Buchmessenreport Teil 3

Jetzt wurde der Literaturnobelpreis an jemanden verliehen, von dem sogar ich mal was gelesen habe. Nämlich »Tante Julia und der Kunstschreiber«, und zwar in einer abgegriffenen Ausgabe mit dem schönen gelben Umschlag. Gelesen habe ich das Buch auf einer langen Eisenbahnfahrt von Berlin über Prag nach Wien. Fast noch schöner war die Filmadaption mit Keanu Reeves und Peter Falk, der als Rundfunkredakteur in einer Seifenoper die Albaner herabwürdigt, weil sich die Albaner damals nicht beschweren konnten, wahrscheinlich nicht mal etwas von dem Film mitbekamen. Heute ist der Film in Albanien bestimmt verboten. Es waren wunderschöne Herabwürdigungen, die heute keine Chance mehr hätten, ohne daß gleich eine ganze Phalanx von Humorlosen sich auf einen stürzen würde. Meine Schwedenconnection hatte behauptet, den diesjährigen Literaturpreisträger voraussagen zu können, und zwar genau eine Stunde vor der offiziellen Bekanntgabe. Ich wartete dann vergeblich auf einen Anruf, aber die Information hätte mir sowieso nichts genutzt, weil ich sogar zu dämlich bin, um in den »Sport’s Bar’s« zu wetten. Vargas Llosa selber hat auch nicht mehr damit gerechnet, daß er den Preis noch kriegen würde. Es ist der letzte in seiner Preissammlung, denn alle anderen hat er schon. Auch deshalb ist es naheliegend, daß er ihn bekommen hat. Wie ich aus einer trüben Quelle erfahren habe, liegt nächste Woche eine Gesamtausgabe von Llosas Werk bei Suhrkamp vor, im dunkelgrünen Naturschuber und in einem 70er Jahre Design. Die Verlagsbranche ist mittlerweile so schnell, daß die Bücher in der Regel schon vorliegen, bevor das Thema überhaupt im Gespräch ist. Dabei handelt es sich um eine sich selbst überholende Branche, die in den letzten Zuckungen liegt. Davon zeugt auch C.H. Beck, der in diesem Jahr, wo jeder unter der Absatzkrise ächzt, seinen Buchmessenstand auf bedrohliche Weise aufgerüstet hat, nachdem im letzten Jahr der Branchenvierte in der juristischen Buchproduktion Hauffe die Konkurrenz mit einem Stand in einer Art I-Phone-Ästhetik überschattete. Nun schlug das Imperium Beck zurück und setzte einen Riesenkubus in die Halle, den man nur mit gehörigem Respekt zu betreten sich traut, und in dem Regale bis zur Decke ragen und schwarze Buchrücken das Geheimwissen des Imperiums beherbergen, hinter denen sich aber nichts verbirgt, und das ist von einer wunderbaren Symbolik. Aber mit Symbolik habe ich selber genug zu tun. Auf dem Weg zu Fischer fragt mich eine Frau, ob sie meine weißen Schuhe fotografieren dürfe. Natürlich durfte sie, aber es wurde mir klar, daß irgendetwas schief gelaufen war, wenn meine weißen Schuhe mehr Aufmerksamkeit erregten als ich. Bei Fischer gab es nur zähe belegte Brötchen und einen von Frauen umringten Roger Willemsen, bei denen es mir schon unangenehm gewesen wäre, wenn sie sich für meine Schuhe interessiert hätten. Ich machte mich schnell wieder davon, bevor Roger Willemsen sich auf mich stürzen konnte, um mir theatralisch zuzurufen, daß ich sein Lieblingsverleger sei. Das kannte ich schon von früher. Heute war ich nicht richtig in Stimmung dafür.