Spinner und Nerds. Die hinreißenden Reportagen des J.J. Sullivan

»Kann man ganz Amerika in ein Buch packen?«, fragt die Verlagswerbung, um das Buch »Pulphead« von John Jeremiah Sullivan anzukündigen. Man weiß zwar nicht, wofür das gut sein soll, aber Sullivan soll das angeblich gelungen sein. Wenn man dann die Reportagen liest, dann erkennt man schnell, dass Sullivan einfach nur über sehr disparate Themen schreibt, und zwar »in der Tradition von Meistern wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson«.
Der völlig zu Recht in den höchsten Tönen gepriesene Sullivan hat seinen eigenen Stil und seine eigene Methode entwickelt, um sich einem Thema zu nähern, auf das er sich immer akribisch vorbereitet. Sullivan beherrscht die Kunst des suggestiven Schreibens perfekt, denn egal über welche Geschichte oder über welche Menschen er schreibt, er versteht es, einen sofort hineinzuziehen, auch wenn einen z.B. Axl Rose oder ein christliches Rockfestival überhaupt nicht interessieren. Er hält die Latte der Aufmerksamkeit für den Leser immer ziemlich hoch und somit auch die Anforderung an sich selbst, den Leser bei der Stange zu halten. Man zieht keinen großen Erkenntnisgewinn aus den Reportagen, aber man kommt aus dem Staunen kaum heraus. Sie stehen für sich, ganz singulär, sie bereiten einem großen Genuss, und das tun sie, weil sich Sullivan nie über seinen Gegenstand erhebt und von oben herab doziert und trotzdem durchaus polemisch und gemein sein kann, jedenfalls wenn er über Guns‘n‘Roses schreibt: »Sie waren die letzte große Rockband, die es nicht irgendwie auch ein bisschen peinlich fand, eine Rockband zu sein.«
Am besten ist Sullivan, wenn er Spinnern und Nerds und ihren fantastischen Erkenntissen nachspürt, wie dem Country-Blues, der nur ein Jahrzehnt existierte, bevor er »von der Depression, dem Zweiten Weltkrieg und der Energie des Chicago-Sounds« ausgelöscht wurde, und der nur durch Sammler wie einem gewissen James McKune überlebte. McKune, ein »spindeldürrer, zurückgezogen lebender, alkoholsüchtiger Redakteur der New York Times, der zum Vagabunden wurde und seine Kisten mit 78er-Schellackplatten unter seiner Pritsche in einer Jugendherberge von Brooklyn verwahrte.«
Oder Sullivans Besuch beim letzten noch lebenden Mitglied der Wailers, Bob Marleys erster Band. Nun kann man natürlich an die Sache herangehen wie Lester Bangs und sagen: »Bob Marley ist einen Haufen verlogener Scheiße«, wofür es eine Menge Belege gibt, wie man der Juli-Ausgabe der Sounds aus dem Jahr 1982 entnehmen kann. Für Sullivan stellt sich die Sache jedoch etwas anders dar. Für ihn handelt es sich um »spirituelle Musik«, die »von innen heraus« kommt, was immer das heißen mag. Bei Bunny Wailer, der »mit seinen Roben und dem weißen Bart auf der Bühne immer mehr wie ein Wüstenprediger« aussieht, stößt aber auch Sullivan an seine Grenzen, denn der selbsternannte »Revolutionsführer« tickt auf eine Weise, für das selbst das große Einfühlungsvermögen Sullivans nicht ausreicht, wenn Bunny Wailer ihn als etwas beschimpft, das »mit gebrauchten Tampons« zu tun hat und mit »ein paar Lagen Klopapier, die bei Durchfall in die Unterhose gesteckt werden«.
Am beeindruckendsten ist die Geschichte über »die Zukunft der Menschheit«, so jedenfalls lautete das Thema seines Auftrags. Und da muss man erstmal auf die Idee kommen, einen verschrobenen Professor aufzuspüren, dessen Obsession es ist, plötzliche Veränderungen im Verhalten der Tiere gegenüber den Menschen zu beobachten und Beweise dafür zu sammeln, »dass der Mensch hinsichtlich der Artikulation von Zuneigung, Leid, Stress und bislang noch unbekannter Affekte die Schnittmenge zwischen seiner eigenen und der Psyche der höher entwickelten Tiere massiv unterschätzt hat.« Sullivan listet Fälle auf, die dieses Phänomen dokumentieren, wie z.B. im Frühjahr 2000, als während einer Dürreperiode sich Affen und Menschen »eine offene Feldschlacht um drei soeben eingetroffene Wassertanker lieferten«. Und der Professor raunt dabei: »Und bedenken Sie, dass zum jetzigen Zeitpunkt ungefähr vierzig Delfine im offenen Meer leben, die aus Programmen der Marine entflohen sind. Wir haben keine Ahnung, wozu man sie ausgebildet hat. Sprengstoff zu transportieren? Taucher zu töten? Ich rechne damit, dass sie schon in den nächsten Jahren in einer Führungsrolle in Erscheinung treten werden. An Land die Schimpansen, im Meer die Delfine. Wir können davon ausgehen, dass sie derzeit an einem für beide Seiten verständlichen Zeichensystem arbeiten.« Und man glaubt es sogar. Aber dann rückt Sullivan am Ende damit raus, dass er sich den Professor ausgedacht habe, nicht aber die Vorfälle, die auf eine Verhaltensänderung bei Tieren hinweisen. Und da fällt einem dann doch Hunter S. Thompson ein, dem dieses Bekenntnis, zu dem »die Redakteure« Sullivan angeblich gezwungen haben, bestimmt gefallen hätte.

John Jeremiah Sullivan »Pulphead. Vom Ende Amerikas«, Aus dem Amerikanischen von Thomas Pletzinger und Kirsten Riesselmann, Suhrkamp, Berlin 2012, 416 Seiten.