Die Wahrheit über das Pokalendspiel

Nach den 120 Pokalminuten, als man sich an die Wertung des Spiels machte, hörte man fast ein kontrolliertes Aufatmen. Es war nicht die von allen erwartete »Hinrichtung« (Doll) geworden wie eine Woche zuvor in der Liga, aber trotzdem haben sich die Bayern dann durchgesetzt. Die Dortmunder haben nicht den Spielverderber gemacht und an die schlechten Leistungen der letzten Zeit angeknüpft, haben durch das Tor in der letzten Sekunde ein bißchen was für die Dramaturgie getan, sie kämpften und rackerten und dafür wurde ihnen dann anschließend von allen auf die Schulter geklopft. Das habt ihr prima gemacht. Nette Jungs, tolle Moral. Man kondolierte dem Verlierer ein wenig zu herablassend, und Beckenbauer gab fast schon etwas gelangweilt zu, daß es sich die Bayern eben selber schwer gemacht hätten und am Ende sogar mit etwas Glück gewonnen hätten. Und gerne gestand man Kehl zu, sich in der Illusion zu wiegen, besser gewesen zu sein. Diese allgemeine Sicht der Dinge wurde auch durch den BVB-Boß Watzke gestützt: »Es hat der Glücklichere gewonnen, nicht der Bessere.« Bayern aber war so häufig schon der Glücklichere, daß man sich langsam mal fragen muß, ob da nicht vielleicht ein System dahinter steckt. Letztlich waren alle zufrieden. Die Medienvertreter darüber, daß die Sache nicht ganz so eindeutig war wie befürchtet, was man sich von Bela Réthy auch den gesamten Abend über und bis zum Abwinken anhören mußte. Die Dortmunder Spieler und Fans, die mal kurz am Pott schnuppern durften, und die Münchner, die ihn schließlich einsackten. UND DAS WAR DAS SCHRECKLICHE AN DIESEM ABEND! Es war wie eine gut einstudierte Inszenierung. Und die Dortmunder gaben in diesem abgekarteten Spiel den netten Sparringspartner, der die Münchner zwar ein wenig fordern, aber nicht schlecht aussehen lassen durfte, und es auch nicht konnte. Dank dieser Inszenierung wird dieses Pokalendspiel als eines der langweiligsten Finals in die Geschichte eingehen. Vielleicht wird man sich noch an die rote Karte für Kuba erinnern, aber selbst die war nicht sehr spektakulär, wenngleich die 2. gelbe Karte ungerechtfertigt war, denn Kubas Grätsche nahm Lell dankbar an, um sich am Boden zu wälzen. Lell hätte auch über Kuba hinwegspringen können und weiterspielen, aber dann hätte Kuba eben nicht gelb-rot gesehen und das hätte wiederum gegen die Philosophie der Bayern verstoßen. Rot statt gelb hätte Kuba allerdings für seine Schwalbe im Sechzehner sehen müssen, die so doof wie offensichtlich war. Bei Toni kann er sich abgucken, wie man das viel geschickter macht. Vielleicht wird man sich noch an das Tor in der 92. Minute erinnern, das im Abwehrwirrwarr durch einen abgefälschten Schuß von Petric zustande kam, aber abgesehen von der perfekten Dramaturgie durch den Treffer, der von den Dortmundern gefeiert wurde wie der Pokal selbst (klar, man hatte in der letzten Zeit auch nicht viel zu bejubeln), war in dem gesamten Spiel nicht wirklich etwas dabei, das sich ins Gedächtnis eingraben würde, da war kein großer Moment, keine Magie, keine knisternde Spannung, da waren nur elf wacker kämpfende Schwarzgelbe, die fast alle Valdez hätten heißen können, und selbst in Bedrängnis überlegene Bayern, die den Schiedsrichter auf ihrer Seite hatten, das Glück und den Fußballgott sowieso, und bei niemanden wirklich Zweifel aufkommen ließen, daß sie den Pott gewinnen würden, selbst wenn es zum Elfmeterschießen gekommen wäre. Gegen Wacker Burghausen jedenfalls war die Sache um einiges enger als gegen Dortmund. Daß es so war, ließ sich an einer Frage von Kerner ablesen, die er der Expertenrunde stellte, ob wirklich jemand nach dem späten Ausgleichstor am Sieg der Bayern gezweifelt hätte. Und die Experten hatten nicht gezweifelt, wie auch sonst niemand daran gezweifelt hat, außer vielleicht die Dortmunder, die ihr demoliertes Image etwas aufpolieren wollten und sich ohne Widerspruch der Bayern als die Besseren wähnen durften, die sie aber nicht waren. Der Abend wäre vielleicht unvergeßlich geblieben, hätten die Dortmunder noch ein paar rote Karten gesammelt, wofür sie bei diesem Schiedsrichter gute Chancen gehabt hätten. Dann wäre es ein Spiel gewesen, das mit vier Platzverweisen für die Schwarzgelben noch lange für Gesprächsstoff gesorgt hätte. Oder sie hätten einfach eine Abwehrschlacht geliefert mit elf Mann im Sechzehner. Oder vielleicht einfach mal gewinnen, mit irgendeinem bescheuerten Duseltor. Aber nein, sogar Kringe gab Kahn mit seinem Schuß die Gelegenheit, sich anschließend als Pokalheld feiern zu lassen. Aber nichts Unvorhergesehenes passierte, nichts Überraschendes, nichts, was die Inszenierung durchbrochen hätte, so daß man anschließend nicht die blöden, zufriedenen Fressen hätte ertragen müssen, die alle über einen gelungenen Abend strahlten wie ein ganzes Atomkraftwerk. UND DESHALB WAR DIESER ABEND EIN ÖDES SPEKTAKEL, das Watzke mit dem unterwürfigen Kommentar krönte: »Es hat mich sehr gefreut, daß uns Uli Hoeneß nach dem Spiel zu einer guten Leistung gratuliert hat.« Will man sowas wirklich hören? Ich nicht. »Ich bin ein glücklicher Mensch«, sagte Hoeneß auf eine der üblichen idiotischen Reporterfragen, wie es ihm denn jetzt so ginge. Und diese Antwort war das einzige Erfreuliche an diesem Abend, denn dieser Satz hat die Frage Camus‘ beantwortet, wie man sich einen glücklichen Menschen vorzustellen habe. Dieser glückliche Mensch hat jetzt ein Gesicht, und dieses Gesicht gehört Uli Hoeneß.