Die Wahrheit über den 10. Spieltag

»Ich weiß langsam keinen Rat mehr«, sagte Metzelder nach dem 1:0 gegen Leverkusen, und Raúl haderte ebenfalls mit dem Schicksal, weil der Ball einfach nicht reingehen wollte. Ein Gespenst geht um auf Schalke, das Gespenst der Angst. Und wie geht der Anhang damit um? Die eine Hälfte verließ lange vor Spielende das Stadion und die andere Hälfte pfiff die eigene Mannschaft aus. Glücklich, wer solche Fans hat. Nur Magath hält die Fassade aufrecht. Und die bröckelt gewaltig. Dortmund hatte es den Schalkern vorgemacht, wie man einen grandiosen Absturz inszeniert, und Schalke hatte nichts eiligeres zu tun, als in die gleiche Falle zu tappen. Jetzt könnte nur noch ein Florian Homm helfen, aber der ist verschwunden. Sie erinnern sich noch an Homm? Der Mann mit den kubanischen Zigarren, der für 30 Millionen BVB-Aktien kaufte und eine kurze Zeit so tat, als sei er der Besitzer des BVB. Die Aktien hat er schon lange wieder verkauft. Wahrscheinlich mit Verlust. Hätte er noch ein wenig gewartet, hätte er tatsächlich einen fetten Gewinn abschöpfen können, denn die BVB-Aktie steigt wieder. Es heißt, die Russenmafia, die Hell Angels und die US-Justiz sid hinter ihm her. In Venezuela schoß ihm jemand in die Brust. Er überlebte knapp. Jetzt wird er in Liberia vermutet. Seiner Firma hinterließ ein ein Minus von 500 Millionen. Hätte ich das schon 2004 gewußt, hätte ich den Mann mit ganz anderen Augen gesehen. Ich hätte gesagt, alle Achtung, ein echter Abenteurer und Krimineller, kein blasser AG-Typ, der hinter einer anonymen Firma steckt, kein gelangweilter saudischer Milliardär, der ein Spielzeug braucht, kein Wurstverkäufer. Man muß ihn ja nicht gleich sympathisch finden, aber 500 Millionen in den Sand zu setzen, das muß man erstmal schaffen. Da steht der BVB mit seinen inzwischen auf unter 100 Millionen gesunkenen Schulden vergleichsweise gut da. Auch wenn man dort jetzt einen kleinen Dämpfer im Pokal gegen Offenbach wegstecken mußte, aber da man in der häßlichsten Stadt der Welt sonst nichts hat, geht das schon irgendwie in Ordnung, und man kann sich in Dortmund wieder auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, und das ist auch nötig, denn in der Europa-League war man bislang nicht halb so erfolgreich wie in der Bundesliga. Aber das sind die meisten Mannschaften nicht, die sich vorher Chancen auf den Titel ausgerechnet haben. Wie Werder, die nach einem kurzen Zwischenhoch zu Hause gegen den Club einen 3:2-Dämpfer hinnehmen mußten. Der Ganzkörpertätowierte Frings sagte: »Wir haben vorne keinen Killerinstinkt.« Früher hieß der Killerinstinkt »Torriecher«, und ich finde den »Torriecher« viel netter, nicht so aggressiv und darauf aus, dem Gegner den Todesstoß zu versetzen. Damals verließ man sich einfach noch auf seine Nase, heute ist nur noch Hauen und Stechen und große Rücksichtslosigkeit. Auch der Fußball-Knigge Netzer beschwerte sich darüber und fordert eine Bestrafung Podolskis, weil der den Köln-Manager Meyer den Fans zum Fraß vorgeworfen hätte. Aber bei dem Streit zwischen Podolski, der als Volltrottel in die Fußballgeschichte eingehen wird, und Meyer, der rhetorisches Desaster und Unfähigkeit hervorragend miteinander zu verbinden weiß, steht man gerne drüber und genießt.