Gemeinheit als Gegengift

In der Anleitung zu dem ultimativen Berlin-Roman empfiehlt Harald Schmidt »einen gereizten Monolog über Gott und die Welt, … denn hier läßt sich alles unterbringen, was man als ökologisch interessierter Katholik im taumelnden Kapitalismus über die Jahre so alles zusammengelesen hat«. Als jemand, der im Hauptberuf Verleger ist, weiß ich, daß manchmal ganze Bücher aus diesem gereizten Monolog bestehen, den der Autor in spe mit einem Lektor »diskutieren« und »durcharbeiten« will. Das Buch wendet sich dabei nicht nur an »kritische Intellektuelle«, die »beißenden Humor« lieben, sondern auch an »eine breitere Bevölkerungsschicht«, die aber schon ziemlich breit sein müßte, um zu diesem Roman zu greifen. Für den definiven Berlin-Mitte-Roman hat Harald Schmidt ein feines Gespür, denn Harald Schmidt wäre nicht Harald Schmidt, wenn er nicht das genaue Gegenteil des Romans entwirft, der Erfolg verspricht, und in dem die Figuren Dirk, Sarah, Andreas und Doro heißen, was allein schon ein verläßlicher Abschreckungsfaktor ist. In dem Moment jedoch, wo Schmidt seine Idee ausgereizt hat, hört er dankenswerterweise auch wieder auf und wirft schnell noch ein schönes Bonmot hin, das mit allem nichts zu tun hat, aber ja mal erwähnt werden kann: »Betrachte abwechseln meinen Penis und den neuen Roman von Martin Mosebach. Auf beides habe ich mich den ganzen Tag gefreut.«
Diese Anleitung zum Berlin-Roman ist der einzige Originalbeitrag in einer Sammlung von Focus-Kolumnen, die in regelmäßigen Abständen als Buch erscheinen, aber weil ich niemand kenne, der das von einem Mops herausgegebene »Nachrichtenmagazin ohne Nachrichten« liest, ist diese Glossensammlung mit dem Titel »Fleischlos schwanger mit Pilates« sehr erfreulich, denn hier könnten die Abertausende von Autoren, die langatmige Abhandlungen über heiße Eisen verfassen, die unter den Fingernägeln brennen, und dabei vor Begeisterung über sich selbst ganz hingerissen sind, lernen, wie man sich kurz faßt und eine Idee nicht zu Tode reitet.
Vor allem aber mag ich Harald Schmidt, weil er die gleichen Vorurteile hat wie ich, die natürlich keine Vorurteile sind, sondern selbstverständlich begründete Aversionen, da bin ich ganz wie der moderne Zeitungsleser, der eine Zeitung nur liest, weil er in ihr sein Weltbild bestätigt bekommen will und sonst mit der Abokündigung droht. Schmidt macht sich lustig über die »Basics« der deutschen Frau, die nach der Geburt »Bequemtreter, Anorak und Fahrradhelm« trägt, über den modernen Vater als »Protagonisten der Generation Umhängetasche/ Rucksack«, für den »eine vierspurige Stadtautobahn für das Rad mit Kinderanhänger gerade breit genug ist« und über die Tatsache, daß »bei fast jedem Kind heute Hochbegabung oder das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) diagnostiziert wird«. Und da hat Schmidt nun mal recht. Ich muß es wissen, denn ich sitze mitten drin in einem Viertel, wo diese Beobachtungen täglich bestätigt werden und man mit Leuten zu tun hat, die sich fürchterlich über den Verlust ihres häßlichen Rollkoffers beim letzten Urlaub aufregen. Aber wie Harald Schmidt so schön hämisch fragt: »Was wird schon drin gewesen sein? Crocs, Trekkingsandalen, bedruckte T-Shirts, Fleece-Jacken, Piratenhosen, Halbarmhemden und weitere unzählige und potthässliche Outdoor-Klamotten. Alles Dinge, deren Verschwinden unsere Umwelt schöner machen«.
Sollte jetzt jemand denken, och ist doch bloß das übliche wertkonservative Linken- und Alternativenbashing, dann wird der für Fragen des Stils unempfindliche Leser Schmidt zumindest für seinen Spott auf Stuttgart 21 schätzen müssen, denn Schmidt preist die 28 Minuten, die der Zug künftig von Stuttgart nach Ulm braucht, als geradezu »traumhaft«, denn »in Stuttgart leben und in Ulm arbeiten – viele junge, hoch qualifizierte Paare sehen darin eines der vordringlichsten Ziele«. Und Schmidt läßt auch keinen Zweifel daran aufkommen, wie es um Deutschland bestellt ist, wenn bei einem wie zu Guttenberg »junge Frauen in Großstädten nichts als Glückshormone ausschütten« und sich die »Mehrheit der Deutschen ausgerechnet in der Krise von einem finanziell unabhängigen Adligen bestens repräsentiert sieht«. Trotz dieser deprimierenden Anzeichen gibt Schmidt nicht auf und entwirft ganz im Sinne großer Aufklärer »15 Warnzeichen«, an denen sich merken läßt, daß man an sich noch arbeiten muß, z.B. wenn man Richard David Precht für einen Philosophen hält.
Von solchen Stellen gibt es jede Menge, so daß man sie sich leider gar nicht alle merken kann. Schmidts schönste Anmerkung aber ist ihm zu Franz Josef Wagner gelungen. Die steht nicht in dem Buch, aber damals dachte ich, not bad! Dafür kann man auch mal in Bild schreiben. Dort nämlich verfaßte Schmidt »Post an Wagner« statt der »Post von Wagner«, weil der mit einem Bandscheibenvorfall im Krankenhaus lag. Schmidt übermittelte Wagner auf selten hinterhältige Weise Glückwünsche zum 60. Geburtstag und schrieb: »Manch einer wünscht sich für seinen Sechzigsten vielleicht einen festlicheren Rahmen. Aber Bettpfanne, Tropf und Schnabeltasse können Zeichen des Himmels sein… Mit operierter Bandscheibe wird sich Ihr Sexleben ändern müssen. Ich wünsche Ihnen heilende Hände.« Selten wurde jemandem an der genau richtigen Stelle zu verstehen gegeben, was für ein Volltrottel er ist, aber das auf so charmante und nonchalante, aber auch hinterhältige Art, die wehrlos macht. Schmidt ist auf wunderbare Weise gemein, und diese Gemeinheit ist genau das richtige Gegengift für die Zumutungen des Lebens. Harald Schmidts Kolumnen sind wie ein Martini bianco auf Eis, der vor dem Essen angenehm die Kehle hinabrollt.

Harald Schmidt »Fleischlos schwanger mit Pilates«, Kiwi Köln 2011, 224 Seiten, 8,95 Euro