Hunziker, Michelle; Gottschalk, Thomas; Wagner, Franz Josef

Wie krank diese Gesellschaft ist, läßt sich regelmäßig in TV-Sendungen wie »Wetten dass…?« und anderen Volksmusiksendungen beobachten. Aber während sich die Gesänge des Schmalzes und des Grauens, die die Frau mit dem schönen Namen Nebel moderiert, durch unterirdische Dummheit auszeichnet, zu der nicht einmal im Zoo stumpf gemachte Primaten fähig sind, setzt das ZDF bei »Wetten dass…?« auf Spannung, indem man potentiellen Selbstmördern die Gelegenheit gibt, sich vor einem Millionenpublikum umzubringen, was Anfang Dezember 2010 tatsächlich mal fast klappte. Sogenannte normale Leute, auch Publikum genannt, beobachten offenbar nicht ganz zurechnungsfähige Menschen, wie diese bei vollkommen schwachsinnigen »Wetten« Kopf und Kragen riskieren.
Das Kalkül, daß dabei etwas passieren und dem Kandidat ernsthaft etwas zustoßen kann, macht dabei den perversen Kitzel aus. Und wenn dann tatsächlich mal ein »Unglück« geschieht, dessen Eintreten man ja billigend in Kauf genommen hat, dann werden die Verantwortlichen nicht wegen »Beihilfe« zur  Rechenschaft gezogen, vielmehr dürfen sie ihre Rolle weiterspielen, die ihnen zwingend vorschreibt, betroffen zu sein. Natürlich sind sie es subjektiv tatsächlich, sie müssen nicht so tun als ob, aber merkwürdig ist es schon, Michelle Hunziker zuzusehen, wie sie »Bild« vollheult, wie schlimm alles sei, statt dem Unglückskandidaten Samuel Koch einfach gesagt zu haben, laß den Quatsch. Und weil Michelle Hunziker eine leise Ahnung beschleicht, daß sie als Teil der ganzen Inszenierung mit schuld ist an seinem Unglück, beweint sie vor allem sich selbst. Das erste, was ihr einfällt: »Ich stand zwei Tage regelrecht unter Schock und kann auch jetzt noch nicht wirklich begreifen, was passiert ist. Es ist alles so furchtbar.«
Das ist jedoch keine plötzliche Selbsterkenntnis, keine Einsicht, wie bescheuert und absurd die Sendung ist, die sie mit Thomas Gottschalk betreibt, furchtbar ist das, was ihr das Unglück des Samuel Koch angetan hat. »Ich bin noch am Abend mit meiner Mutter zurück nach Mailand geflogen. Am nächsten Tag hatte meine Tochter Aurora [doch nicht etwa die Margarine mit dem Sonnenstern?] 14. Geburtstag. Ich habe versucht, mich ein bisschen zusammenzureißen. Wir haben mit ihr zusammen gekocht und ein bisschen gefeiert. Dann haben wir gemeinsam gebetet, dass Samuel wieder ganz gesund wird.« Und Gottseidank sind Aurora »diese schrecklichen Bilder erspart geblieben«, weil sie mit ihrem Vater Eros auf einem Konzert von Lady Gaga war, wobei sich natürlich darüber streiten ließe, welche Bilder schrecklicher sind, denn Lady Gaga zappelt ja auch herum wie ein kurz vor dem Exitus stehendes Unfallopfer, weshalb sie die Sauberfrau Stephanie zu Guttenberg ja auch am liebsten auf den Index setzen ließe, weil Lady Gaga gegen die guten Sitten verstoße, ohne zu sehen, daß sie sich in dieser kranken Gesellschaft hervorragend ergänzen und daß keine ohne die andere die absurde Rolle spielen könnte, die sie einnehmen… Aber stop, das ist jetzt ein anderes Personal, und das hatten wir ja schon. Im goldenen Zeitalter der Bescheuerten braucht die eine jedenfalls die andere, um auf sie zeigen und um sich selbst als das Gute beweisen zu können, während die arme Michelle Hunziker ganz allein auf sich gestellt ist. Sie meinte: »Das Unglück verändert alles!« Wirklich? Geht Hunziker jetzt ins Kloster statt ins Fernsehen? Natürlich nicht. Selbstverständlich verändert sich gar nichts. Sie wird auch weiterhin »Wetten dass…?« moderieren und dabei die an sie gerichteten Erwartungen der Blöden im Lande zuverlässig erfüllen, sie wird auch weiterhin das blonde Dummchen mit dem Pferdeschwanz spielen, das sie ja auch ist, weil sie weiß, die Karawane würde auch ohne sie weiterziehen, und weil sie glaubt, die Welt wäre um einiges ärmer, wenn die Menschen nicht mehr an ihrer talentlosen Dummheit partizipieren dürften.
Und letztlich ist das auch das Argument für Gottschalk, sich nach acht Tagen wieder vor die Kamera zu stellen und den Jahresrückblick »Menschen 2010« zu moderieren, denn sonst würde es eben ein anderer machen und das wär dem Gottschalk dann doch nicht so recht gewesen, denn wer schon Geld bis zum Abwinken hat, der will unbedingt noch mehr, der belästigt sogar den Vater des Unfallopfers, um sich die Absolution erteilen zu lassen. »Samuels Vater hat mich bestärkt, die Sendung zu moderieren«, sagt Gottschalk, als ob davon irgendetwas abhängen oder die Welt untergehen würde, wenn man auf Gottschalks ranzigen Humor und seine schalen Witze und sein affektiertes Moderatorengehabe verzichten müßte. Was für eine armselige Komödie, die auf dem Rücken des im Koma liegenden Samuel Koch ausgetragen wird, wenn Gottschalk behauptet, es sei die schwierigste Entscheidung in seiner Karriere gewesen. Subjektiv ist sie das für ihn vielleicht tatsächlich gewesen, aber warum eigentlich? Und warum hat man Gottschalk damals nicht einfach im Senfglas  gelassen, in das man ihn getunkt hat, und den Deckel zugeschraubt? Es wäre Deutschland viel erspart worden.
Zum Beispiel ein Nachruf von Franz Josef Wagner, der vor kurzem seine Memoiren veröffentlicht hat. Dort beschreibt er, wie er mit Andreas Baader in München herumhing und wie die Mädchen immer mit Baader davonzogen und nie mit ihm. Das hat solche seelischen Schäden bei ihm hinterlassen, daß er später zur »Bild« ging und in seinen Kolumnen Mädchen anbaggerte, oder solche armseligen Opfer wie Samuel Koch. »Das Wichtigste erscheinen mir Ihre Gefühle vor den Saltos. Ihre Glückseuphorie überwand die Angst. ›Entweder – oder‹ sagten Sie sich. Ich mag Menschen, die ›entweder – oder‹ sagen. Ich mag Menschen, die das Risiko lieben. Ich mag diesen Samuel Koch, der vom Glück träumte und jetzt auf der Intensivstation liegt. Auf BILD.de, Youtube – überall kann man seinen missglückten Sprung sehen. Aber ganz davor sieht man sein Gesicht. Beim Absprung von Samuel sehe ich das Glück – das Glück, ein Held zu werden. Herzlichst Ihr F.J. Wagner«. Hier verdichtet sich die Perversion des ganzen, denn davon auszugehen, Risiko und Glück wären Dinge, die sich in »Wetten dass…?« erfüllen ließen, dafür muß man schon einen an der Waffel haben. Aber genau das ist ja auch das Geschäft von Franz Josef Wagner.