Die Welt aus der Sicht von Fritz J. Raddatz

Fritz Jott Raddatz war zweifellos eine der größten Kulturbetriebsnudeln in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts. Davon zeugen nicht zuletzt seine nunmehr vorliegenden »Tagebücher«, die 1982 anfangen und bis 2001 reichen. Schirrmacher sieht in ihnen den »großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik«, wie man auf der Buchumschlagsrückseite in mindestens 20 Punkt großen Lettern lesen kann. Das ist offensichtlicher Quatsch, und wenn der schon auf dem Umschlag steht, dann kriegt man vom Obergeschwader des deutschen Feuilletons bestätigt, was man allerdings sowieso schon vermutet hat, nämlich daß es sich eher um Petitessen und Sticheleien aus der kleinen Welt der nun zu Ende gehenden Ära einer Kulturbetriebsmafia handelt, die ziemlich lange die Richtung vorgegeben und dem Publikum gesagt hat, daß Grass und Walser großartige Literatur fabriziert hätten, was sich so langsam aber sicher als ziemlich großer Witz und Mißverständnis in der Literaturgeschichte herausstellt, haben die Protagonisten dieser Zeit doch nie wirklich das Muffige der Fünfziger abstreifen können und sich bis auf wenige Ausnahmen als verläßliche Produzenten sensationeller Ödnis erwiesen, aus der die Mainstreamkultur im wesentlichen besteht, die schon aus Selbsterhaltungsgründen immer darauf bedacht ist, ein großes Quantum an Ignoranz an den Tag zu legen, wenn es sich um kulturelle Abweichungen handelte, die sich radikal ablehnend zum Literaturbetrieb verhalten.
Und deshalb hat mich der mit Grass gut befreundete Raddatz zugegebenermaßen nur peripher interessiert, seine Prosa fand ich artifiziell, seine Selbstdarstellung pfauenhaft, seine Themen der Fortschreibung des üblichen Literaturkanons verpflichtet, und es gab Stimmen, die ihn als Herausgeber Tucholskys inkompetent fanden. In einem Halbsatz lobte er Ende der Achtziger mal Eike Geisels neues Buch, auch wenn er ihm lediglich bescheinigte, daß er »bohren, fragen und konstatieren« würde, was jetzt nicht gerade auf eine intensive Auseinandersetzung schließen ließ, aber immerhin hatte er etwas wahrgenommen, was außerhalb seines üblichen Horizonts lag, und deshalb hielt ich ihn für weniger borniert als Reich-Ranicki, der im Literarischen Quartett nur ein ungläubiges »Das ist keine Literatur!« schnarrte, als es um einen Krimi von Jakob Arjouni ging, der dummerweise in Chandler ein anderes Vorbild hatte als MRR und die Welt nicht mit den spitzen Fingern eines Thomas Mann anfaßte.
Bei Raddatz fällt den meisten Leuten zuerst sein Lapsus ein, die Erfindung der Eisenbahn in Goethes Zeit vorverlegt zu haben, was ihm jede Menge Häme einbrachte und seinen Job als Literaturchef der Zeit kostete. Daran hatte er lange zu knabbern und er kommt in seinen Tagebüchern immer wieder darauf zurück. Die Schadenfreude allerdings stammte meist von Leuten, die weniger klug waren, zudem ist sie einem gewiß, wenn man wie Raddatz auf einem exponierten Posten sitzt. Diesem Milieu der Eifersüchteleien, des Neids, des Mobbings, des Augenauskratzens, das den Literaturbetrieb kennzeichnet, ist Raddatz zwar zum Opfer gefallen, aber er hat auch selbst sein Scherflein dazu beigetragen. Davon zeugen seine Tagebücher. Die Kunst der Gehässigkeit, der üblen Nachrede, der grandiosen Beleidigung, der süffisanten Herabwürdigung und der abschätzigen Charakterisierung anderer, der Klatsch und Tratsch der Kultursociety, das alles beherrscht Fritz Raddatz ganz hervorragend, auch wenn er gleichzeitig betont, wie wenig ihn das alles interessiere, was ihn nicht davon abhält, es dennoch aufzuschreiben, und das ist auch der Grund, warum das Buch unbedingt empfehlenswert ist. Manche Beobachtungen nämlich sind so treffend und scharf, wie sie nur jemanden gelingen, der bis zur Halskrause in diesem Milieu steckt. Man braucht das alles auch gar nicht von vorne bis hinten durchzulesen. Man kann bequem ein bißchen im Register blättern und bei den Leuten nachlesen, die einen interessieren.
Daß Unseld mit der noch nicht geschiedenen Berkéwicz zusammen ist, daß Klaus von Dohnanyi »allen Ernstes mit Ulla Hahn lebt; daß ein Frankfurter Kritiker seinen Machtwahn bis ins Bett ausdehnt und nun ein Verhältnis mit der Suhrkamp-Cheflektorin hat«, die »›Was-kostet-der-Fisch‹-Vulgärheit eines Karasek«, die »fesche Feuilleton-Domina« Sigrid Löffler, die »die strammen Oberschenkel auch im Kopf hat«, die »dusslige Gräfin« Dönhoff, bzw. »die Inge Meysel des Journalismus«, die »ihren harten kleinen gräflichen Arsch zusammenkneift«, der »sandalentragende Lacoste-Spießer« und Zeit-Verleger Bucerius, der »unerträgliche« Günther Gaus, der jeden 2. Satz beginnt mit: »Als ich noch Leiter der Ständigen Vertretung war«, der selbstgefällige Theo Sommer, der auf der Redaktionskonferenz der Zeit auf den Einwand von Raddatz, man hätte im Interesse Goldhagens und seiner Thesen dessen langen Artikel kürzen sollen, antwortet: »Ich werde mir doch nicht in der New York Times nachsagen lassen, ich hätte den Juden Goldhagen noch einmal beschnitten« und als daraufhin »das Hahaha der Konferenzrunde kein Ende nehmen wollte«, wie der Spiegel-Chefredakteur »Herr Funk« vor Augstein »Männchen machte«, der ihn »nackt im Bademantel in seinem Sylter Haus empfangen und in 30 Minuten gefeuert« hat, und immer wieder Augstein, »ein immer grauslicher werdender Zwerg, dessen Buckel auch immer sichtbarer wird, klein, verwachsen, giftig, eklig. Das war ja mal ein ganz witziger und politisch frecher Journalist, jetzt ist er nur noch ein busengrapschender Millionär«. Hier wird der Leser in ein Panoptikum einer untergegangenen Spezies entführt, die noch einmal eine Auferstehung erlebt, freilich keine sehr schöne, aber sehr lustige, bei Raddatz kann man sie wie seltene Tiere in einem Zoo besichtigen. Wenn man also mag und Geschmack daran findet, kann man zwanzig Jahre Kulturjournalismus von seiner ganz und gar erbärmlichen, abgründigen und schrillen Seite kennenlernen.
Und über allem thront Raddatz, der als einer der ganz wenigen mit Stil, bzw. mit dem Willen dazu, in einer Welt der Geschmacklosigkeiten herumwaten muß, der sich obwohl mitten drin im Betrieb, in dieser bizarren Menagerie als der einzige seriöse und ernstzunehmende Journalist und Autor begreift, den das alles anekelt. Und der sich dann trotz Verachtung für diese Kleingeister vor seinem Chef Theo Sommer rechtfertigt, weil Spiegel und stern ihm den Vorwurf machten, er sei mehr oder weniger mit schuld am Tod von Uwe Johnson, obwohl er doch dessen Bücher trotz skandalös-absurder Inhalte, die Johnsons Alkoholismus zuzuschreiben waren, »positiv rezensierte«. In solchen Passagen schrumpft Raddatz dann wieder zum Buchhalter, der in dieser gehässigen kleinen Feuilletonwelt auf seinen tadellosen Ruf bedacht ist, der sich als zerrissener und keineswegs mit sich im reinen befindender Mensch selbstquälerischen Gedanken hingibt und sich fragt, wie er den Verlust seines Postens bei der Zeit »psychologisch« verkraften würde. Dann wieder läßt er sich von der New Yorker-Journalistin Jane Kramer sein Ego aufpolieren, die bei einem »mäßigen Essen und (zu) wenig Wein« seine »kürzlichen Sachen« lobt, ohne mitzukriegen, daß Jane Kramers Deutschkenntnisse mehr als rudimentär sind. Wenn er sich aber nicht eitel spreizt, wenn er darüber schreibt, wie manche Freunde und Autoren wie Thomas Brasch an dieser Welt verzweifeln und zugrunde gehen, dann wird er manchmal sogar sympathisch, aber nie lange genug, um ihn wirklich zu mögen.

Fritz J. Raddatz, »Tagebücher. 1982-2001«, Rowohlt, Reinbek 2010, 939 Seiten, ???,- Euro