Die Algebra des Überlebens

»Wir fuhren die ganze Nacht wie in einem Film. Von Ciudad N mit ihrem Chaos von Lärm und eitergelben Neonreklamen zu den rostigen Sümpfen von Niagara, quer durch das verseuchte Land.« So beginnt der Roman, an dem Carl Weissner Mitte der Sechziger in New York arbeitete. Vermutlich wurde das Buch nie fertig geschrieben, aber die Getriebenheit, die Flucht, das On-the-raod-Sein, die melancholische Stimmung, die durch die wenigen Zeilen schimmert, das alles lag damals in der Luft. Den Mega-Erfolg damit hatte dann Hunter S. Thompson mit seinem »Fear and Loathing in Las Vegas«, der in einem Interview mal sagte, daß er das Gefühl hatte, als ob er mit dieser Art von Literatur gerade noch durch eine Tür geschlüpft sei, die nach ihm wieder ins Schloß fiel.
Man muß Carl Weissner nicht vorstellen. Als Übersetzer von Bukowski, Burroughs, Ginsberg u.a., als Herausgeber der Literaturzeitschrift Gasoline 23 war er zusammen mit Jörg Fauser und Jürgen Ploog der entscheidende Mann für experimentelle Literatur, für die Cut-up-Methode, für schnelles, hartes Schreiben, wie Hammett es betrieb. Im Gegensatz zu Fauser, der erfolgreich wurde, blieb Carl Weissner im Underground, wo alles begann, er wurde zu einer Institution, einer Legende, zu einem der letzten Überlebenden aus einer Ära, in der man sich vom Bodensatz des Lebens aus schreibend zur Wehr setzte und in der man alles Normale exzessiv und unter dem Einsatz seines Lebens zu zerstören versuchte. Weissner macht in seinem neuen Buch »Die Abenteuer von Trashman« dort weiter, wo er 1968 in New York aufgehört hat (nein, eigentlich hat er nie damit aufgehört), als ihn ein Fulbright-Stipendium mehr schlecht als recht über Wasser hielt und er in kleinen avantgardistischen Literaturzeitschriften wie San Francisco Earthquake veröffentlichte.
Weissner schreibt immer noch Cut-up, er trägt Zitate und Bruchstücke seiner Erinnerungen in kleinen Absätzen zusammen, die wie in einem Gangsterfilm blaulichtartig die Szenerie eines verkommenen und verrotteten New Yorks beleuchten, in dem Carl Weissner umherirrt, auf Parties sich mit Drogen die Kante gibt, mit abgerissenen Freunden, die pleite sind, sich die Nacht um die Ohren schlägt, während die Köpfe beherrscht werden vom Krieg in Vietnam und den Brutalitäten des Lebens, die Weissner schreibend einzufangen sucht. Nicht die schlechteste Methode, um im Handgemenge Literatur als ganz eigene Wirklichkeit neu entstehen zu lassen. Und dieses literarische Blitzlichtgewitter erhellt fast ausschließlich grandiose und absurde Szenerien, die wie große Romananfänge sind, die einen unheimlichen Sog entwickeln und einen unwiderstehlich in die unwirkliche Wirklichkeit einer nicht mehr existierenden Welt hineinziehen.
»Wir hausten zu viert in einem Zimmer und verfeuerten Orangenkisten im Kamin. Und Ray stickte fromme Sprüche in Sofakissen, mit zittrigen Fingern, weil er wieder auf Entzug war. … Das Taxi holpert durch die Schlaglöcher der 52. Straße, links und rechts türmen sich die schwarzen Müllsäcke, Blut und Ruß quillt aus den Kanaldeckeln, die Autos alle zu groß für die Hirne, die drinsitzen, und hinter der Kreuzung an der 6th Avenue klaffen die Teergruben aus dem Tertiär.« Weissner wohnt in Absteigen, wird von Puertorikanern mit Ohrringen ausgeraubt – »›Scheiß Ricos!‹ schreie ich später aus meinem Fenster. ›Ich bringe euch alle um!‹ ›Ha, ha‹, sagt nebenan die Witwe Lipschitz.« –, er ist genervt von den Hippies, »die für den Umgang mit der Droge ihrer Wahl zu dumm sind« und regelmäßig mit der Axt ihre Freundin niedermetzeln, da ist der alte österreichische Kellner im Don Quixote, der Burroughs so ärgert, bis es aus ihm herausbricht: »Ich schätze, Hitler lag vielleicht doch nicht so falsch«, während Ray, der »seine Zähne im Zuchthaus von Trenton/New Jersey verloren« hat und dem »das zerzauste Haar in das graue faltige Gesicht« hängt, zu Hause vor dem Kühlschrank auf dem Boden sitzt, die Hände unter die Achselhöhlen geklemmt, und im Schlafzimmer »noch so ein Beat Poet« in Unterhose und Rollkragenpullover schreit: »Ich hab den Horror! Ich halt die Scheiße nicht mehr aus!«
In dieser dichten Atmosphäre tauchen immer wieder Burroughs, Ginsberg, Bukowski, der von Los Angeles telefoniert, und andere Radikale und Verrückte auf, die heute niemand mehr kennt, und geben ihre Kommentare ab. Weissner läßt sie ausführlich zu Wort kommen. Z.B. Claude Pélieu: »Klaut ihnen die Wärmflaschen! Versaut ihre Autogrammstunden! Setzt ihre Museen in Brand!« Da hätte der deutsche Literaturbetrieb aber rote Pusteln bekommen, denn mit einer derart existenziellen Radikalität hatte man hier nichts am Hut, auch damals nicht, als die Zeit dafür reif war. Und als ob das alles noch nicht genügen würde, bekommt man ganz nebenbei noch ziemlich verrückte Anekdoten erzählt, z.B. daß Al Pacino seine Karriere mit Publikumsbeschimpfungen begann, daß man in den Steinbrüchen zu Kurzarbeit übergehen mußte, weil soviel Dynamit geklaut wurde, daß die Beretta, mit der Miss Solanas Andy Warhol niederschoß, gerüchteweise von einem »Up Against the Wall Motherfucker«-Anarchisten stammte, daß Janis Joplin Jim Morrison eine volle Bierflasche über den Kopf zertrümmerte, weil der ihr zwischen die Beine wollte.
»Beneidenswert«, schreibt Weissner einmal über Jack Michelin, »keine Umwege, keine Schlenker, kein Zögern. Zip. Bäng.« Das ist das Mindeste, das sich auch über die Prosa von Carl Weissner sagen läßt. Ein Buch, das einem die Beine wegreißt.

Carl Weissner, »Die Abenteuer von Trashman«, Milena Verlag, Wien, gebunden, 154 Seiten, 19,90 Euro