Wowereit, Klaus

Der Mann, von dem alle Schwiegermütter träumen, weil sie für Lausbubencharme halten, was Wowereit sich selbst verordnet hat: Ein chinesisches Grinsen als Mittel der Politik, um den Anschein zu erwecken, der im Dreck festsitzende Karren der Berliner Politik und Schulden ließe sich da schon irgendwie wieder herausziehen. Und genau darauf fußt auch der Erfolg seiner Politik: So zu tun, als ob. Man könnte auch sagen: Zur virtuellen Welt, in die sich immer mehr Menschen verabschieden, macht Wowereit die entsprechende virtuelle Politik. Er betreibt die Simulation von Politik. Das Schöne aber ist, daß er es nicht weiß.In seinen gerade erschienenen Memoiren »…und das ist auch gut so« erweist sich Wowereit als erstaunlich schlicht. Er freut sich darüber, daß er sein »Hobby zum Beruf« machen konnte, und »wenn alles schief gehen würde, hatte ich noch meinen Wiedereinstellungsanspruch als Regierungsrat.« Vollkaskodenken geht da eine komische Koalition mit der Unfähigkeit ein, dieses Denken wenigstens richtig auszudrücken. Denn: Nach »wenn« nie »würde«. Mit einer von Harry Rowohlt erfundenen Ausnahme: »Wenn Würde töten könnte.« Kann sie aber nicht, schon gar nicht Wowereit, der vermutlich gar nicht weiß, was das ist.In einer Zeit, in der Politik als Show begriffen und inszeniert wird, ist Wowereit genau der richtige Mann, der den Erfolg seines Tuns an den Schlagzeilen in der Presse mißt. Stolz ist in dem Buch das Titelblatt der »Time« abgebildet, auf dem Wowereit zu sehen ist, und Wowereit läßt es auch nicht unerwähnt, daß er es sogar in die »New York Times« geschafft hat, aber gern wird auch die »BZ« und die »Bild« genommen. Das ist die Bestätigung für ihn, daß es ihn gibt.Auf der anderen Seite ist Wowereit erbost über die Journalisten, die ihren Beruf auch nicht anders betreiben als er den seinen und ihn nur als Showmaster, nicht aber als ernsthaften Politiker wahrnehmen, während er Reporter anrufen läßt, um ihnen mitzuteilen, »dass da noch etwas käme, was seiner Geschichte womöglich noch etwas mehr Süffigkeit verleihen würde«, als es um sein Outing als Schwuler ging. Die Symbiose ist perfekt, aber wenn die von ihm angelockten Fliegen lästig werden, dann ist er menschlich schwer enttäuscht. Dann prangert er den »Kampagnen- und Hinrichtungs-Journalismus« an, weil er nicht »fair behandelt« wird, während Sabine Christiansen doch schon allein deshalb über allen Verdacht steht, weil sie immer wieder »Einschaltquoten von über fünf Millionen« holt, ein Argument der besonderen Güteklasse, demzufolge auch ein Kindermörder über jede Kritik erhaben wäre, schafft er doch eine noch höhere Einschaltquote.Aber einem Mann, der durch einen Satz wie »Ich bin schwul, und das ist auch gut so« berühmt wurde, ist sowieso nicht zu trauen. Jedenfalls, wenn er nur aufgrund dieser eher banalen Präferenz plötzlich von der dummen Christiansen eingeladen wird und vom ekligen Beckmann, die ihn alle wegen seines angeblichen Mutes lobten, während Wowereit gar nichts anderes übrig blieb, als in die Offensive zu gehen, denn die Boulevardzeitungen hätten die Sache sowieso breit getreten. »Noch eine Woche vorher wäre ich stolz gewesen, bei Christiansen überhaupt auf die Liste für Reserve-Gäste zu kommen«, schreibt er, und nun schien das Bekenntnis, schwul zu sein, plötzlich ausreichend, um als Berlins Bürgermeister qualifiziert zu sein.Dennoch wollte Wowereit seinen Freund »aus der Öffentlichkeit heraushalten«, denn möglicherweise hätte der ihm die Show gestohlen. Wowereit schreibt: »Es war am Anfang nicht einfach, ihn davon zu überzeugen. Aber wir haben es bis heute durchgehalten, daß er keine eigenständigen Interviews gibt.« Das ist nett gesagt. Edmund Stoiber hätte nicht besser über seine »Muschi« reden können, und alle hätten sich darüber belustigt. Genau aus diesem Grund trete ich auch für die Schwulenehe ein. Nämlich für das Recht der Homosexuellen, sich genauso unglücklich zu machen wie die Heteros. Zumindest hat Wowereit den Nachweis angetreten, daß er gegenüber den Heteros emanzipiert ist, was die Dämlichkeit angeht. Sag mir, wer deine Freunde sind und ich sage dir, wer du bist, heißt es im Volksmund. Bitte schön: U.a. Marius Müller-Westernhagen, Boris Becker, Sabine Christiansen, Alfred Biolek, Reinhold Beckmann, Florian Langenscheidt und Thomas Gottschalk. Alles Prominente, die einen hohen Peinlichkeitsfaktor aufweisen und immer wieder zuverlässig den Nachweis antreten, daß sie nicht mehr alle Schweine im Rennen haben.Von einem ähnlichen Peinlichkeitsfaktor zeugt auch seine Rechtfertigung des Skandals um das Tempodrom, ein gigantischer Kulturtempel, der unbedingt gebaut werden mußte und seither riesige Summen verschlingt, dessen Abriß dummerweise aber noch teurer käme, weshalb der Bau als Steuergeldvernichtungsmaschine fungiert. »Alle hatten mitgemacht«, schreibt Wowereit und leitet daraus ab, daß niemand schuld sei. Das ist Politik auf hohem Niveau, die Wowereit betreibt. Er nennt sie die »Tempodrom-Falle«. Daß Wowereit in diesem Fall bereit gewesen wäre, »Fehler gnadenlos zu suchen und aufzudecken«, wie er einen seiner Charakterzüge beschreibt, kann nicht mal er selber ernsthaft behaupten.Seine ökonomische Kompetenz ist von ähnlicher krud-schlichter Beschaffenheit und wird auf die Formel gebracht, die zu belohnen, »die mitmachen wollen«, denn »es ist nicht erstrebenswert, möglichst träge herumzuhängen und blöde Sprüche zu klopfen«. Aja! Nur, bei was mitmachen? Als beispielhaften Fall schildert Wowereit die Karriere Muhammad Yunus, der eine Bank gründete, »die Kleinstkredite an arme Menschen vergab«. Dies ist also die Perspektive, die Wowereit aufzeigt, damit »jeder, der will, sich hochrackern kann.« Gründet zwei, drei, viele Banken. Tolles Konzept.Wowereit begreift es als »große Herausforderung, diese Stadt zu regieren«. Und: »Ich bin gern Regierender Bürgermeister, auch wenn es immer schwieriger wird.« »Ich will ein Politiker zum Anfassen sein«, schreibt er extra für Leute, die sich gerne ihre Hände schmutzig machen wollen. »Es freut mich, wenn die Leute ›Hey Wowi‹ rufen und ein Foto mit mir machen.« Auch das ist schön. Aber es gibt etwas, das Wowereit noch mehr freut: »Keiner stört sich daran, daß ich im Sommer Shorts trage.« Mit welchen einfachen Dingen man Leute manchmal schon glücklich machen kann.Klaus Bittermann