Die Wahrheit über den 34. Spieltag

Klaus Bittermann

In der Milchbar hatte ich meinen Hintern noch gar nicht richtig auf dem Barhocker positioniert, noch nicht mal eine Bestellung aufgegeben, noch nicht mal die letzten Aufrechten begrüßt, die sich immer noch in den dunklen Schuppen schleppen, weil sie es einfach nicht lassen können und sonst nur nervös zu Hause herumsitzen würden, als es bereits 2:0 für Wolfsburg stand. Zwei Standards von Marcellinho, zwei Tore, obwohl man das nicht mal als Schüsse bezeichnen konnte. Die Bälle flogen, wenngleich nicht ganz ohne Heimtücke, aber auch nicht gerade brandgefährlich aufs Tor, Dortmunds 2. Ersatzmann im Tor Höttecke ließ sich irritieren, und schon fühlte ich mich wie in Dantes Hölle und ließ alle Hoffnung fahren. Immerhin konzentrierte sich jetzt die Aufmerksamkeit auf den Schirm, denn wenn das so weiter ging, versprach es, ein lustiges Schützenfest zu werden. Wurde es auch. Auch wenn der BVB danach das Heft in die Hand nahm und sogar nochmal herangekommen wäre, wenn Frei nicht einen Elfer verschossen hätte. So kann man natürlich kein Spiel gewinnen, was schwierig genug gewesen wäre nach dem Ausfall von Hummels, der einer der besten Dortmunder war, und dessen Ersatzmann Amedick mit Marcelinho völlig überfordert war. Wolfsburg qualifizierte sich mit dem Sieg in Dortmund für das internationale Geschäft, dank der Millionen, die hinter Magath stehen. Fragt sich nur wie lange, denn andere Mannschaften dürften nicht ganz so großzügig sein wie Dortmund an diesem Tag. Und auch bei Dortmund kann man sich fragen, was sie im Uefa-Cup zu suchen haben. Dann aber immerhin mit dem Brasilianer Santana, einem 1,92 Meter großen Bollwerk, das den scheidenden Wörns ersetzen soll. Doll konnte sich mit dieser Niederlage nicht für eine Weiteranstellung empfehlen, aber auch ein glänzender Sieg hätte über die dürftige Gesamtleistung der Dortmunder nicht hinwegtäuschen können. Gerüchte besagen, daß Jürgen Klopp nach Dortmund kommt, wenn Mainz nicht aufsteigen sollte (bei Redaktionsschluß noch nicht bekannt). Das wäre nicht schön, denn Leuten, die mit Kerner herummachen und den Fußballexperten im TV geben, ist nicht zu trauen. Aber wer will sonst schon nach Dortmund? Eine große Auswahl von befähigten Trainern gibt es nicht. Aber mit Doll in die nächste Saison zu gehen, wäre keine gute Idee, denn eine erkennbare Handschrift im Fußballsystem war nicht zu entziffern, auch wenn man berücksichtigen muß, daß es eine Menge Verletzter gab. Aber die hatte auch Bremen zu beklagen und dennoch qualifizierten sie sich zum 5. Mal hintereinander direkt für die Königsklasse. Schalke muß als Tabellendritter jetzt in die Qualifikation. Ein schwacher Trost. Vorher schickten sie kollegialerweise noch den Club in die 2. Liga, wobei dem Club vor dem 7. Abstieg nicht wirklich zu helfen war, denn mit dem schlechtesten Torverwertungskoeffizienten der Liga kann man nicht wirklich die Klasse halten. Wie das Spiel in Berlin hätte der Club auch gegen Schalke gewinnen können, aber »zuerst fehlte das Glück und dann kam auch noch Pech dazu«, wie Kobra Wegmann einmal sagte. Bielefeld hätte sich Stuttgart gar kein Bein mehr ausreißen müssen, um ein weiteres Jahr in der Bundesliga um den Abstieg zu kämpfen. Das wird auch Karlsruhe, die mit einer 7:0-Pleite in Hamburg schon mal einen Vorgeschmack auf die nächste Saison bekamen, wenn das verflixte 2. Jahr des Aufsteigers bevorsteht. In München vergoß Hitzfeld Tränen und schrieb sie dann für die Bild auf. Ein bißchen würdiger hätte sein Abschied schon sein können.