Schicke Lalalala-Musik der Fratellis im Lido

Die erste Enttäuschung an diesem Abend war, daß die Fratellis ohne Zylinder und ohne die Pin Ups auftraten, mit denen man sie auf ihrem Video-Clip sehen kann und die auch ihre erste Scheibe »Costello Music« zieren. Genau das hob sie aus der Masse der anderen Rockgruppen hervor. Aber mit Styling haben die Jungs aus Schottland nichts zu tun. Im nachhinein tut es ihnen sogar leid, daß sie das von den burlesken Glasgower Sängerinnen aufgehübschte Video durchgehen ließen. Der Bassist, ein molliger Typ, von dem sich schwerlich behaupten läßt, daß er sexy ist und der sein Gerät als Waffe benutzte, mit dem er sich jeden direkt in die Gehörgänge grub, trug ein T-Shirt mit der Aufschrift »Who the fuck is Mick Jagger«, ein Statement, das offensichtlich komisch war, falls es nicht ernst gemeint war. Möglicherweise sind sich die Fratellis darüber selber nicht im Klaren. Sie kamen einfach auf die Bühne und legten mit ihren Gassenhauern los, der Regler bis zum Anschlag, fetzige Rocknummern, mit denen man jedes einigermaßen willige Publikum platt machen oder in Verzückung geraten lassen kann. Gute-Laune-Musik eben, und was soll daran schon schlecht sein? Vor allem, wenn die schnellen Rhythmen selbst müde Beine zum Wippen bringen. »Whistle For The Choir« ist mein Lieblingsstück, mit dem ich schönen Frauen und guten Freunden in den Ohren lag, um sie in Entzücken zu versetzen. Ein nicht sehr komplizierter Song über die verrückte Liebe zwischen einem »irresistible boy« und einem »irresistible girl«. Um was es eben so geht im Rock‘n‘Roll. Nichts besonderes, eine eher ruhige Ballade im ansonsten auf der Scheibe ausgebreiteten Klangteppich mit zuviel Gitarrengewitter, aber ein Ohrwurm, der einen puscht und das Lachen zurückbringt. Nur wegen diesen einen Liedes ging ich ins Lido und kam taub wieder heraus. But it was fucking great, um das Kompliment, das der Sänger sich nicht schämte, dem Publikum zu machen, zurückzugeben. War einem erstmal der Kopf weggeblasen worden und hatte der malträtierte Baß und der auf Hochtouren wirbelnde Schlagzeuger mit 380 Umdrehungen pro Minute und offenem Mund von dem Besitz ergriffen, was übrig geblieben war, dann konnten einen auch die Teenies nicht mehr erschüttern, wenn sie ihre Arme hochrissen, begeistert klatschten und springend und kreischend Bierzeltatmosphäre verbreiteten. Why the hell not. Schicke »Lalalala«-Musik, mit der die Fratellis auf Anhieb Erfolg hatten. »Chelsea Dagger« wurde im Uefa-Cup-Finale bei der Siegerehrung eingespielt und Celtic Glasgow flutet damit das Stadion nach jedem Tor, das sie schießen. Und das ist eine grandiose Idee, auf die der BVB nie käme. Dennoch, eine Band, die Geschichte schreiben wird, sind sie nicht, denn die gute Laune verpufft meistens schnell oder sie wird irgendwann komisch und peinlich. Aber wer kann das schon so genau wissen. Wie der Sänger Jon völlig richtig bemerkte, die besten Rock‘n‘Roll-Songs in der Geschichte hatten keine Bedeutung. Das Schöne aber ist, daß die Fratellis das alles nicht kümmert. Jedenfalls noch nicht.