Der kommende Aufstand – Eine absurde Debatte

Linksradikale Schriften, die ganz im emphatischen Sinne von Marx auf den völligen Umsturz der Verhältnisse bedacht sind und Gedanken darüber anstellen, wie das bewerkstelligt werden könnte, finden Aufmerksamkeit höchstens, wenn überhaupt, beim Staatsschutz und nicht im bürgerlichen Feuilleton, das sich bei solchen Pamphleten nach der österreichischen Maxime richtet »Ned amoi ignoriern«. Umso erstaunlicher war es, daß die ersten Reaktionen der großbürgerlichen Kulturkritik von FAZ, SZ und Zeit auf das kleine Manifest »Der kommende Aufstand« nicht nur sympathisierend ausfielen, sondern geradezu euphorisch. Nils Minkmar bezeichnete die Schrift als »das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit«, und zwar weil »das Besondere an dem Buch dessen glänzender Stil« sei und »der Text ohne das sonstige phraseologische Sperrholz linker Pamphlete auskommt«, wie Alex Rühle in der SZ ergänzte. Daß der formalen Seite mehr Bedeutung beigemessen wurde als der Intention der Schrift war dabei durchaus überraschend. Wolfgang Pohrt meinte, das sei ein Zeichen dafür, wie sehr sich das Feuilleton langweilen würde, was auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen mochte, aber die folgende absurde Debatte war durchaus dazu angetan, ihm recht zu geben. Johannes Thumfart rief in der taz das bürgerliche Feuilleton zur Ordnung. In Wirklichkeit sei die Schrift »eine rechte, von Heidegger und Carl Schmitt inspirierte, antimoderne Hetzschrift«, die »mit tiefbraunen Zitaten gewürzt« sei. Für diesen Schwachsinn ist die taz vor über 30 Jahren nicht gegründet worden, aber es war von einer bemerkenswerten Rafinesse, daß die taz, die in der Außenwahrnehmung immer noch mit einem gewissen Linkssein verbunden wird, nun päpstlicher als die bürgerlichen Feuilletonpäpste sein wollte. Der Nachweis, was die Autoren des »kommenden Aufstands« mit Schmitt und Heidegger zu tun haben, bestand im wesentlichen in der Behauptung, die anonymen Autoren seien, wie Thumfart herausgefunden hatte, »der Demokratie spinnefeind«, und weil Schmitt und  Heidegger ebenfalls die Demokratie kritisiert hätten, könne eine gedankliche Verwandtschaft nicht geleugnet werden. Selbst wenn ein Bezug zu Schmitt und Heidegger nachzuweisen gewesen wäre, macht das noch niemanden automatisch zu einem Rechten, und so dürfte diese grandiose Entdeckung, die Thumfart da gelungen ist, darauf zurückzuführen sein, daß er selber ein bißchen zu tief in Heidegger geschaut hat.
Die Ermahnung der taz mochte das bürgerliche Feuilleton, das die Schrift eben noch gelobt hatte, nicht auf sich sitzen lassen. Die SZ ging in sich, konzedierte widerwillig, daß Schmitt und Heidegger »zumindest teilweise« die Schrift prägen würden, um dann triumphierend den wirklichen Drahtzieher im Hintergrund zu präsentieren: Ernst Jünger, der »die nun im ›Aufstand‹ beschworene Praxis der Mimikry und des subversiven Widerstands vor Jahrzehnten schon und in mindestens so eleganten Worten vorweggenommen hat«, eine Entdeckung, deren Gehalt an Schwachsinn sich mit dem in der taz messen konnte. Nun wurde auch mehr die praktische Seite des »schlecht gelaunten und renitent daherkommenden« Büchleins unter die Lupe genommen und als »pubertärer Vulgärsozialismus« entlarvt, und wenn Felix Serrao in der SZ nicht umhin konnte, gewissen »Erkenntnissen« zuzustimmen, dann monierte er, daß sie »nicht sexy« seien, womit eine Kategorie in der Beurteilung von Texten eingeführt wurde, von der man immerhin sicher sein konnte, daß sie auf die nun »schlecht gelaunten« Kritiken aus dem bürgerlichen Lager zutraf.
Vor allem der Spiegel ging mit dem Büchlein hart ins Gericht, nachdem man es auf drei Seiten nachgedruckt hatte, offenbarte dabei aber einen völlig verwirrten Eindruck. Auch der Spiegel hatte Traditionslinien entdeckt, diesmal Jean-Jacques Rousseau »oder« Jean-Luc Godard. Das »oder« war dabei sehr lustig. Von Godard hätten die Autoren »den radikalen Gestus geerbt, sie polemisieren gegen die Demokratie, gegen das System, gegen Selbstverwirklichung, gegen das Subjekt an sich«. Abgesehen davon, daß Godard Maoist gewesen war, ideologisch gesehen also eher ein rotes Tuch gerade für die unsichtbaren Aufständischen, ist der Steckbrief auch nicht besonders spezifisch, bis auf den Vorwurf, die Autoren seien »gegen das Subjekt an sich«. Meint der Spiegel, für die Abschaffung der Menschheit? Eine gewagte These, deren Begründung der Spiegel allerdings leider für sich behielt.
Dafür vermengt der Spiegel die Autoren der Schrift treffsicher mit Leuten und Büchern, die mit dem »Kommenden Aufstand« bestimmt nichts am Hut haben, z.B. mit dem Bestseller- und Spiegel-Autor Richard David Precht, einem Anklage-Schriftsteller, der viele kosmetische Details am Kapitalismus bemängelt, aber bestimmt nie auf die Idee käme, ihn abschaffen zu wollen. Oder mit der Ratgeberliteratur »Der Sinn des Gebens« von Stefan Klein. »Das Denken ist das gleiche. Der Ekel ist der gleiche. Die Wut ist die gleiche«, setzt der Spiegel apodiktisch den »deutschen Wutbürger« von Stuttgart 21 mit den Aufständischen aus den Banlieues gleich, dabei könne »die Moderne« doch gar nichts dafür, »wenn der Rotwein korkt«, womit der Spiegel schließlich den wirklichen Grund für die Folgen der Bankenkrise und des griechischen Staatsbankrotts entdeckt hat.
Steckt hinter einigen Kommentaren sicher auch die Eitelkeit von Journalisten, die sich mit maximaler Peinlichkeit ins Gespräch bringen wollen und denen keine These zu steil und zu absurd ist, um sich davon nicht einen kleinen Aufmerksamkeitsvorteil zu versprechen, so läßt sich hinter den aufgeregten Flatterbewegungen im Feuilleton auch eine tiefe Verunsicherung erkennen, weil man einige Phänomene nicht begreift und sie ihnen schlicht entgleiten. Gerne, ja geradezu enthusiastisch teilt man die Analyse der »diffusen Schizophrenie«, der »schleichenden Depression« und der »Atomisierung in feine paranoide Teilchen«, die die Gesellschaft für ihre Mitglieder zu bieten hat, aber daß diese Diagnose auch Konsequenzen hat, die die unsichtbaren Autoren in den Banlieue-Aufständen und den Revolten in Griechenland aufbrechen sehen, das mag man dann doch weniger. Und deshalb stempelt man das sich als »Komitee« bezeichnende Autorenkollektiv als rechtskonservativ ab, weil man bei ihm »die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft« (SZ) feststellen zu können glaubt. Aber gerade für »die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft« gibt es jede Menge gute Gründe, wenn man nicht ganz unempfindlich ist für das, was sich als ganz normaler Wahnsinn auf den Straßen und in der Politik abspielt. »Das Getue all dieser jungen Leute, die sich darin üben für ihr Einstellungsgespräch zu lächeln, die sich ihre Zähne weiß machen lassen – für einen besseren Aufstieg –, die in Nachtclubs gehen, um Teamgeist zu simulieren, die Englisch lernen, um ihre Karriere zu beschleunigen…. Das Gewimmel all dieser kleinen Leute, die ungeduldig drauf warten, ausgewählt zu werden, und dafür trainieren, natürlich zu sein…«
Wer auf solche Dinge nicht abgestumpft reagiert und es versteht, diesen Ekel analytisch zu fassen und nicht als Ressentiment, der schreibt aus einem fundamentalen Antrieb heraus, aus wirklichem Interesse, etwas verändern zu wollen. Man nimmt den Autoren ab, das sie die Schrift nicht aus Spaß oder Eitelkeit geschrieben haben. »Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation«, schreiben sie und lassen in der gesamten Analyse keinen Zweifel daran, wie dringlich die Angelegenheit ist und wie weit fortgeschritten das Projekt des Kapitalismus ist, bei seiner Selbstabschaffung alles mit sich zu reißen. Sie sind dabei keine Alarmisten, sie knüpfen einfach nur an die radikale Unversöhnlichkeit der Situationisten und Guy Debord an, für die es keine Verständigung mit dieser Welt gab, sie schreiben die Geheimgeschichte des 20. Jahrhunderts fort, auf deren Spur sich Greil Marcus in »Lipsticktraces« begeben hatte und die zurückreicht bis zu Artaud, den Surrealisten, Le Grand Jeu, den verschütteten Gesten des Aufbegehrens, denen Vaneigem in seinem »Handbuch« so viel Aufmerksamkeit widmete.
Es gibt noch viel mehr Einflüsse wie Foucault, Lyotard, Deleuze und Guattari, Heidegger, Schmitt und Jünger gehören nicht dazu, und vor allem versuchen sich die Autoren an einer Weiterentwicklung der theoretischen Fundstücke und nicht an einem Nachbeten, das bei vielen der Fall war, die sich auf die Situationisten bezogen, wie lustigerweise auch der deutsche Verleger des »Kommenden Aufstands«, der sich zu einem ordinären Linksradikalen zurück entwickelt hat, für die die unsichtbaren Autoren nur Hohn und Spott übrig haben.
Als Kopf des Autorenkollektivs gilt Julien Coupat, der die philosophische Zeitschrift »Tiqqun« herausgegeben hat, in der auch die programmatische Schrift »Kybernetik und Revolte« erschienen ist. Dort grenzt man sich gegen den »Negrismus« als Avantgarde der ökologischen Bewegung ab und plädiert für eine »ekstatische Politik«, die »aus der Abweichung, aus der kleinen Variation, aus Drehungen« besteht und »die – ausgehend vom Inneren des Systems – es lokal zu seinem Bruchpunkt hinstoßen«. Und bereits hier konnte man nachlesen, wie man die empfindlichen Stellen des Systems zu treffen versucht, nämlich nicht durch einen offenen Schlagabtausch, sondern durch eine »diffuse Guerilla«, die mit kurzen Angriffen und  Rückzugsbewegungen operiert, dabei weder nachsetzt noch erobert, wie T.E. Lawrence die Taktik der arabischen Armee gegen die Türken beschrieben hat.
Es geht dabei nicht um die Machtfrage, wie diejenigen befürchten, die sich lediglich eine Revolution aus dem vergangenen Jahrhundert mit Erschießungskommandos in der Etappe vorstellen können, es geht um eine erst zu erfindende neue Gesellschaft, neue Bedürfnisse, eine neue Sprache, neue Lebensformen und Verhaltensweisen, mit denen unter den gesellschaftlichen Bedingungen nur rudimentär experimentiert werden kann. Dies geht von einer »Generation« aus, die »sich nie auf die Rente, auf das Arbeitsrecht und noch weniger auf das Recht auf Arbeit verlassen hat«. Ihre Vorstellungen mögen idealistisch sein und an der intellektuellen Bewegungsunfähigkeit der zur Mobilität verdammten Menschen scheitern, die einfach in dem Zustand verharren, der sie umgibt, aber man kann Leuten schlecht vorwerfen, daß sie  diesen Zustand reflektieren und mehr wollen als das, was ihnen zugestanden wird. Sie gehen davon aus, daß »das allgemeine Unglück nicht mehr aushaltbar ist, sobald es als das erscheint, was es ist: ohne Grund und Vernunft«, d.h. es sind die Verhältnisse selbst, die den Aufstand in sich bergen, von dem die Verfasser sagen: »Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber  nichts ist notwendiger.«