Die Wahrheit über den 20. Spieltag

»Manchmal muß man auch mal mit einem 3:0 zufrieden sein«, witzelte mein Nachbar im Intertank nach dem Spiel. Vor dem Spiel aber hätte ich nicht unbedingt auf diesen klaren und vor allem souverän herausgespielten Sieg gewettet. Gegen die Bayern hatten sich die Wolfsburger als unangenehmer und hart einsteigender Gegner erwiesen, der den um die Teilnahme an der Championsleague zitternden Ex-Meister ein Remis abtrotzte. Und da der VW-Konzern jetzt langsam mal was für sein Geld erwartet, rackern sich die Söldner ziemlich ab. Aber sogar der einzige Wolfsburg-Fan, den ich kenne – und die sind sehr sehr selten –, bestätigte mir, daß der Konzern einfach keinen blassen Schimmer hat, denn wer einen Dieter Hoeneß verpflichtet, den bestraft eben auch das Leben. Hoeneß würde noch als Hausmeister den Verein in die Scheiße reiten. Die Dortmunder aber versprühten wieder großzügig Glanz und Spielfreude. Vor allem Götze, der, wie man vom Kommentator erfuhr, so schwer auszurechnen sei, weil er einen so niedrigen Schwerpunkt hätte, taifunte immer wieder durch die überforderte Abwehr der Wolfsburger, und Sahin fügte mit präzisen Pässen der feindlichen Defensive schwere Schäden zu. Schon das frühe erste Tor der Dortmunder war ein Genuß und eine schnelle Kombination von Sahin auf Götze auf Barrios. Wer gedacht hatte, die Dortmunder würden nach dem Remis gegen Stuttgart langsam nervös werden, hatte seine Rechnung ohne die sich nicht um den Pressehype scherenden Dortmunder gemacht. Die scheint das alles nichts zu kümmern, und solange sie es schaffen, nicht mit dem Ziel Meisterschaft vor Augen in die Arenen einzulaufen, solange ist die Chance groß, ein kleines Wunder in der Welt der Fußballs zu fabrizieren, das schon langsam Gestalt annimmt, denn wer über einen so langen Zeitraum so völlig ohne Anzeichen einer auch nur peripheren Krise auftrumpft, der stellt ganz nebenbei einen Rekord nach dem anderen ein. Mit zehn Auswärtssiegen haben die Dortmunder zumindest vereinsintern eine neue Marke aufgestellt, und dabei ist die Saison gerade mal zur Hälfte vorbei, auch 50 Punkte nach 20 Spielen hatten die Dortmunder noch nie. Und es gibt keine Anzeichen, daß sich das ändern könnte, denn fast alle anderen Mannschaften schwanken in ihren Leistungen extrem. Zwar besiegte Leverkusen den direkten Konkurrenten Hannover, war aber nicht unbedingt besser. Und Bayern gewann in Bremen nur deshalb, weil der Schiedsrichter den Werderanern einen glasklaren Elfer verweigerte und so das Spiel zum Kippen brachte. Im Pokal noch glücklicher Sieger gegen den Club, dümpelte Schalke zu Hause gegen die ja auch stark gebeutelten Hoffenheimer auf so peinliche Weise herum, daß man schon glaubte, man müßte den Notarzt für die stark überforderten Blauweißen bestellen, die von Glück sagen konnten, nicht eine richtige Klatsche bekommen zu haben. Schon am nächsten Spieltag kann sich das aber wieder ändern, was ärgerlich wäre, denn dann geht es gegen den alten Erbfeind im Revier, und da weiß natürlich jeder Schalker, daß er sich in dieser Partie nicht so hängen lassen darf. Und dann noch ein kleines Hoch auf St. Pauli, die lahme Kölner in Grund und Boden gespielt haben.