Auf einem Grillabend mit Elektro-Pop

Gustav ist eine charmante Wienerin, die es mit lediglich zwei Zeilen verdient hätte, in die Pop-Geschichte einzugehen: »Rettet die Wale und stürzt das System.« Mit ihrer mädchenhaft unschuldigen Stimme, sparsam instrumentiert, hat sie die Ironie wieder zu Ehren verholfen, die natürlich, ich gebe es zu, nur in irgendwelchen abgelegenen, verwaisten Nischen existieren kann, die von der Pop-Geschichte vollkommen ignoriert werden. Aber wenn man den Song einmal gehört hat, weiß man, daß er das Zeug hat, etwas ganz großes zu sein, wenn die Leute nur ein bißchen mehr im Kopf hätten. Aber weil dem nicht so ist, werden diese genialen Zeilen immer nur ein paar wenige beglücken.

Ich tappte nur wegen diesen einen Liedes in den Festsaal Kreuzberg, nur um festzustellen, daß man eine Menge auf sich nehmen muß, um an diesem Glück kurz partizipieren zu dürfen. Eine Stunde jedenfalls mußte ich mich an einer Flasche Bier festhalten, um die Vorgruppe zu überstehen, einem Mädchen mit riesiger Schirmmütze, die ein bißchen ihre Gitarre quälte und ihr dünnes Stimmchen dazu gab, völlig in sich versunken und aus Angst vor dem Publikum es ignorierend. Vermutlich trat sie zum ersten Mal auf und war froh, als sie es überstanden hatte, und deshalb halte ich an dieser Stelle auch meine Klappe, aber ich glaube, es wird auch so deutlich, daß es sich nicht gerade um eine zweite Soko handelte, die im Festsaal die Gutmütigkeit der Zuschauer strapazierte, die ihre Darbietung großzügig mit Beifall bedachte. Man wußte nur nicht, ob das Publikum ein großes Herz hatte oder einfach nur einen schlechten Geschmack.Ich vermute, von beiden etwas, und so nachlässig sie gegenüber dem Auftritt waren, so präsentierte es sich auch selber, so daß man ein wenig wehmütig an etwas vehementere und leidenschaftlichere Zeiten denken mochte, nicht, weil dann ein paar Stühle zu Bruch gingen, sondern weil das Publikum selber mehr hermachte, wie beispielsweise die Mods, die vielleicht nicht viel in der Birne hatten, dafür aber wenigstens Stil, egal ob man den nun gut oder schlecht findet. Hier im Festsaal war es vermutlich umgekehrt, auch wenn man niemandem ansah, daß er gerne das System gestürzt hätte, eher schon die Wale gerettet, aber irgendwie war es ein bißchen traurig, so viele Menschen zu sehen, denen so wenig Wille zur Selbstdarstellung anzumerken war. Wozu bitteschön geht man auf ein Konzert, und ich meine jetzt kein klassisches, wo man sich auch einfach in den Sessel lümmeln, die Augen schließen und die Musik über sich ergehen lassen kann? Man will doch schließlich auf der Bühne jemanden sehen, der einen affiziert, durch die Musik, durch die Show, durch das Gehabe, den Auftritt, durch Entertainment, durch Glanz und Glamour. Aber da hatte ich mich offenbar geirrt. Es herrschte eine Art familiäre Nachlässigkeit wie auf einem Kindergeburtstag oder auf einem Grillabend, wenn man ein paar Leute eingeladen hat, und man weiß, die Darsteller sind die gleichen Laien und Amateure wie man selbst.

Ich will nicht sagen, daß die Musik von Gustav so war, und bestimmt hat sie lange daran herumgetüftelt, aber auf jeden Fall ihr Auftreten. Es war nicht kalkuliert, sie machte keine Attitüde daraus, aber gegen etwas mehr Routine und Professionalität hätte ich nichts einzuwenden gehabt, wenn man schon Eintritt bezahlt. Sowieso war der Elektro-Pop gewöhnungsbedürftig, weil man nie ganz sicher sein konnte, ob das schräge und schrille Gekreische aus der Dose gewollt oder nur das Ergebnis einer Rückkopplung war. Mit der Zeit gewöhnte man sich allerdings daran, wenn die den ganzen Körper durchwummernden Bässe etwas nachließen und hier und da so etwas wie Rhythmus zu spüren war. Dann wurde Gustav sogar richtig mitreißend. Ihre wunderbaren Balladen gab es nur als Zugabe. Und deshalb hielt ich bis zum Schluß durch, obwohl die Hitze mich bereits weichgekocht hatte und mir das Wasser in kleinen Sturzbächen in die Schuhe lief. Mehr konnte man an diesem Abend von mir nicht verlangen, und es zeigt, wie sehr ich Gustavs Musik mag.