Buchmessenreport Teil 4

Weil die Leser der jungen Welt schon allein aus ideologischen Gründen nie die Gelegenheit haben, in die alte Welt zu gucken, dadurch aber manchmal auch was verpassen, bin ich gerne bereit die Lücke zu schließen, denn dort war zu erfahren, daß Argentinien das Gastland der diesjährigen Buchmesse war. Das ist jetzt noch nicht so spannend. Spannend macht es erst Hans Zippert, der auf Seite 1 schreibt: »Argentinien, ein Staat, von dem viele bisher dachten, seine diplomatischen Vertretungen seien die Steakhäuser, die sich in jeder größeren Stadt finden. Nun erfährt man, daß Argentinien ein Land der Buchhandlungen und Psychoanalytiker ist. Auf jeden Einwohner kommen zwei Psychiater und auf jeden Psychiater drei Buchhandlungen.« Außerdem sind »Menschen in Panik, weil sie gesehen haben, wie Roger Willemsen sich in Halle 3 selbst begegnet ist.« Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, daß in Halle 3 sogar Helmut Kohl angekarrt wurde, um sein privates Fotoalbum zu präsentieren, das bei Rolf Heyne in der Reihe »Hardcore« erschienen ist und von mindestens acht Schränken mit Knopf im Ohr bewacht wurde (Kohl natürlich, nicht das Fotoalbum), obwohl Kohl doch schon im Rollstuhl sitzt. Überhaupt befinden sich in Halle 3 die Giganten der Branche. Z.B. auch »Kein und Aber«, der schon wieder expandiert ist und sich mitten im Trubel ein Wohnzimmer mit Kellner eingerichtet hat. Die Bücherregale sind so hoch, daß niemand an die Bücher herankommt. Außerdem hängen dort Hirschgeweihe und Harry Rowohlt in Öl, und zwar mit viel zu viel Falten, wie Ulla Rowohlt bemerkt. Aber Harry meint, das wäre Absicht gewesen, damit das Bild »länger hält«. Harry Rowohlt ist nüchtern und trinkt Wasser, während von der vergangenen Nacht noch große Mengen Alkohol in mir herumschwappen. Verkehrte Welt. Trotz verminderter Aufnahmefähigkeit kann ich mich noch an eine Geschichte erinnern, die zeigt, daß man es in Amerika immer noch vom Tellerwäscher zum Millionär bringen kann. Dort wurde ein arbeitlos gewordener Lastwagenfahrer ausgebildet, Manuskripte zu lesen und zu bewerten. Pro Manuskript verdient der Mann 1 Dollar und 50 Cent. Und dennoch dürfte er inzwischen Millionär sein, denn er scoutet die richtig großen Knüller, die auf dem amerikanischen Markt bis zu 20 Millionen Vorschuß bringen bei vier Seiten Exposé. Niemand weiß, wer er ist, denn er achtet auf seine Anonymität, wie auch mein Bestsellerautor, der unter dem Pseudonym einzlkind »Harold« geschrieben hat und auf der Messe völlig unerkannt herumlaufen konnte. Markus Hartmann von Hatje-Cantz hat da ganz andere Sorgen. Er muß 30 Paar Schuhe, die ihm der Verlagsgründer vererbt hat, aufbrauchen. Um alle zu tragen, mußte er auf der Messe jeden Tag die Schuhe sechs Mal wechseln. Immerhin ein Mann mit Stil, der jeden Tag mit einer alten MZ aus Stasibeständen zur Messe fuhr. Eben kommt noch die Nachricht herein, daß das Suhrkamp-Haus in der Lindenstraße abgerissen wird, was in der gleichnamigen Sendung mit Harry Rowohlt noch für große Aufregung sorgen wird. Zwar wurde die Straße auch oft Blindenstraße genannt, aber Ulla Berkéwicz will sich trotzdem dafür einsetzen, daß die Straße in Ulla-Berkéwicz-Straße umbenannt wird.