Groteske Landschaften. Fotografische Streifzüge durchs städtische Hinterland

Jess Jochimsen ist nicht nur einer der wenigen Lichtblicke im Kabarettunwesen, er sieht auch noch unverschämt gut aus und er ist unverschämt jung. Er ist der Sonnyboy im Tingelgewerbe. Immer ein Lächeln auf den Lippen scheint ihm alles zuzufliegen. Die Leichtigkeit des Seins ist die Aura, die ihn umgibt. Mit 22 bereits enterte er die Bühnen und kaute den Leuten ein Ohr ab, und zwar professionell, souverän und mit Verve. Als Moderator der WDR-Literatursendung »Die Vorleser« verschafft er weniger berühmten Kollegen ein gutes Forum. Bekannt wurde er mit dem Erzählband »Das Dosenmilch-Trauma«, den Bekenntnissen eines 68er-Kindes, als das er aufgewachsen ist und zu leiden hatte. Er weiß Bescheid, er hat alles durchgemacht, und deshalb war sein Kritik auch so treffend und genau. Ohne sie als Opfer auszuwalzen, gewann er ihr vor allem die komischen Seiten ab. Und nachdem man gedacht hatte, die Stärken dieses Mannes zu kennen, reüssiert er plötzlich auch noch als Fotograf und legt mit dem Band »Danebenleben« einen »Fotografischen Streifzug durchs städtische Hinterland« vor, der einfach sensationell genannt zu werden verdient.

Jess Jochimsen hat sie alle gesehen, die öden Orte und öden Flecken der Republik, aber er hat sie nicht einfach dokumentiert, was nicht minder öde gewesen wäre, sondern er hat es geschafft, den traurigen und melancholischen Charme dieser Plätze einzufangen, an dem jede leichtfertig geäußerte Abscheu scheitert, denn jedes Bild bringt einen Gag, einen Witz, eine Wortspiel, etwas Überraschendes zum Vorschein. Das gebührenpflichtige „Parkhaus Vaterland“, das 2m hohe „Parkhaus Liebe“, das CDU-Wahlplakat mit dem Schild „Keine Wendemöglichkeit“ darüber, der „Damen u. Herren Salon Scham“, „Astrid‘s Hairliche Zeiten“, das Schild mit der geheimnisvollen Aufschrift „Männer mit Zukunft gestalten Metall“, das in einem Fenster hängt hinter gerafften Gardinen, das WC für „Lehrerinnen + Behinderte“ und die „Tier- und Trophäen-Präparation WALTER RUPFF“.

Aber diese merkwürdigen Botschaften aus dem Paralleluniversum wirken nur, wenn man sie in der trostlosen Umgebung sieht. Das Restaurant Bahnhofsblick verspricht „Wir verwöhnen Sie mit Herz“ und man weiß sofort, das ist gelogen, denn der abblätternde Putz, die kleinteiligen Kacheln, die Entlüftungsschlitze, die Jalousien und Milchglasfenster sprechen eine andere Sprache, ebenso die Front eines Einfamilienhauses aus Fertigbauteilen mit gekippten Plastikstühlen am Plastiktisch vor der mit Verbundsteinen gepflasterten Auffahrt, wo ein großes Schild auf der Fassade „Zauberhafte Dessous“ ankündigt und doch nur das Elend einer absurden Existenzgründung offenbart.Hier ist das andere Deutschland zu Hause, von dem nie viel Aufhebens gemacht wird, dem aber mehr Realität innewohnt als sämtliche Hochglanzbilder irgendwelcher repräsentativer Bauten, mit denen sich die Republik schmückt. Tief unten, am Bodensatz der Gesellschaft, kümmert eine vergessene Pflanze vor sich hin, ein bißchen trotzig und widerständig, aber ohne Chance. Dieses Fotobuch ist die Bebilderung des „Depressiven Tags“, den Britta besingt, und wenn Britta aus dem Fenster sieht, sieht sie das, was Jess Jochimsen gesammelt hat, das „schäbige Gesicht“ der flachen Welt. Jess Jochimsen hat diese vergessenen Schmutzecken sichtbar gemacht, den Aberwitz der architektonischen Landschaft abseits der großen Boulevards aufgedeckt. Ein grandioses Porträt einer Gesellschaft, wie sie nicht sein möchte und wie sie sich haßt.

Jess Jochimsen, „Danebenleben. Ein fotografischer Streifzug durchs städtische Hinterland“, dtv, München 2007, 9.95 Euro