Kessler, Katja

Wäre sie mal Zahnärztin geblieben, der Welt der Literatur wäre ein weiteres überflüssiges Buch erspart geblieben. Wenn ihre Befähigung als Zahnärztin genauso lausig war wie die als Schriftstellerin, gäbe es aber immerhin ein paar Leute, die von ihrem Berufswechsel profitiert hätten. Katja Kessler wechselte bald zu Bild, wo sie als sogenannte Gesellschaftsreporterin arbeitete, vorausgesetzt man will das als Arbeit bezeichnen, wenn man sich auf Partys herumtreibt und dabei Prominente umschwirrt wie Fliegen den Misthaufen. Katja Kessler verbreitete also in der Fachzeitschrift für verklemmte Herrenwitze über die täglichen Seite-1-Möpse Klatsch über die Blöden im Lande, d.h. sie berichtete darüber, wer der BH verrutscht war, bei wem man am tiefsten blicken konnte und bei wem das Maurerdekolleté zu sehen war. Wichtige Informationen, auf die die Welt gewartet hatte, unverzichtbar für Leute, deren Interesse sich darin erschöpft, wissen zu wollen, welche Zunge gerade in welchem Hals steckt. Irgendwann steckte ihre im Hals von Kai Diekmann. So jedenfalls hätte Katja Kessler die Sache auf dem Punkt gebracht, wenn sie nicht zufällig selber darin involviert gewesen wäre. Aber vermutlich spielte das gar keine Rolle. Seither ist sie die Gattin des Bild-Chefredakteurs.Als Wirtstier profitierte sie von ihren Kontakten zur Prominenz. Sie schrieb gleich zwei Memoiren von Dieter Bohlen, einem Mann, dessen Hobbys in »Blondinen in Discos anquatschen, Kavalierstarts an Ampeln hinlegen und nach Rasierwasser stinken« (Christian Y. Schmidt) bestehen. Dabei stand ihm Katja Kessler in nichts nach. Sie glänzte mit Sätzen, die einen so hohen Ekligkeitsfaktor hatten, daß sie in Bild vorabgedruckt werden konnten: »Ihr Busen war hochgequetscht wie zwei Knödel, schade daß ich meine Gabel nicht dabei hatte.« Mit dieser Herrenreiterliteratur, in der Witz grundsätzlich mit Verachtung verwechselt wird, drückte sie als das alter ego Bohlens dessen schmerzfreie Großmäuligkeit kongenial aus.Jetzt hat die »Star-Autorin«, wie sie sich selber in Bild-Online bezeichnen läßt, ein weiteres Buch geschrieben. Zu verantworten hat es ein gewisser Joachim Jessen, der zu Katja Kessler einmal sagte: »Schreiben Sie doch mal was!«, und – Zack – wurde ein ganzer Schinken draus. »Herztöne« heißt er und offenbar scheint es sich nicht um eine weitere Fortsetzung der Bohlenerinnerungen zu handeln, sondern um einen frei erfundenen Liebesroman. Den durfte zuerst die Mutter lesen, denn »die findet nämlich alles gut.« Aber auch der Literaturkenner Reinhold Beckmann, der für die Moderation der Buchpremiere engagiert worden war, fand, das Buch würde aus »purem Östrogen« bestehen. Wirklich? Ich nahm das Buch in die Hand. Hardcover. Schutzumschlag. 416 Seiten. Rosa Vorsatzpapier. Innenteil: Gelbliches Werkdruckpapier, vermutlich 110 gr., sogenanntes »FSC-zertifiziertes Papier EOS«, das von der Firma Salzer aus St. Pölten geliefert wurde, die es wiederum aus »vorbildlich bewirtschafteten Wäldern und anderen kontrollierten Herkünften« her hatte. Das also ist »pures Östrogen«, dachte ich und hielt stille Einkehr. Man lernt nie aus.Aber ich habe mich auch im Innenteil auf die Suche nach dem legendären Östrogen gemacht. 50 Seiten bin ich für Sie, liebe Leser, ein wenig gestorben, denn die Lektüre ist aus mehreren Gründen reichlich anstrengend, denn Katja Kessler hat für alle Figuren, einschließlich der Protagonistin, nur Verachtung übrig, Alle zeichnen sich dadurch aus, daß sich in ihrem Kopf nichts abspielt. Jedenfalls kein Gedanke, der erwähnenswert wäre. Katja Kessler versucht sich, über die schnöde Welt, wie sie sich auf einer Modenschau mit Prominenz abspielt, lustig zu machen, aber sie haut ihr Personal nur in die Pfanne. Kann sein, daß es da hingehört. Dadurch ergibt sich jedoch ein Problem: In einem Universum von Widerlingen, solariumgebräunten Goldkettchenträgern, Partyludern, Bohlens, Bild-Reportern und Zuhältern, in dem sich Katja Kessler zugegebenermaßen am besten auskennt, mag man nicht allzulange verweilen, denn aus diesem Milieu ist so viel nicht herauszuholen, jedenfalls wenn man nur die verschwitzte Blödigkeit vorführt, die darum kreist, ob das »Möpse hoch, Bauch weg-Kleid« auch richtig sitzt. Der Roman wird dann selbst nur ein Spiegelbild dieser verschwitzten Blödigkeit. Ein Gewinn ist die Lektüre eines solchen Stoffes nicht. Sie ermüdet in rekordverdächtiger Zeit.Wenn dann auch noch der Kesslersche Witz hinzukommt, wird es besonders schlimm. Da leidet jemand an »›PUPS‹ – PR-Geilheit und Promi-Wichtigtuerinnen-Syndrom«. Diesem Witz sieht man an, daß da jemand lange gebrütet hat. Auch über den »Molotow-Cocktail«, dem »japanischen Melonenschnaps mit pürierten Gummibärchen und Gurke«: »Kennen Sie den etwa nicht? Das ist der Lieblingsdrink von Kate Moss. Hat Donatella Versace extra für sie kreiert.« So geht das Seite für Seite und man weiß, hier würde sich Lothar Matthäus wohlfühlen, ein Effenberg und Dieter Bohlen sowieso. Lauter Stinkstiefel also, die in der Welt des Taxierens, des schlichten Gemüts und des unterentwickelten Humors für Pubertierende zu Hause sind.»Kalli sah sie jetzt an, als ob sie ihm einen unsittlichen Antrag gemacht hätte. Und er sich noch nie stundenlang in eine Kaktushecke gehockt hätte, um den Prinzengemahl eines Kleinstaats an der Cote d‘Azur dabei zu fotografieren, wie er an einem Pool einer Stripperin mit den Zähnen aus dem Höschen half.« Damit versucht Katja Kessler augenzwinkernd zu signalisieren, daß sie die ironische Distanz hat zu dem, was ihr Mann in Bild dann wirklich praktiziert. Nicht Stripperinnen mit den Zähnen aus dem Höschen zu helfen, sondern die Fotos dazu zu veröffentlichen. Zu solchen abartigen Praktiken gibt es keine ironische Distanz. Ein Scheißhaufen bleibt ein Scheißhaufen, und man kann ihn soviel parfümieren wie man will, er wird immer stinken. Und so geht es mir auch mit diesem Buch. Egal mit wieviel Pfund Ironie Katja Kessler die Szenerie der Reichen und Doofen als Klatschtante überkleistert, egal, wieviel Häme sie darüber streut, sie bleibt ein Bestandteil dieses großen Haufens, in den man nun wirklich nicht treten möchte, während sie wild fuchtelnd und mit verzweifelter Fröhlichkeit aus diesem Haufen heraus funkt, man möge sie doch endlich herausholen. Aber wer außer Kai Diekmann will sich schon die Hände schmutzig machen?Klaus Bittermann