Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Die Manager und Vorsitzenden der Bundesligavereine sehen wieder »Licht am Ende des Tunnels«, als ob sie eine lange, düstere und nicht enden wollende Nacht der Verzweiflung hinter sich hätten, was wahrscheinlich tatsächlich der Fall ist, weil sie der Branche »den Hals nicht voll kriegen können« angehören. Netflix und amazon sind in den Bieterwettbewerb um die Fußballübertragungsrechte eingestiegen, d.h. auch über die Bundesliga wird vielleicht schon in der kommenden Saison ein Geldregen niedergehen, und bald können die Menschen virtuell und dreidimensional mitten auf dem Platz stehen und den Profis zugucken. Aber was dieser neuen Erlebniswelt fehlen wird, ist der Charme eines kleinen Schwarzweißbildfernsehers, der mit grisseliger Qualität und kaum zu erkennendem Ball und mit fachlichen Hinweisen von Ernst Huberty den 2:1-Sieg Borussia Dortmunds gegen Liverpool im Finale des Europacups der Pokalsieger aus dem Glasgower Hampden Park übertrug. Der Versuch nämlich, eine immer perfektere Erlebniswelt herzustellen, wird auf immer empathielosere Menschen treffen, die in der digitalen Welt erzeugt werden. Demgegenüber sind solche Spiele wie des BVB in Augsburg völlig bedeutungslos, auf einen bloßen Nachrichtenwert geschrumpft. Und vor allem muss dem Zuschauer immer energischer eingetrichtert werden, wie bedeutend solche Spiele sind, während sich das eigentlich Bedeutsame im Hintergrund abspielt, wo über die Tiefe des Abgrunds zwischen den Happy Few und den Loosern verhandelt wird. Als ob das alles nichts wäre, knüpfte Dortmund nahtlos an seiner Leistung im letzten Spiel der Vorrunde gegen Hoffenheim an, als man es trotz haushoher Überlegenheit schaffte, irgendwann einfach das Spiel aus der Hand zu geben und mit 2:1 zu verlieren. Und Augsburg versteckte sich nicht, presste und rannte und brachte die Dortmunder in Schwierigkeiten, die sich immer wieder katastrophale Abspielfehler erlaubten, während Reus die für ihn herausgespielten Chancen mit absoluter Verlässlichkeit vergab. Eine ziemlich frustrierende Vorstellung, vor allem, weil Augsburg direkt nach der Pause durch einen Glücksschuss die Führung weiter ausbaute und nach dem Anschlusstreffer durch Brandt mit einem weiteren Tor den alten Abstand wieder herstellte. Aber dann kam der Heilsbringer und Erlöser der schmerzgeplagten Dortmunder Fanseele auf den Platz, ein blonder, nordischer Hüne mit einer Frisur, wie man sie aus Nazifilmen kennt, der wie ein Panzer die Augsburger Abwehr überrollte. So könnte man das auf Breitleinwand und Dolby-Surround inszenieren, aber eigentlich lag es einfach am Systemwechsel, den Favre vorzunehmen gezwungen war. Er musste schlichtweg offensiver spielen lassen, wenn er noch etwas erreichen wollte, während der Coach Augsburgs Martin Schmidt es einfach versäumte, darauf zu reagieren und seine Mannschaft einfach so weitersspielen ließ wie vorher. Statt den Riegel zu verstärken und sich einzuigeln, spielten die Augsburger weiterhin hoch und boten dem schnellen Haaland jede Menge Platz, um sich zu entfalten. Plötzlich liefen die Augsburger in einen Konter nach dem anderen. Haaland machte es besser als der schließlich ausgewechselte Chancentod Reus und traf innerhalb von zwanzig Minuten gleich dreimal. Allerdings konnte man auf Slowmotion gut sehen, das er nicht mit Glück seine Tore schießt, sondern mit ungewöhnlicher Präzision. So kann es ruhig mal weitergehen. Wenn die Dortmunder jetzt noch ihr seltsames Phlegma ablegen könnten, das jedes Spiel zur riskanten Angelegenheit macht, dann könnte es nochmal spannend werden.