Nachruf auf F.W. Bernstein

Sein bekanntestes Sprichwort, das mittlerweile in den Sprachschatz der Deutschen eingegangen ist und zum geflügelten Wort wurde – »Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche« – wurde Zeit seines Lebens meistens seinem Kollegen Robert Gernhardt oder anderen zugeordnet. Und dies war symptomatisch für das Leben des zurückhaltenden, höflichen, sich nie vordrängelnden Dichters und Zeichners Fritz Weigle, der besser bekannt war unter seinem nome de plume F.W. Bernstein.
Und auch die Episode, die Harry Rowohlt immer wieder gerne erzählte, passt ganz gut zu Bernstein, denn sie beleuchtet seinen hintergründigen, ja dezenten Witz, der nicht auf einen Brüll-Effekt hin ausgerichtet war. Gernhardt jedenfalls habe sich eines Tages darüber beschwert, dass er (Gernhardt) ihn (Bernstein) ständig erwähne, er (Bernstein) ihn (Gernhardt) jedoch nie, worauf Bernstein erwiderte, er (Gernhardt) solle doch sein (Bernsteins) Opus Magnum abwarten, »Der Erwähnte«.
Der 1938 geborene Fritz Weigle studierte an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er Robert Gernhardt kennenlernte. Bald schon gingen die beiden nach Berlin, wo er an der Hochschule der Künste seinen Abschluss machte. 1966 begann er seine pädagogische Karriere als Kunsterzieher an verschiedenen Schulen, bis er in Berlin an seiner alten Ausbildungsstätte 1984 bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor für Karikatur und Bildgeschichte war. Mitte der Sechziger war er Mitbegründer einer Gruppe, die unter dem Namen »Neue Frankfurter Schule« Satiregeschichte schreiben sollte. Seine Mitstreiter waren der erwähnte Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Bernd Eilert, Peter Knorr und Hans Traxler, die fast alle berühmter und erfolgreicher wurden als F.W. Bernstein, dessen flüchtiger Antikunst-Stil beim großen Publikum nie markttauglich war.
Und erwähnt werden muss auch, dass er in den frühen Sechzigern das damals tonangebende Satiremagazin »Pardon« mitgestaltete, daß er beteiligt war an dem legendären Büchlein »Die Wahrheit über Arnold Hau« und zusammen mit Robert Gernhardt und Friedrich Karl Waechter »WimS – Welt im Spiegel« machte.
Bernstein hat von diesem frühen Ruhm nie sonderlich viel abbekommen, dennoch blieb er selbst als großer Außenseiter der Altmeister der Karikatur, ein genialer Kritzler, der mal so eben schnell nebenbei Hintuscher, der »König der Zeichner« und der Künstler, über den Bernd Rauschenbach einmal sagte: »Er ist der abwechslungsreichste, experimentierfreudigste, detailversessenste, wurschtigste, klügste, farbempfindsamste, rücksichtsloseste, höflichste, gewaltsamste, produktivste, innovativste, traditionsbewußteste, bescheidenste, realistischste, literarischste, nuancenreichste, musikalischste, schwungvollste, überraschendste, wagemutigste Zeichner, den ich kenne.«
Und so ist es. Obwohl das mit dem »gewaltsamsten« wäre schon interessant gewesen. Eine bislang verkannte Seite von F.W. Bernstein? Bernstein als Terminator unter den Zeichnern? Rauschenbach hat allerdings einen Superlativ vergessen, und zwar war F.W. Bernstein einer der Unterschätztesten, denn zweifellos hat er sich auf dem Gebiet des Zeichnens, Malens, des Dichtens und des Humors mehr Meriten erworben als Künstler, die mit irgendwelchen kitschigen Großplastiken Millionen verdienen. Aber ein Vergleich mit solchen Leuten verbietet sich auf der Stelle, denn das Gewese und Getue, eitle Gespreize und aufgeregte Schnattern lag F.W. Bernstein immer fern.
Bernstein hat nicht mehr zählbare Ausstellungen und Bücher gemacht, Beiträge zu anderen Büchern oder in Zeitschriften geschrieben und gemalt, er hat vorgelesen, wurde mit Preisen geehrt, und keiner hat es wohl mehr verdient als er, der auch eine umfangreiche Korrespondenz auf Postkarten pflegte mit einem Gruß, einem Gedicht und einer Zeichnung, Originale, die er verschwenderisch an alle Freunde zu verschicken pflegte und die allein schon ein Opus Magnum ergeben würden. Jetzt ist er am 20. Dezember nach einer langen Krankheit verstorben.
Wir sollten uns sein Vermächtnis zu Herzen nehmen, das in seinem Gedicht »Lest, Verdammte dieser Erde« formulierte: »Lest Gedichte, lest, ich werde / Euch gleich sang wozu. / Weil wir Dichter wie die Sterne / lärmen, reimen wir so gerne / gehm wir keine Ruh /Dubidubiduuu.«