Erinnerungen an Bernward Vesper

Bernward Vespers Reise habe ich nie gelesen. Wahrscheinlich weil ein paar zu viele Leute meinten, man müsse das unbedingt gelesen haben. Vielleicht hatten sie ja recht, aber bei avantgardistischer Prosa gehe ich erstmal lieber in Deckung, und wenn ein Schaumschläger und Windbeutel wie Jörg Schröder dreißig Jahre nicht aufhört, sich dafür zu rühmen, das Buch herausgegeben zu haben, dann gibt man die Deckung besser nicht auf, denn das meiste, was bei März erschienen ist, war nun mal bis auf ein paar Ausnahmen großer Mist. Und deshalb wußte ich zunächst gar nicht, was ich mit den »Erinnerungen an Bernward Vesper« von Henner Voss anfangen sollte, die mir ins Haus schneiten. Aber dann las ich das schmale Bändchen auf einen Rutsch durch, denn Voss als früher Freund von Vesper beschreibt ihn nicht nur als arroganten Kotzbrocken, der aus seiner Verklemmtheit immer erst findet, wenn er genügend Alkohol verputzt hat, der ihn dann allerdings aufblühen lässt zu einer wahrhaft dämonischen Gestalt, zu einem genialen Entertainer und Agent Provocateur, sondern Voss schreibt auch über den Kulturbetrieb seiner Zeit, z.B. über Grass: »Die Blechtrommel, Katz und Maus und jetzt die Hundejahre – alles hochtrabender Murks eines flatulenten Conférenciers. Aber Sie kennen vielleicht die weise Ermahnung Chateaubriands: Angesichts der Vielzahl der Bedürftigen muß man sparsam mit seiner Verachtung sein.« Das war die Zeit, als Gertrud Höhler »noch nicht so trostlos verblödet und reaktionär« war, die Zeit, als sie mit »affektierten Sächelchen … die abendländische Lyrik um sechs dreiste Plagiate« bereicherte. Und auch nicht schlecht, denn es bestätigt eine Vermutung von mir: Uwe Johnson. »Seine rachitischen, bis zum Gehtnichtmehr öden Romane Mutmaßungen über Jakob und Das dritte Buch über Achim rezipierten wir als besinnungslos interpunktierte Stilblüten-Anthologien, in denen es von sprachlichen Entgleisungen und grammatikalischen Defekten nur so wimmelt.« Großartig. Und nicht mal übertrieben. Literaturkritik at it‘s best.

Henner Voss, »Erinnerungen an Bernward Vesper«, Verlag Johannes G. Hoof, Warendorf 2013