Oliver Kahn

In der letzten Zeit konnte man sich vor Oliver Kahn kaum retten. Er verfolgt einen auf Schritt und Tritt, kaum daß man eine Zeitung aufschlägt oder sich ins Internet flüchtet. Oliver Kahn ist schon all hier. Sogar der Rolling Stone opferte ihm fünf Seiten. Eine optische Belästigung, mit der nicht mal Miss Angie »Piggie« Merkel mithalten kann. Am 17. Mai bestreitet er sein letztes Spiel und es hagelte Nachrufe, Würdigungen und Elogen. Als Torhüter hatte er zweifellos seine Qualitäten, er wurde sogar dreimal zum Welttorhüter des Jahres gewählt (Gianluigi Buffon allerdings viermal), aber daß ihm die Medien diese Aufmerksamkeit zukommen ließen, hatte weniger mit seinem Können zu tun, das im Überschwang der Reportergefühle häufig völlig überschätzt wurde, sondern mit seiner Rolle als aggressiver Ehrgeizling, die er sich im Laufe der Zeit aneignete, als er merkte, daß die Medien darauf ansprangen, wenn er den Kraftprotz mimte und sich der dazugehörigen Kraftprotzrhetorik bediente.

Die katastrophal verlaufene EM in Portugal, als die Deutschen bereits in der Gruppenphase ausschieden, veranlaßte mich, dieses Getue zu glossieren: »›Wir brauchen Eier‹, bellte Oliver Kahn nach Spielschluß einmal in die Kamera. Dann schrieb die Gestalt gewordene Maul- und Klauenseuche ein Buch. ›Nummer eins‹ heißt es, und darin steht: ›Ich bin der Arsch.‹ Jetzt müßten beide noch zusammenfinden und Kahn könnte es sich selber besorgen. Aber keine dieser sensationellen Enthüllungen Kahns über sich hat die deutsche Öffentlichkeit so erschüttert wie die von »Bild« gnadenlos ans Tageslicht gezerrte Tatsache, daß die Eier und der Arsch gar nicht deutsch, sondern halblettisch sind. ›Kahn ist Halblette‹ war denn auch eins der ganz großen Highlights der EM in Portugal. Zumindest aus deutscher Sicht.«

Niemand verkörperte so gut wie er das Prinzip des »Immer weiter, niemals aufgeben«, der Schlachtruf des Geltungstriebes, der bei ihm krankhafte Formen annahm. Normalerweise landen solche Leute in einer Anstalt, wird dieser Trieb jedoch erfolgreich kanalisiert, dann wird aus den Fällen mit einem veritablen Dachschaden in der Regel ein erfolgreicher Politiker, wie Hitler einer gewesen ist, der ja im Prinzip nichts weiter war als ein armes Würstchen, das erst durch die Anerkennung der Massen zur »Lichtgestalt« wurde, weshalb solche Phänomene immer auch ein schlechtes Licht auf diejenigen wirft, die auf solche merkwürdigen Figuren hereinfallen.

Ähnlich verhält es sich mit Oliver Kahn. Seine zähnefletschende Beckmesserei und die befremdlichen Anwandlungen seinen Mitmenschen gegenüber hätten ihn normalerweise straks in der Klapse geführt, gäbe es aufmerksame Mitbürger, die ein Verhalten, wie es Kahn manchmal an den Tag gelegt hat, als das erkannt hätten, was es ist: Psychotisch. Aber da die Extremsportler sowieso einen an der Waffel haben, brachte ihm sein merkwürdiges Gebaren keine Gummizelle, sondern öffentliche Anerkennung ein. Es wurde ihm sogar eine Aura der Unüberwindlichkeit angedichtet. Dummerweise hatte sich das nicht bis Manchester herumgesprochen. Im berühmten Champions-League-Endspiel 1999 nahm ManU keine Rücksicht darauf und schenkte Kahn in der Nachspielzeit noch zwei Tore ein.

In der Heimat wurde er berühmt-berüchtigt nicht für echte Attacken, sondern für Schein-Attacken. Als er Heiko Herrlich am Hals nagte, hinterließ er keine Bißwunde. Es sah nicht einmal beeindruckend aus, sondern ziemlich befremdlich, eher wie ein angehender Vampir, der sich ungeschickt anstellt. Als er mit gestrecktem Bein voraus dem Dortmunder Stürmer Chapuisat Kung-Fu-mäßig entgegenflog, war weit davon entfernt, gefährlich zu sein. Aber er wollte signalisieren, daß er auch bereit wäre, ihm alle Knochen zu brechen, was er natürlich nie gemacht hätte. Es sollte nur so aussehen. Er gerierte sich als furchterregendes Monster, um die Gegenspieler zu verunsichern. Und das gelang ihm häufig genug. Das ist zwar keine spielerische Qualität, aber im Fußball besteht die Hälfte des Erfolgs sowieso aus Psychologie, bzw. atavistisches Verhalten. Und es gab in der Tat nicht wenige, die auf das affige Getue Kahns hereinfielen.

Manchmal wird die Psychologie allerdings ein wenig arg strapaziert, vor allem, wenn sich Kahn selbst darin übt. Dann entpuppt sie sich als bloße Fehlentscheidung des Schiedsrichters wie im Herzschlagfinale 2001, als den Bayern in der 94. Minute von Merk ein Freistoß im Strafraum und damit die Meisterschaft geschenkt wurde. In seinem neuen, gerade erschienenen Buch, das nicht zufällig »Ich.« heißt, also eine glatte Lüge ist, interpretiert er dieses Tor als »Triumph des Willens«, genauer Triumph seines Willens, obwohl er keinen Anteil daran hatte, außer daß er behauptet: »Ich bin jetzt nur noch Wille, komplett beherrscht vom ›Das-kann-nicht-sein, Das-darf-nicht-sein!‹. Ich will dieses Spiel noch drehen. Ich bin bereit, dafür alles zu geben, und jeden Preis zu zahlen.« Aber es ist Merk, der einen abgefälschten Ball als Rückpass interpretiert, und es ist Andersson, der den Freistoß ins gegnerische Tor hämmert.

Der Grad von Kahns Gestörtheit dokumentiert sich aber nicht nur in der Überbewertung seiner Rolle, sondern in seiner Reaktion nach dem Treffer, denn er fällt nicht etwa dem Schützen um den Hals, sondern er herzt, drückt und knutscht die Eckfahne, vermutlich, weil seine Mitspieler Grund hatten, sich vor seinen emotionalen Ausbrüchen zu fürchten.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt glaubte Kahn vielleicht tatsächlich das, was in der Presse über ihn zu lesen war: Der »Titan«, der »Unüberwindbare«. Als Unbesiegbarer »belohnte« er sich, wie der Rolling Stone schrieb, »mit einem Ferrari-Cabrio und einer Disco-Mieze« mit dem Hinweis: »Die Leute sollen sehen, aha, der Kahn hat auch andere Facetten.« Facetten ist gut. Könnte vielleicht sogar sein, daß es diese Facetten waren, die Klinsmann veranlaßten, ihn bei der letzten WM nur noch als Ersatzmann zu berücksichtigen. Spätestens dann wandelte sich Kahn vom Ehrgeizling zum elder statesman, dem nur das Wohl und der Erfolg Deutschlands am Herzen liegt. Er brachte es fertig, seine Degradierung als Größe zu verkaufen und alle, die ihn jahrelang in allen Stadien der Republik mit Bananen beworfen hatten, zu beschämen, weil in Zeiten der WM die Deutschen auf unangenehme Weise zu einem Kollektiv verwachsen. Schön ist das nicht, aber immerhin kann man sich schon auf die nächste Bundesligasaison freuen, denn dann ist der Spuk namens Oliver »Aga« Kahn vorbei. Jedenfalls auf‘m Platz.

Klaus Bittermann