Der Papst und seine Gelichter

Christen sind unerschütterlich, an ihnen perlt jede Aufklärung ab wie an einer Teflonpfanne, die man ihnen schon über die Rübe ziehen müßte, damit sie was merken. Meine Mutter ist so ein Fall. Ob ich den gerade geborenen Frischling nicht taufen lassen wolle, fragte sie mich ernsthaft, denn das ungetaufte Kind würde sie sehr traurig machen. Mich fragte sie das, einen eingefleischten Atheisten, und das auch noch nach dem Bekanntwerden der Mißbrauchsvorwürfe bei den Katholen. Ob sie den Pfaffen noch ein weiteres Mißbrauchsopfer zuführen wolle, fragte ich sie. Das nahm sie persönlich und war beleidigt.

Das ist schon irre, denn nach allem, was jetzt ans Licht der Öffentlichkeit kommt und schon vorher bekannt war, auch wenn darüber quasi nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, handelt es sich bei der katholischen Kirche um die größte kriminelle Vereinigung. Immerhin kam der Kirchenstaaatsanwalt in Rom nicht umhin, in einem Interview zu erklären, daß in den vergangenen zehn Jahren 600 Priester nach entsprechenden Vorwürfen aus dem Kirchendienst ausscheiden mußten. 600 ist schon eine unfaßbare Zahl, hinzukommen aber noch all die Priester, die gedeckt wurden, wie von Ratzinger selbst, als er noch Münchner Erzbischof war und in dieser Funktion 1980 der Versetzung eines Priesters von Essen nach München zugestimmt hat, der zuvor einen Elfjährigen mißbraucht haben soll. Später, so stellte sich dann heraus, wurde der problemlos rehabilitierte Priester in der Seelsorge zum Wiederholungstäter. Strafvereitelung im Amt heißt in der bürgerlichen Rechtsprechung dieser Vorgang. Hätte jemand einen gewöhnlichen Sexualstraftäter auf diese Weise der Strafverfolgung entzogen, würde ihn vermutlich die volle Härte des Gesetzes treffen, den Täter sowieso, der auf der Stelle weggesperrt werden würde und dem der schäumende Haß von Bild und anderen Boulevard-Blättern sicher wäre.

Und deshalb sei schlau, geh nicht zum Bau, wie es früher hieß, sondern begebe dich unter die Obhut des Papstes, denn da läßt sich der Katholizismus neu interpretieren: Als “Kirche von hinten”, wie Wiglaf Droste schreibt. 12000 Mißbrauchsopfer allein in den USA in den letzten Jahrzehnten gibt es, 3000 Mißbrauchsfälle wurden seit dem Jahr 2000 im Vatikan untersucht, bzw. wahrscheinlich wohl eher vertuscht, und das sind nur die Opfer, die sich später zu Wort gemeldet haben. Die meisten, das weiß jeder Küchenpsychologe, machen aus Angst und Scham die Sache mit sich selber aus und verschweigen aufgrund der besonderen Bindung zum Täter den Mißbrauch. Die Dunkelziffer dürfte in diesem Fall bei weitem höher liegen als die öffentlich bekannt gewordene Zahl. Das österreichische Nachrichtenmagazin Profil schreibt: »Schwere Vorwürfe erhob gleichzeitig die ›New York Times‹ gegen den Papst. Zweihundert gehörlose Kinder waren von 1950 bis 1974 in einer Taubstummenschule in Wisconsin von dem inzwischen verstorbenen Priester Lawrence Murphy mißbraucht worden. Die Mißbrauchsopfer hatten vergeblich bei den kirchlichen US-Behörden um Hilfe gebeten. 1996 hatte der Erzbischof von Milwaukee, Rembert G. Weakland, den Präfekten der Glaubenskongregation Ratzinger in zwei Briefen von den Vorfällen informiert – und bis heute keine Antwort erhalten.« Und was hat der Papst dazu zu sagen? Der Glaube an Jesus Christus gäbe ihm die Stärke, sich »nicht vom belanglosen Geschwätz der vorherrschenden Meinung einschüchtern zu lassen«. Und da der Papst ansonsten lieber schweigt, braucht er einen Sprecher, der der Öffentlichkeit die Meinung des Papstes kundtut, bzw. wohl eher den Marsch bläst, denn Federico Lombardi sagte, daß die Medienberichte als »schmachvoller Versuch« zu werten seien, dem Papst und seinen engsten Beratern um »jeden Preis zu schaden«. Würde ein normaler Mensch unter einer ähnlichen Wahrnehmungsstörung leiden, würde er wahrscheinlich in eine Anstalt gesteckt. Als Sprecher aber teilt Lombardi nur mit, was der Papst denkt, und für den sind nicht die Mißbrauchsopfer der Skandal, sondern daß die Presse über die Klagen der Mißbrauchsopfer berichtet. Insofern ist es logisch, daß es Federico Lombardi verwundert und es »beeindruckend« findet, wie viele innere Wunden oft nach Jahrzehnten noch offen sind, denn nach so langer Zeit müßte da doch längst Gras über den Mißbrauch gewachsen sein. Auch andere Verteidigungsstrategien hören sich sehr merkwürdig an. Pädophilie, so sagte der Kardinalssekretär Tarcisio Bertone, sei »eine Herausforderung für die Staaten, aber auch für alle Menschen«, ein reichlich fadenscheiniger Versuch, die Mißbrauchsvorwürfe paritätisch auf die Gesellschaft zu verteilen. Rätselhaft bleibt auch, warum der gute Mann den vornehm als Pädophilie umschriebenen Kindesmißbrauch als »Herausforderung« sieht und nicht als Zustand, den es abzuschaffen gilt. Keine andere Institution habe so viel wie die Kirche unternommen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, sagte Bertone. Was den Straftätern jedoch blühte war gerade mal eine Versetzung in den Ruhestand oder im höchsten Falle eine Demission, eine vergleichsweise milde Strafe, mit der sich leben läßt, im Vergleich zu einem Straftäter, der nicht von der Institution Kirche gedeckt ist. Kindesmißbrauch sei überdies, so redete sich Bertone weiter um seinen Strohkopf, in anderen Gruppen viel verbreiteter als in der Kirche, als ob das, selbst wenn es stimmte, was zu bezweifeln ist, eine Entschuldigung wäre. Und um auch ganz deutlich zu machen, woher der Wind weht, drehte er den Spieß um: »Viele Psychologen und Psychiater bestätigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und der Pädophilie gibt. Aber viele andere haben gezeigt, so wurde es mir unlängst gesagt, dass es eine Beziehung zwischen Homosexualität und Pädophilie gibt.« Was sich in dieser Debatte und in diesen Äußerungen raunend widerspiegelt zeugt von reaktionärer und stockkonservativer Gesinnung, die mehr dem Faschismus als der Demokratie zugeneigt ist.

Warum sonst hat der Papst 498 Priester selig gesprochen, die im spanischen Bürgerkrieg ermordet wurden – allerdings nur diejenigen, die Franco treu ergeben waren und den Faschistengruß entboten, während diejenigen Priester, die auf der republikanischen Seite standen, von der kirchlichen Opferliste gestrichen wurden. In der größten Seligsprechungsaktion in der Geschichte wurde unbemerkt von der Öffentlichkeit noch einmal deutlich gemacht, daß der Vatikan nichts dagegen hätte, wenn ein Führer die Welt an die Kandare nehmen, die Prügelstrafe wieder einführen und die Homosexualität verbieten würde.