Bei Gremliza piept die Altermeise

Der von Wiglaf Droste als »Comandante Redundante« verspottete und als solcher in die Geschichte des Journalismus eingehende Hermann L. Gremliza funkt wieder (in Konkret 2/19) aus seinem Bunker in der Hamburger Ehrenbergstraße und schmäht die taz als »zum Seniorenheim gereiftes Blatt«, was immerhin ein Fortschritt ist, denn bislang galt die taz in der Sprachregelung Gremlizas als »Kinder-FAZ«, ein Witz mit inzwischen 20 Jahre altem Bart. In manchen seiner Gespräche, die er »Gremlizas Gespräche« nennt und die in der Konkret erscheinen (in Buchform noch unveröffentlicht), beschleicht einen manchmal das Gefühl, er gehöre selbst dem Seniorenheim an, wo Gremliza mit seinem »Ich habs ja schon immer gewusst« der taz und den anderen Insassen schwer auf die Nerven geht, vor allem, wenn er sich mit dem Gestus »wie ich schon vor 100 Jahren schrieb« in die Brust wirft und das überall sich herumtreibende »Journalisten-Gesindel« im schneidenden Ton der Anklage zurechtweist. Rechthaberei gehört zum pathischen Bild eines Menschen, der sich nicht ausreichend gewürdigt fühlt, weil er den Karls-Preis immer noch nicht bekommen hat, und der deshalb der schwindenden Zuschauerschaft immer aufs neue beweisen muss, wie bedeutend er ist.
Dafür gibt ihm im gleichen Blatt der Tod eines seiner Autoren, Wolfgang Pohrt, eine neue Gelegenheit. Zunächst ärgert er sich darüber, dass die Nachrufe (Tagesspiegel, Spiegel, FAZ, taz, FAS, junge Welt, Neues Deutschland, jungle world) den Eindruck erweckt haben, es würde sich bei Pohrt »um einen der bedeutendsten Gesellschaftskritiker des Landes« handeln, denn wer das in Wirklichkeit ist, steht für Gremliza selbstverständlich außer Frage. Der Neid auf die fast durchgehend kenntnisreichen Nachrufe, lässt Gremliza behaupten, die Nachrufer hätten doch Zeit seines, also Pohrts Leben nur dann Notiz von ihm genommen, wenn »eine seiner Polemiken geeignet schien, eine antideutsche Linke … in deutschem Interesse zu denunzieren.« Wen und was der damit meint, bleibt im Dunkeln, aber mit Sicherheit würde der Denunziationsvorwurf zutreffen, würde er mal seine eigene Zeitung oder seine eigenen Artikel lesen, was man als Herausgeber hin und wieder mal tun sollte. Denn dort stand in der Ausgabe 5/12 u.a. als Reaktion auf der Ärger, dass Pohrt ein Konkret-Streitgespräch als »sinnfreies akademisches Geschwätz« bezeichnet hatte, er würde sich so anhören, als sei er »Franz Josef Wagner« und »Hans-Olaf Henkel« gleichzeitig, würde eine »Pension als Professor« verzehren und sein »Bundesverdienstkreuz« polieren.
Aber wenn schon der Anschein entsteht, Pohrt sei einer »der bedeutendsten Gesellschaftskritiker des Landes«, weshalb fällt da kein Glanz für Gremliza ab, der doch »so manche Karriere erst ermöglicht (hat), auch meine bescheidene eigene«, wie Pohrt in einer privaten Mail an Gremliza 2014 einmal geschrieben hat? Pohrts Pech, denn Gremliza veröffentlichte statt eines Nachrufs, in dem er mal etwas zu seinen Konflikten mit Pohrt hätte sagen können, zwei Seiten »aus ca. 250 Seiten des unveröffentlichten Mailwechsels«, in denen Gremliza ausnahmsweise mal nicht den Mief des Eigenlobs verbreitet, sondern von Pohrt sich umschmeicheln lassen kann: »Im Vergleich zu mir sind Sie jung geblieben«, »ein Kompliment muss ich Ihnen machen«. Und Gremliza sonnt sich in den Komplimenten, denn hier geht es um ihn, nicht um den verstorbenen Pohrt, den er zum seinem Laudator herabwürdigt und der mit dem Abdruck des Mailwechsel kaum einverstanden gewesen sein dürfte, und zwar nicht, weil er darin Gremliza auf die Schulter klopft, sondern weil der Mailwechsel nichts enthält, was von irgendeinem über das Private hinausweisenden Interesse ist. Das ist nicht einfach ADS, sondern Schäbigkeit, Hybris, Narzissmus und zeigt vor allem, wie wenig er von seinem wichtigsten Autor hält.
Auf diese Weise immer nur mit seiner eigenen Bedeutung beschäftigt zu sein, darüber hätte sich Karl Kraus tot gelacht. Gremliza ist inzwischen zu einem Anwärter auf den von ihm selbst ins Leben gerufenen Karl-Kraus-Preis geworden, aber er wird die Bedingungen, die an die Verleihung des Preises geknüpft waren, so wenig erfüllen wollen wie damals Günther Wallraff, dem er den Presi damals antrug, nämlich aufzuhören, Blödsinn zu schreiben und im Falle Gremlizas, sich selbst zu beweihräuchern. Dabei gäbe es mit Wiglaf Droste einen guten Laudator. Vor 20 Jahren schrieb er in der taz über Gremliza: »Als nächstes wird der Mann bei sich selbst anrufen und einen empörten Artikel darüber schreiben, dass dauernd belegt ist.« Heute allerdings würde Gremliza keinen empörten Artikel mehr darüber schreiben, sondern das Piepen als Beweis dafür nehmen, dass er der wichtigste Gesellschaftskritiker des Landes ist. Was da aber piept, ist nur die Altermeise.