Grabrede auf Wolfgang Pohrt

Stuttgart, Heslacher Friedhof, 8. Februar 2019

auch wenn die meisten von uns über die Privatperson Wolfgang Pohrt wenig wissen, so ist wahrscheinlich für niemanden der Gedanke abwegig, dass Wolfgang mit seiner Beerdigung kein großes Aufhebens machen wollte. Und wir wissen auch, dass man es ihm sowieso nicht hätte recht machen können. Das hat den Vorteil, dass ich nicht darauf schielen muss, ob das, was ich Ihnen nun erzähle, seine Zustimmung gefunden hätte. Ich werde Ihnen einfach, so gut ich das kann, ein paar wenige Aspekte von dem erzählen, was mir an Wolfgang wichtig war, denn ich muss, glaube ich, nicht genauer darauf eingehen, welche Stationen Wolfgang in seinem Leben durchlaufen hat, dass er in den Siebzigern an der Uni Lüneburg gearbeitet hat, dass er in den Achtzigern freier Autor und Journalist war, der viele Zeitungen mit glanzvollen Essays beliefert und Debatten ausgelöst hat, der in den Neunzigern als Soziologe die Massenpsychologie der Deutschen erforscht hat und der fast das gesamte darauf folgende Jahrzehnt schwieg.
Was ich Ihnen erzählen wollte, hat mit seinem Motiv zu tun, warum er überhaupt geschrieben hat, denn ich kenne niemanden, für den Schreiben nie Selbstzweck war, der nie damit seine Eitelkeit befriedigen wollte, der nie einfach nur Theorieakkumulation betrieb, der nie einfach nur Bücher verfasste als Nachweis für eine akademische Karriere, die er hätte einschlagen können, wenn er gewollt hätte, und der über lange Jahre hinweg gar nichts mehr schrieb, weil er keinen Sinn mehr darin sah. Und dieser Antrieb des Schreibens war existentiell und hatte viele Gründe. Die soziale Ungerechtigkeit, die Armut, der Hunger, die nationalsozialistische Vergangenheit, die Verlogenheit in der Gesellschaft und in der Linken, die Ausländerverfolgung. Das war die Grundkonstellation. Und das waren gleichzeitig die Themen, auf die er immer wieder zu sprechen kam und die seine Artikel heute noch aktuell machen.
Bereits in seiner Dissertation »Theorie des Gebrauchswerts« hebt er darauf ab:

»Die Unterlassung von Hilfe erklärt die vielbeklagte Isolation der Menschen in den Metropolen. Sie haben guten Grund, einander zu mißtrauen, und kein Kommunikationsapostel oder Solidaritätsprediger wird ihnen den ausreden können, es sei denn, er brächte sie vollends um den Verstand. Dieser Grund ist ganz einfach: Wenn Menschen sich verständigen sollen, so müssen sie selbst auch verständlich sein. Solche aber, die tatenlos zuschauen, wie andere im Elend krepieren, sind dies nicht. So gleichgültig, wie sie objektiv gegeneinander als Menschen sind, haben sie sich nichts zu sagen. Die Fernsehreportagen aus den Hungerregionen prägen den modernen Begriff vom Menschen: Armselige Kreatur, die man verhungern läßt. Es gibt keine Herrschaft ohne die über Leben und Tod, und das Herrschaftsverhältnis, welches in den Metropolen den Gebrauchswert zerstört, wird nicht enden vor dem Tag, an dem kein Mensch mehr verhungert.«

Es war Anfang der achtziger Jahre als mir die bei Rotbuch erschienenen Bücher von Wolfgang »Ausverkauf« und »Endstation« in die Hände fielen, die ich begierig verschlang, nicht nur weil ich eine große inhaltliche Übereinstimmung mit seinen Texten feststellte, sondern auch weil da jemand einen neuen Ton anschlug. Der Autor verstand es, seine Thesen und Analysen mit großer Schärfe, Klugheit, Präzision und Eleganz zu formulieren, kein Wort klang falsch oder deplaziert, er verwendete keine Schaumsprache und keine Weihrauchvokabeln, seine Argumentation traf genau und er nahm keine Rücksicht auf den Gegenstand seiner Kritik. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich glaube noch heute, dass es keinen begnadeteren Schreiber gibt, der seine politischen Analysen, denen immer etwas Selbstverständliches innewohnte, mit größerer Überzeugungskraft zu Papier bringen konnte und der dabei Witz und Sarkasmus besser einzusetzen gewusst hätte als Wolfgang.
Dabei nahm Wolfgang immer den gegenteiligen oder zumindest einen anderen Standpunkt ein als den, den einzunehmen er Denkfaulheit nachwies und der von Leuten vertreten wurde, die lieber in vorgefertigten Schablonen dachten oder glaubten, mit dem Weltbild eines Tagesschausprechers ihre Karriere voranzubringen. Und diese intellektuelle Kompromisslosigkeit, diese Unnachgiebigkeit in der Argumentation, sprach mich sofort an.
Aus den Büchern Wolfgangs drang ein Sound, der ganz anders war als der, den ich bislang kannte, unabhängig, erfrischend und nicht darauf aus, korrekt zu sein und die Wahrheit gepachtet zu haben. In ihnen kam ein theoretischer Anspruch zum Vorschein, der nicht als Schutzschild verwendet wurde, komplizierte und komplexe Zusammenhänge formulierte er klar und deutlich. Die erste Anstreichung in »Ausverkauf«, die ich damals vornahm, galt dem Satz:

»In einer gedankenlosen Welt ist das Denken wesentlich Hirngespinst. Daher die Esoterik und tendenzielle Nicht-Verstehbarkeit authentischer Theorie, der gelegentlich selbst deren Verfasser zum Opfer fällt. Zwei faule Wochen oder eine Erkältung genügen, die Niederschrift eines Aufsatzes von der Unfähigkeit zu trennen, diesen auch nur noch zu verstehen.«

Dass er seine Überlegungen auch ironisch gegen sich selbst wendete, das war freies, abschweifendes Denken, wobei dieses Denken ihn nicht davon abhielt, vehement darum zu streiten, ob ein Gedanke oder eine Argumentation richtig oder falsch war. Gleichzeitig war ihm aber beim Streit um richtig oder falsch jeder missionarische Eifer fremd. Seine Rolle als öffentlicher Intellektueller, die er zu Beginn der achtziger Jahre inne hatte, als die ersten Bücher von ihm erschienen und heftige Debatten auslösten, spielte er sogar herunter. Am 5. November 1982 hielt Wolfgang in der Blumenthalstraße 13, einem besetzten Haus in Berlin, einen Vortrag, in dem er den Berliner Häuserkampf als »eine Mischung aus freiwilligem Arbeitsdienst und Rebellion« abhandelte:

»Ich habe weder an die-ser Bewegung teilgenommen, noch habe ich sie er-forscht oder gründlich studiert, ich habe nicht mit Besetzern gesprochen, nie in einem besetzten Haus ge-wohnt, und ich besitze keine Dossiers. Ich habe nicht recherchiert, weder im journalistischen noch im krimi-nalistischen Sinne, und man hat mir daraus einen Vor-wurf gemacht. Man hat mir vorgeworfen, die Friedens-bewegung, die Alternativen, die Grünen und die Hausbesetzer leichtfertig, gewissenlos und verantwortungs-los zu verleumden. Dem halte ich entgegen, daß ein Kommenta-tor oder Kritiker deshalb, weil er keine Macht hat, Ur-teile zu fällen oder Strafen zu verhängen, auch nicht an die Regeln der Beweisaufnahme gebunden ist, welche die Strafprozeßordnung verlangt. Man trägt keine Ver-antwortung, wenn man sich Gedanken macht und eine begründete abweichende Meinung äußert, nicht als Kri-tiker oder Publizist, der keine administrative Macht be-sitzt. Wenn der Kanzler Unsinn erzählt, dann ist dieser Unsinn deshalb, weil sein Erzähler die Macht besitzt, ihn zu verwirklichen, immer noch wichtig. Wenn ich Unfug schreibe oder rede, so ist dieser Unfug vollkom-men bedeutungslos, und man kann ihn getrost als Pro-dukt eines mitteilungssüchtigen Spinners ignorieren.«

Indem er seine eigene Bedeutung als Kommentator radikal relativierte und die Begründung dafür so schlüssig war, dass sich kaum Einwände dagegen finden lassen, führte er auf listige Weise den Nachweis, dass er natürlich alles andere war als ein »mitteilungssüchtiger Spinner«. Gleichzeitig stellte er damit ein Geschäftsmodell in Frage, auf dem auch seine Existenz beruhte, und er gab den Leuten zu verstehen, dass den sogenannten »Experten«, die im öffentlichen Streit um die Meinungshoheit mitmischten, nur die Bedeutung zukam, die man ihnen entgegenbrachte.
Es war also nicht nur seine inhaltliche Kritik, sondern auch seine Haltung, die mich begeisterte. Damals sah ich Wolfgang zum ersten Mal. Ich fragte ihn, ob er nicht bei mir publizieren wolle. Er sagte sofort zu. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, denn nun hatte ich einen Autor, der dem Verlag ein Profil gab, Aufmerksamkeit verschaffte und der andere Autoren zum Verlag führte, wie Eike Geisel, Henryk M. Broder und Christian Schultz-Gerstein. Wolfgang war in dieser Hinsicht vollkommen unkompliziert. Er fragte nicht, was ich denn als Anfänger im Verlagswesen vorzuweisen hätte, wieviel Vorschuss ich bezahlen könne, er sah nur, dass hier jemand brennend an der Veröffentlichung seiner Artikel interessiert war, und das reichte ihm. Von niemandem habe ich mehr gelernt als von Wolfgang, und das war vor allem unabhängiges Denken.

»Mein Job ist die Ideologiekritik, das habe ich gelernt«, sagte Wolfgang 1987 den Stuttgarter Nachrichten. »Die Leute sagen mir, was sie denken und ich sage ihnen, warum das falsch ist.« Das habe ich häufig genug erfahren müssen und meistens hatte ich seinen Argumenten wenig entgegenzusetzen. Aber er wusste auch, dass er damit in eine Sackgasse geriet. »Man tritt in der BRD in eine Phase ein, in der es kein falsches Bewusstsein, sondern die Absenz jeden Bewußtseins überhaupt gibt – was den Job des Ideologiekritikers natürlich schwierig macht…«

Immer wieder wurde Wolfgang vorgeworfen, seine Polemik gegen die Deutschen würde beweisen, dass er an deutschem Selbsthass leide und gerade darin würde sich zeigen, dass er deutscher sei als all die Deutschen, die er kritisiere. Der Hass aber, den die Linken und Intellektuellen in seinen sarkastischen und scharfen Formulierungen entdeckt zu haben glaubten, entsprang bei ihm einfach einer Empathie, die in der Weigerung besteht, still da zu sitzen, wenn Ausländer wie damals in Rostock-Lichtenhagen angegriffen werden. Selten habe ich ihn so fassungslos erlebt wie damals. Weil ihn diese pogromartigen Zustände zutiefst erschütterten als Akt inhumanen Denkens und Verhaltens, war es ihm unmöglich, sich als beteiligungsloser und »objektiver« Beobachter den Ereignissen gegenüber zu verhalten. Nicht der in Wolfgangs Formulierungen ausgemachte Hass war das Problem, vielmehr hielt Wolfgang mit den unzureichenden Mitteln des Journalismus fest, von welcher Gesinnung Leute getrieben sein müssen, die andere verfolgen und manchmal auch ermorden, ohne dass es dafür einen Grund wie beispielsweise Habsucht oder Eifersucht gäbe, sondern nur den Hass auf einen anderen, mit dem man nichts zu tun hat, mit dem einen sogar so existentielle Dinge verbinden wie Perspektivlosigkeit und Armut. Der Hass, der Wolfgang unterstellt wurde, hatte nichts mit dem Wunsch nach Vernichtung zu tun, er war auch kein Ausdruck zynischer Menschenverachtung, sondern einfach nur die verzweifelte Reaktion eines Menschen, der dem Straftatbestand des versuchten Mordes an Ausländern hilflos gegenübersteht.
Für Wolfgang war es deshalb eine Frage der Notwehr, gegen die Mordversuche und tatsächlichen Morde anzuschreiben. Steht man nämlich existentiellen Situationen von Menschen, in denen es um Leben und Tod geht, nicht anders gegenüber als auf einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt, wo der Pressesprecher routiniert sein »aufrichtiges Bedauern« über die als »Ereignisse« verharmlosten Mordversuche ausspricht, dann hat man den idealen Aggregatszustand für den Journalisten erreicht, der sich leicht von einem »intelligenten Computer« ersetzen lässt, aber eines wird man von diesem auf keinen Fall erwarten dürfen: Erkenntnis und Fortschritt. »Hass«, schreibt Wolfgang in einem Vortrag über die »Zukunftsangst«, den er am 2. November 1985 in Mainz gehalten hat, ist »eines der wichtigsten Motive für den analysierenden, wörtlich: zersetzenden Verstand, dem wir alle Humanisierung vorgefundener Gewaltverhältnisse durch deren Zerstörung verdanken«.