlich die Grundvoraussetzung fürs Kloppsche Konzept »Rennen, Rennen, Rennen« erfüllt. Und als Sechser hatte er hervorragende zerstörerische Qualitäten, die den Dortmundern in der Euro-League noch hätten von Nutzen sein können, denn mit dem Dauerverletzten Kehl kann wohl niemand mehr rechnen.

Na, Hauptsache Hertha ist abgestiegen. Jetzt gilt es, dem Club die Daumen zu halten.