Buchmessenreport Teil 4

Habe es am letzten Tag der Buchmesse in die FAZ-Buchmessenklatschpresse geschafft. Mit einem Interview. Wußte aber nicht, daß überhaupt ein Interview mit mir geführt wurde, weshalb ich in dem Gespräch eigentlich nur Quatsch erzählte. So geht das also. Man erzählt Quatsch und schon steht es in der Zeitung. Z.B., daß ich den einzigen Termin mit einem Literaturagenten glatt vergessen habe. Das wirft natürlich kein gutes Licht auf mich, aber ich mag sowieso keine Literaturagenten, weshalb ich den Termin wahrscheinlich verdrängt habe. Außerdem ist mir jetzt das Buchmessenhighlight geklaut worden. Eine Dame mittleren Alters mit großen Klunkern um den Hals unterbricht mich mitten im Interview und sagt mit großen Augen, daß sie Gedichte schreibe, aber noch nicht fertig sei. Lyrik, werfe ich reflexhaft ein, würde der Verlag nicht veröffentlichen. Aber was könne sie denn dann machen? Wir schicken sie zu Lettre, denn die würden Gedichte veröffentlichen. Nautilus würde bestimmt auch in Frage kommen. Die Frau hat Angst, daß ihre Gedichte unter anderem Namen veröffentlicht werden, wenn sie sie einfach an einen Verlag schickt, oder daß sie plötzlich eine Rechnung über 8000 Euro bekommt, weil die Gedichte einfach weggedruckt wurden. Mit diesem Risiko müsse sie leben, sage ich. Sie ist verzweifelt. Ein bißchen kommt mir die Frau vor wie jemand, der auf eine Automesse geht und fragt, wie man denn eigentlich einen Führerschein bekomme.
Die Buchmesse steckt voller Rätsel und seltsamer Menschen. Beinahe hätte ich einen Preis bekommen. Für meinen Buchtitel »Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol«. Leider aber ist der Preis schon vergeben, als der Juror den Titel an meinem Stand entdeckt. Der Titel sorgt für die unterschiedlichsten Reaktionen. Manche lachen, manche nicht. Das kommt darauf an, ob sie ihn begreifen. Frau Goldmann vom Goldmann Verlag ist der Titel leider zu Berlinlastig. Immerhin hat sie sich gründlich vorbereitet, weil ich ihr gesagt hatte, daß ich sie auf der Messe abfragen würde.
Mein zweitliebstes Messeerlebnis war ein vietnamesischer Taxifahrer. Als wir eine Rikscha überholten, die nun auch in Frankfurt unterwegs sind, sagte er, daß die Rikschas in Saigon verboten seien, weil sie den Verkehr stören. Außerdem wäre man mit dem Taxi viel schneller, und billiger seien die Rikschas auch nicht. Er lacht. Nein, er meckert. Das ist sehr ansteckend. Und in der Tat ist es sehr absurd, daß solche Beförderungsgeräte in den Herkunftsländern aus Gründen des Fortschritts aus dem Verkehr genommen werden, während sie in den hochindustrialisierten Ländern Einzug halten. Vielleicht ist das für irgendetwas sinnbildlich. Für den sich anbahnenden Untergang bestimmt, denn auch wenn es auf der Buchmesse niemand interessiert und niemand darüber redet, die Finanzkrise wird sich auf die Buchbranche verheerend auswirken, und wer nicht bereits pleite ist wie Eichborn oder Blumenbar, kann sich jetzt schon mal darauf freuen. Und wenn sich dann der Rauch verzogen hat, falls er sich überhaupt nochmal verzieht, dann gibt es wieder zehn Prozent mehr Milliardäre in Deutschland, die soviel Geld haben wie 50 % der restlichen Bevölkerung. Diese düstere Prognose gibt Michael Farin vom Belleville Verlag ab und ich bin geneigt, ihm recht zu geben.