Der Trafikant. Aus dem Leben eines jungen Sturkopfs

In diesem Herbst sticht ein kleiner Roman aus den vielen Großprojekten vieler Großautoren heraus, jedenfalls für Leute, die sich ihre Lektüre nicht durch das Feuilleton diktieren lassen, das sich gerade an seinem Liebling Rainald Goetz abarbeitet. Häufig ist das nicht der Fall, aber manchmal findet das Buch zum Leser, ohne daß dieser von den Rezensenten an die Hand genommen worden wäre, wie z.B. Johann Johannsens »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand«, der von den Journalisten ignoriert wurde, sich inzwischen aber über eine Million verkaufte, ein wunderbar leichter, lustig erzählter und turbulenter Roman. Und auch wenn Robert Seethalers inzwischen 4. Roman »Der Trafikant« ganz anders funktioniert, hätte er es verdient, als Außenseiter ganz groß in der Gunst des Publikums abzuräumen.
Nichts an diesem Roman ist aufgeblasen, spektakulär oder effektheischend. Robert Seethaler beherrscht die Kunst, mit seiner ruhigen und sehr dezent erzählten Geschichte den Leser in eine längst vergangene Epoche zu entführen, in das Wien von 1938, als Schuschnigg aufgibt und Hitler ohne Widerstand Österreich überläßt mit den Worten »Gott schütze Österreich«, der sich dann aber lieber raushielt. Das ist der politische Hintergrund, der im Laufe der Geschichte immer mehr in das Leben der Protagonisten eingreift.
»An einem Sonntag im Spätsommer des Jahres 1937 zog ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über das Salzkammergut, das dem bislang eher ereignislos vor sich hin tröpfelnden Leben Franz Huchels eine ebenso jähe wie folgenschwere Wendung geben sollte.« So beginnt der Roman, und das ist ein starker Anfang, der ein wenig an die leichte Beschwingtheit von »Amelie« erinnert, jedenfalls macht er Appetit auf den nächsten Satz. Das klingt nach nichts besonderem, ist es aber, denn sonst würde sich nicht die Frage stellen, warum gerade die Romananfänge häufig so mißlungen und vergeigt sind, und Schriftsteller wie Walser nicht davor zurückschrecken vier Relativsätze ineinanderzuschachteln, was sich dann ungefähr so liest wie ein dickes Brett, in das der Autor bohrt und bohrt und bohrt.
Franz Huchel ist ein wenig privilegiert, weil er nicht wie viele Menschen bereits in jungen Jahren in einem Salzstollen arbeiten muß, aber dann ertrinkt der »Preininger« im See. Der »Preininger« aber ist nicht nur der reichste Mann in der Gegend, sondern auch der Liebhaber von Franz Huchels alleinerziehenden Mutter. Der monatliche Scheck bleibt aus und Franz Huchel wird von seiner Mutter nach Wien geschickt zum Trafikanten Otto Trsnjek, der ihr noch »einen Gefallen« schuldet. Eine Trafik hat nichts mit Verkehr zu tun, sondern leitet sich vom italienischen traffico (Handel) ab und ist ein in Österreich so genannter Zeitschriften- und Tabakladen, der gewisse Privilegien genießt und früher Kriegsinvaliden und Soldatenwitwen zugestanden wurde.
Otto Trsnjek hat nur noch ein Bein. Das andere ging im 1. Weltkrieg verloren. Er ist mit Leib und Leben Trafikant, d.h. er liest auch die Zeitungen, die er verkauft, und er bessert sein Einkommen dadurch auf, indem er »zärtliche Magazine« unter dem Ladentisch verkauft. Er ist schrullig und mag die Nazis nicht. Franz Huchel sitzt in einer Ecke und erlernt den Beruf des Trafikanten, indem er die Zeitungen liest. Toller Beruf, aber Franz Huchel ist jung und hat andere Probleme. Zum Beispiel Frauen. Darauf bringt ihn der »Deppendoktor« Sigmund Freud, der Kunde der Trafik ist. Und Franz Huchel setzt den Tip gleich in die Tat um und spricht auf dem Prater eine mollige junge Frau aus Böhmen an, in die er sich auch Knall auf Fall verliebt und deren plötzliches Verschwinden ihn in tiefe Verwirrung stürzt, aus der ihm Freud jedoch auch nicht helfen kann, weil ihm das Durcheinander von Liebesgefühlen ein ebenso großes Rätsel ist wie Franz Huchel.
Aber kaum kommt Franz Huchels Leben auf Touren, zerstören die Nazis alles, was ihm wichtig geworden ist. Plötzlich ist Franz Huchel auf sich allein gestellt, das Leben ist sinnlos geworden. In einer letzten heroischen Tat wehrt er sich gegen die Übergriffe der Nazis, er macht sie lächerlich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, und er weiß, daß sie sich rächen werden. Sehr anrührend erzählt Seethaler, wie Franz Huchel, ein einfacher Junge aus dem Salzkammergut, sich seine Selbstachtung bewahrt, ein Sturkopf, der sich nicht unterkriegen läßt und sich nicht anpaßt. Franz Huchel erwägt nicht das Für und Wider, wie Intellektuelle das tun würden, er ist einfach nur nicht bereit, das Spiel der Nazis mitzuspielen, weil er weiß, daß er einem nicht entkommt, nämlich, wie Hannah Arendt es einmal ausgedrückt hat, daß er mit sich selbst leben, daß er vor sich selbst bestehen muß. Und weil er weiß, daß er das nicht könnte, wenn er einfach so weiterleben würde, als ob nichts geschehen wäre, verabschiedet er sich von einer Welt, für die er nicht mal eine Fußnote ist.
Robert Seethaler erzählt das alles unaufdringlich, aber hinreißend und mit großer poetischer Kraft, stilsicher und ohne in seine Figuren mehr hineinzugeheimnissen als ihnen gut tun würde. Nur bei einem sollte man vorsichtig sein, man sollte den Roman nicht zu schnell lesen, sondern mit Genuß. Wer weiß, ob man so schnell wieder so etwas Großartiges in die Finger bekommt.

Robert Seethaler, »Der Trafikant«, Kein & Aber, Zürich 2012, 250 Seiten.