Die Wahrheit über die Buchmesse Teil 2

Kaum bin ich auf der Messe und laufe durch die Gänge befällt mich das „Täglich grüßt das Murmeltier“-Gefühl. Jedes Jahr gucken die gleichen Verleger traurig aus den gleichen Kojen und jammern darüber, dass man eigentlich gar keine Bücher mehr verkauft. Trotzdem harren alle aus und starren dabei auf das Internet und fragen sich, ob es nun Fluch oder Segen ist. Eine tolle Paarung, in deren originelle Tradition sich auch der Schriftsteller mit dem roten Irokesen Sascha Lobo gestellt hat. Er versucht dabei die Fronten zu versöhnen und sie dazu zu bringen, aufeinander zuzugehen, möglicherweise auch noch Brücken der Verständigung zu bauen. Irgendsowas eben. Wahrscheinlich ist die Stimmung schlecht, jedenfalls in Halle 4.1, wo die literarischen Verlage untergebracht sind. Und gerade eben ist sie noch schlechter geworden. Antje Kunstmann jedenfalls sagte, daß sie sich nicht noch mal von mir in der FAZ als „Mama der Messe“ bezeichnen lassen würde. Aber ich glaube, daß es ihr insgeheim auch ein wenig gefallen hat. Nicht gefallen haben dürfte es Lutz Schulenburg, der in der Messe-FAZ als „Schnarchnase der Messe“ bezeichnet wurde, und zwar ebenfalls von mir. Damit habe ich mir schon mal zwei Feinde gemacht, und das ist ja auch gut so, weil man auf der Messe sonst immer nur Menschen sieht, die sich in den Armen liegen und so tun, als wären sie in der Kindheit voneinander getrennt worden und würden sich nun das erste Mal wieder sehen. Das mache ich nicht einmal mit Matthias Matussek. Von ihm bin ich zwar nicht von Kindheit an getrennt, aber ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Seit er zum Christentum gefunden hat, ist er, finde ich, ein wenig dick geworden, jedenfalls gibt sein weißes Hemd nach ein paar Stunden auf der Rowohlt-Party einen optischen Eindruck von der Getränkekarte wieder. Er hat eine Erzählung geschrieben, die in einer LSD-Apokalypse endet, und er sucht noch Rezensenten dafür. Ich kann ihm leider nichts versprechen, weil er nur Feinde hat, jedenfalls kenne ich nur Feinde von ihm. Ich treffe dann noch Robert Menasse, der den genialen ersten Satz seines Romans „Don Juan“ interpretiert, von dem er sagt, daß ihn so gut wie niemand begriffen hätte. In diesem ersten Satz geht es um Masturbation und Penetration mit einer Chilischote und die Vorteile des Zölibats. Aber dann wendet er sich wieder einer Frau zu, die irgendeinen Preis bekommen hat. Da lobe ich mir doch Detlef Clausen, der sich schon seit über 40 Jahren auf der Messe herumtreibt und immer schöne Geschichten zu erzählen hat, z.B. daß Christian Semmlers Vater ein gewisser „Hühnerfutter-Willi“ gewesen sei, der in den 50er Jahren viel Geld machte und dann eine Frau aus dem Kabarett-Gewerbe ehelichte, die damals war, was man heute eine Ulknudel nennen würde. Das Erbe hat dann Christian Semmler in die KPD/AO (oder wars die KPD/ML?) investiert. Außerdem sagte er, daß ich schon der 3. Suhrkamp-Autor sei, den er persönlich kenne. Der eine sei Adorno gewesen. Ich sage, daß ich jetzt zum Kritiker-Empfang von Suhrkamp gehen müsse, um meine Frau aus den Fängen der Suhrkamp-Kritiker zu befreien.