Lucy in the Sky with Diamants. Die bewegte Geschichte des LSD

Wie eindimensional und autistisch Bücher wie »Unser Kampf« von Götz Aly wirklich sind, wird besonders deutlich, wenn man parallel dazu Günter Amendt liest. Während Aly ganz in orthodox stalinistischer Manier die 68er nur durch die Polit-Brille des ehemaligen SDS wahrnimmt, und damit einen Teilaspekt der Realität gewaltig aufbauscht, einen Aspekt, der außerdem am wenigsten interessant war, weshalb sich für sein Buch eigentlich nur seine ehemaligen Genossen interessieren (der Rest ist dem Jubiläumshype in den Medien zu verdanken), beleuchtet Amendt in seinem neuen Buch »Die Legende vom LSD« den gleichen Zeitabschnitt aus einem anderen Blickwinkel und er zeigt darin, daß die Bewegung in den sechziger Jahren vielfältiger war als die reduzierte Geschichtsschreibung Alys vermuten läßt, der zudem das Vergangene aus einer neoliberalen Perspektive beschreibt, und das ganz ohne Auftrag des Bundesinnenministeriums. Zwar geht es Amendt sowieso um etwas anderes, aber dennoch läßt sich ein interessanter Unterschied in der Herangehensweise und der Methode beobachten. Amendt muß sich nicht wie Aly im nachhinein rechtfertigen, aus dem einfachen Grund, weil er nicht aus Schuldgefühl sich zum Konservativen wendete, d.h. er reflektiert die Ereignisse, ohne daß man das Gefühl hat, er würde seine Befunde auf bestimmte ideologische Prämissen hin zurechtbiegen. Die bewußtseinserweiternde Wirkung des LSD, von der immer die Rede war, Götz Aly jedenfalls hätte man sie gewünscht. »Über die sechziger Jahre zu sprechen, ohne über LSD zu sprechen, heißt, sich eines höchst unredlichen Geschichtsrevisionismus schuldig zu machen«, heißt es bei Amendt, und damit ist eigentlich schon alles wesentliche zu Aly gesagt.

Jedenfalls hat die psychedelische Droge Nummer eins, die in den sechziger Jahren den Markt überschwemmte, große Auswirkungen auf die Subkultur, ja sie hatte auf ihr Entstehen nicht unwesentlich Einfluß. Alan Ginsberg veröffentlichte schon 1959 »Lysergic Acid«, es gab den Psychedelic Rock der Grateful Dead, Jefferson Airplane, der Doors, Pink Floyd, Jimi Hendrix, Lou Reed und anderen, die Beatles waren »erleuchtet«, und wenn es die restliche Pop-Welt nicht schon war, dann folgten sie ihrem Beispiel und legten sich einen Guru zu. Auch in der Jazz-Szene (Thelonius Monk, Dizzy Gillespie und John Coltrane) wurde mit LSD experimentiert, Schriftsteller, Maler, Filmemacher, Schauspieler – die meisten Künstler ließen sich von Acid inspirieren. Wie es zu der Popularität der Droge kam und welche weitreichende Folgen sie für die Gesellschaften hatte, das alles behandelt Günter Amendt überaus souverän und kenntnisreich.

Zwar wurde LSD nur durch Zufall gefunden durch den kürzlich verstorbenen Schweizer Chemiker Albert Hofmann, dem ein Fehler beim Hantieren mit den Alkaloiden des Mutterkorns unterlief, aber mit niemandem ist die Geschichte des LSD mehr verbunden als mit Timothy Leary, der in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen gearbeitet hatte und dessen »Behauptung, die Methoden der traditionellen Psychiatrie würden ebenso vielen Patienten schaden wie helfen, … ihn zum Dissidenten innerhalb der kalifornischen Psychiatrie-Szene« machten. 1959 herrschte auf einer wissenschaftlichen Konferenz noch der »Geist des Optimismus«, weil man glaubte, LSD würde »tiefe Einblicke in das Seelenleben des Menschen« gestatten. Es ging um die große Frage: »Wie verändert man menschliches Verhalten?« Und mit LSD glaubte Leary auf dem richtigen Weg zu sein, auf einen besseren jedenfalls als den, den die klassische Psychiatrie zu bieten hatte. Diese Frage war jedoch nicht nur für die Subkultur von Interesse, sondern auch für staatliche Stellen, die herausfinden wollten, ob LSD geeignet war, die Wehrkraft des Feindes zu zersetzen. Die in diese Richtung gehenden Forschungen waren jedoch wenig zufriedenstellend, während LSD in der Anfang der sechziger Jahre über das Land schwappenden Anti-Vietnam-Protestbewegung, der Bürgerrechtsbewegung, der Free-Speech-Movement, d.h. in einer schwer kontrollierbaren Gegenkultur seinen Siegeszug antrat. Bis 1970 hatten bereits über sieben Millionen Amerikaner LSD genommen. Ein alarmierendes Zeichen für die Behörden, die mit Leary in einem Punkt übereinstimmten: »Alles, was das Bewußtsein verändert, ist eine Bedrohung der etablierten Ordnung.« Die ins Leben gerufene Anti-Drogenkampagne versuchte mit allen Mitteln, d.h. mit Lügen und Horrorgeschichten, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Vieles von der Karriere des LSD spiegelt sich in dem bewegten Leben Timothy Learys. 1969 wurde er von Nixon zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt, wegen Besitzes von Marihuana zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, kurz darauf von den Weathermen in einer spektakulären Aktion befreit, er setzte sich nach Algerien ab, wo er sich in der Obhut des »durchgeknallten Machtjunkie« Eldrige Cleaver von den Black Panthers befand, er zog weiter in die Schweiz, und als der Verfolgungsdruck der amerikanischen Behörden zu groß wurde, reiste er weiter nach Afganistan, wo er schließlich 1973 festgesetzt und an die Vereinigten Staaten ausgeliefert wurde. 1976 kam er frei, aber der Status des »Superstars« war weg.

Auch die Faszination von LSD begann zu verblassen. Jedenfalls ging die Zahl der Beschlagnahmungen erheblich zurück, was darauf schließen ließ, daß auch nicht mehr allzuviel im Handel war. Gab es zu Beginn der Illegalität noch die »Brotherhood of Eternal Love«, die den Markt mit »Orange Sunshine« flutete und die, wie Gerüchte besagen, sogar die Befreiung Learys finanziert haben soll, nahm die Nachfrage in den 80er und 90er Jahren immer mehr ab. LSD erfuhr einen beispiellosen »Bedeutungsverlust«. Gründe dafür gibt es mehrere. Der Zusammenbruch der Distribution, wie sie beispielsweise die Grateful Dead auf ihren Tourneen betrieben, mehr allerdings durch den sog. »Missile silo bust«, als ein Labor, das in einem verlassenen Raketensilo untergebracht war und 95 Prozent der Produktion deckte, ausgehoben wurde. Am meisten jedoch hatte die veränderte Gesellschaft selbst mit dem Angebotsrückgang zu tun, denn jede Epoche hat ihre eigene Modedroge. Die Träume aber, LSD für medizinisch-therapeutische Zwecke zu nutzen, sind noch nicht ausgeträumt. Während die Zahl der Vietnamveteranen, die psychologische Hilfe bedurften, noch bei 10 Prozent lagen, sind es bei den Afghanistan- und Irak-Heimkehrern bereits 30 Prozent, die über die typischen Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung leiden.

Günter Amendt gibt einen kurzen, ausgezeichneten Überblick über die Geschichte des LSD, seinen Einfluß auf die Subkultur, die verschiedenen Nutzungsinteressen, ohne es zu verteufeln oder zu glorifizieren. Die bewußtseinsverändernde Wirkung allerdings, die der Droge nachgesagt wird, ist ihr eigentlicher Mythos, denn letztlich hat sie bei den einzelnen nur zu Tage gebracht, was diese in ihr sehen wollten und was bei den »Acid-Heads« bereits als Bedürfnis vorhanden war. Man kann mit LSD einfach etwas großartiges erleben, wenn man jedoch mehr von der Droge erwartet, dann findet man auch sein religiöses Heil in ihr, ja sogar eine Erlösung von den schlechten Verhältnissen, die sich davon jedoch kaum beeindrucken lassen und denen damit kaum beizukommen ist.

Günter Amendt, »Die Legende vom LSD«, Frankfurt 2008, Zweitausendeins.