Buchmessenreport Teil 2

Die Frankfurter Buchmesse ist selbst für einen alten Hasen wie mich, der vor ein paar Jahren für zwanzigjähriges Dabeisein von der Messeleitung mit einem Schokoladenkuchen belohnt wurde, ziemlich unübersichtlich. Die Halle 8, wo die Ausländer stehen, erscheint mir als ein einziges großes Chaos. Hier etwas zu entdecken heißt die berühmte Nadel im Heuhaufen suchen. Kaum sind wir ein bißchen herumgeirrt, meldet sich bei meiner Begleiterin ein kleiner Hunger, weshalb wir uns ohne Umwege direkt zu einem der zahlreichen Cafeshops begeben, um Frankfurter Würstchen mit viel Senf zu uns zu nehmen. Danach muß ich wieder an meinen Stand zurück. Ich frage eine schwedische Agentin, die sich zu mir verirrt, nach den Chancen, eine Lizenz nach Schweden zu verkaufen, und erfahre, daß die deutsche Literatur dort mit einem Prozent vertreten ist, das sind fünf deutsche Bücher im Jahr, die den Weg in die schwedische Sprache finden. Eins davon ist immer von Enzensberger, weil der mit Lars Gustafsson befreundet ist. Dafür werden die Bücher von Lars Gustafsson ins Deutsche übersetzt. Auf dem Kritiker-Empfang von Suhrkamp versuche ich mich als Chauffeur einer berühmten Kritikerin einzuschleichen, aber es gibt dort gar keine Eingangskontrollen, weil Alexander Kluge liest. Danach wird Linsensuppe für die Kritiker gereicht, was für niemanden wirklich verlockend ist bis auf einige Journalisten von der FAZ und der taz. Alexander Kluge ist aber sehr nett und grüßt mich sicherheitshalber sogar, weil es sein könnte, daß ich eine berühmte Person des öffentlichen Lebens bin, vielleicht auch, weil ich so gut aussehe. Auf dem Empfang der Österreicher, wo es das beste Buffet der Messe gibt mit der größten Schlange davor, versuche ich mich mit einem schwedischen Autor anzufreunden, um mit meinen Büchern nach Schweden zu expandieren. Der ist dann zwar Schwede, heißt aber nicht Lars Gustafsson und ist auch gar kein richtiger Autor. Er erzählt Witze über Norweger, die auf die Frage »Wie geht’s?« antworten: »Ich bin so depressiv, daß ich mich am liebsten gleich umbringen würde«, das aber in einem Ton großer Euphorie. Auf Schwedisch hört sich das sehr komisch an. Nach etlichen Marillenknödeln geht es weiter zu Rowohlt, wo ich zu allerletzt damit gerechnet hätte, Harry Rowohlt zu treffen, daß ich glatt vergesse, ihn zu fragen, warum er bei Rowohlt anzutreffen ist, weil Harry Rowohlt den Rowohlt-Verlag nämlich nicht mag. Harry erzählt mir ohne Umschweife, daß er selten so einen Menschen wie Raddatz getroffen hätte, der sich so schlangenmäßig gelenkig unter einem Tisch hindurchzuwinden verstünde, nur um in der Nase zu popeln. Und daß Raddatz feinen Zwirn getragen hätte, wie er in seinen »Tagebüchern« behauptet, davon hätte er, Harry, jedenfalls nie was gesehen. Da kann man mal sehen, was bei solchen Gelegenheiten alles erfährt.