Buchmessenreport Teil 1

Das lustigste Buch dieser Saison findet sich in keiner Messebeilage. Es ist schmal und kommt als gewöhnliches Taschenbuch daher mit einem dem Verlag, in dem es erschienen ist, angemessen häßlichen Cover. Der Autor Uli Hannemann ist dem seriösen Feuilleton noch nicht untergekommen, jedenfalls nicht daß ich wüßte, denn lustige Literatur genießt in Deutschland kein hohes Ansehen. Und der Titel »Neukölln, mon amour« ist jetzt auch nicht der Hit, der einen schon beim bloßen Hören aufmerken läßt. Aber der Lesebühnenprofi hat nach seinem letzten Buch, das in Neukölln erfolgreicher war als Harry Potter, wieder Geschichten über sein Viertel zusammengestellt, die tatsächlich lebensverlängernd sind, denn bei der Lektüre muß man ständig vor sich hinkichern. Hannemann ist ein Meister der Übertreibung und des Abseitigen, er versteht es, seine Geschichten ins vollkommen Absurde zu steigern. Ausgehend von einer meist ganz harmlosen Alltagsbegebenheit befindet man sich dann plötzlich auf einem dieser wild um die eigene Achse sich drehenden Jahrmarktskarussels des blanken Irrsinns. Einfach grandios und hinreißend, und ich bezweifle, daß die Literatur, die es in die »Zeit« und in die FAZ geschafft hat, auch nur einen Bruchteil von diesem abstrusen Humor aufweisen kann.
Na gut, das hat jetzt noch nichts mit der Messe zu tun, wo das Buch in einem Regal wie kleine Soldaten aufgereiht sein wird, ohne daß die beim Ullstein-Stand sich vorbeiwälzenden Massen wissen, was sie da wieder verpassen, worin ja auch ihr Wesen besteht. Literatur wird ja auch nicht mehr von Autoren gemacht – das ist eine antiquierte Vorstellung –, sondern von Agenten, was leider weit weniger romantisch ist, als es sich anhört. Sie sind eigentlich meine natürlichen Feinde, denn sie sind in der Regel unfähig und an Literatur nicht wirklich interessiert, sondern nur daran, möglichst viel herauszuschlagen auf die Gefahr hin, daß ein Titel dann eben nicht erscheint, weil unter 1000 Euro die Provision zu gering ist, um sich die Mühe zu machen, einen Vertrag aufzusetzen. Einmal erhielt ich einen Anruf, ob ich noch an dem Titel interessiert sei, den ich zwei Jahre vorher nachgefragt hatte.
Einer der bekanntesten Literaturagenten ist Andrew Wylie. Er heißt in der Branche »Schakal«, weil er Autoren, die ihm gefallen, anderen Agenten ausspannt. Das finde ich aber nicht schlimm und wahrscheinlich ehrt ihn das. In der Verlagsbranche kommt das täglich vor. Er sagte in einem Interview, daß er keine dummen Angestellten habe. Ach ne, dachte ich. Einer seiner Angestellten jedenfalls wollte mir mal einen Titel aufschwatzen, den es auf deutsch gegeben hatte und an dem die Rechte gerade wieder zurückgefallen waren. Vielleicht nicht dumm, aber ärgerlich war es, als ich mit einem seiner Angestellten für einen Interview-Band von Hunter S. Thompson die Konditionen für eine bestimmte Auswahl aushandelte, und als alles in trockenen Tüchern war, wurde mir mitgeteilt, daß für das wichtigste Interview leider keine Lizenz vergeben werden könne.
Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn der Agent versucht, für seinen Autor möglichst viel herauszuschlagen, wobei mich die Autoren von Andrew Wylie nicht wirklich interessieren. Nicht, weil ein Philipp Roth nicht große Literatur schreiben würde, sondern weil ich keine sieben Millionen Dollar habe, mit denen das neue Buch vom Tom Wolfe bevorschußt wurde. Dieser Hype kann nicht von einem Agenten gemacht werden, wenn es nicht die Verlage gäbe, die sich auf das Spiel einlassen würden. Und die Verlage machen das gerne, weil sie mit diesen Summen allen signalisieren können, wie potent und mächtig sie sind, auch wenn 50 Prozent aller Bücher, die für viel Geld eingekauft wurden, nach einem Jahr im Ramsch landen und sich nach einem halben Jahr niemand mehr erinnert, daß es sie überhaupt mal gab. Andrew Wylie tut im Prinzip nichts anderes, als dieses Gebaren der Verlage auszunutzen, die sich auf diese Weise in Szene setzen. Nur daß es dabei »nicht wirklich ums Geld« gehen soll, wie Wylie behauptet, mag man ihm nicht abnehmen, denn das Buch ist nun mal eine Ware wie jede andere, bei Wylie ist es außerdem ein Spekulationsobjekt, das losgelöst von seiner ihm innewohnenden Qualität gehandelt wird. Und richtig Geld und Gewinne in Millionenhöhe machen sowieso nur die »singenden Fernsehmoderatoren«, wie sie Sibylle Berg genannt hat, deren einzige Befähigung darin besteht, ein fernsehbekanntes Gesicht zu haben. Solche Leute allerdings wird man bei Andrew Wylie nicht finden. Und das ist ja schon was.