Die Wahrheit über den 33. Spieltag

Es war blöde Gewohnheit, daß ich mich wieder in die Milchbar schleppte, um bei strahlendem Sonnenschein auf eine Leinwand zu starren, auf der die Kugel nur manchmal als weißer Punkt aufblitzte, wo man sie nicht vermutet hatte. Und auch die Spieler liefen irgendwie undeutlich durch die Gegend. Wer macht denn sowas?, würde Fanny Müller fragen und über einen hoffnungslosen Fall wie mich mißbilligend den Kopf zu schütteln. Und das Spiel der Dortmunder zu Hause gegen Bielefeld, die ein Massaker anrichten würden, nur um irgendwie an einen Punkt zu kommen, entsprach zunächst der Bildqualität auf der Leinwand. Bielefeld hatte eine Maginotlinie errichtet und wagte sich mit gelegentlichen Kontern nach vorne, die sogar zu einer grandiosen Torchance führten. Aber was will Bielefeld schon mit einer Torchance, außer sie grandios zu vergeben? Wenigstens darauf war Verlaß. Unzufriedenheit kroch durch die milchig-trübe Milchbar. Die gelegentlichen Dortmunder Torschüsse kommentierte mein Nachbar fachmännisch: »Da kannste ja ne Schnitte hinterherwerfen!« Im übrigen blieb einem nichts weiter übrig, als bei gelegentlichen Fouls der Bielefelder eine dunkelrote Karte zu fordern. Dann ging ein gigantischer Jubel durchs Stadion, der bestimmt nicht durch die ebenso fleißigen wie vergeblichen Bemühungen der Dortmunder hervorgerufen worden war, und sofort machte das Gerücht die Runde, daß Köln in Hamburg mit 1:0 in Führung gegangen war, und das hieß: der BVB hatte im Kampf um den 5. Platz wieder die Nase vorn, wenn, ja wenn sie selber ein Mittel finden würden, eine Bresche in das Arminen-Bollwerk zu schlagen. Darauf deutete nichts hin, auch nicht, als nach einem Freistoß der Ball in den Strafraum segelte und Kehl den Kopf eher dran hatte als Torwart Eilhoff seine Fäuste. Das da eben ein Tor gefallen war, wurde mir erst klar, als die Leute auf den Tischen tanzten und sich knutschten. Und dann war kein Halten mehr, die ostwestfälische Verteidigungslinie brach zusammen und eine knallgelbe Welle nach der anderen schwappte über die armen Arminen herein. Am Ende hatten die Dortmunder mit 6:0 ihren höchsten Sieg seit 13 Jahren erstritten, und ich hatte mir die Stimmbänder ruiniert, die Handfläche brannte mir vom dauernden Abklatschen und die Knie zitterten. In Hamburg stand es immer noch 1:0 für Köln, aber der eindeutig bestochene Schiedsrichter ließ FÜNF Minuten nachspielen! Ich war fassungslos. Und dann geschah das Unglaubliche: In der Milchbar erschallten Daum-Sprechchöre! Aber das ist ja das Schöne am Fußball: Ideologische Verknöcherung gibt es nicht, man bleibt beweglich, geht mit Inbrunst auch mal Koalitionen mit Vollidioten ein, denen man anschließend wieder die Pest an den Hals wünscht, denn der Fan hat ein Elefantengedächtnis und vergißt nicht. Tja, und dann mußte Schiedsrichter Rafati doch abpfeifen. Jetzt hat der BVB ein Endspiel in Gladbach und es selber in Hand, ob man in der nächsten Saison international mitmischt, während der noch vor kurzem mögliche Triple-Gewinner Hamburg plötzlich mit leeren Händen dasteht, was mehr als gerecht ist, denn in der Disziplin Minimalismus ist der HSV Spitzenreiter. Keiner hat mit einem Tor Unterschied so häufig gewonnen wie die Norddeutschen. Auch sonst war der Spieltag ganz nach meinem Geschmack, denn Hertha hatte sich von Schalke nach einem öden Spiel, für das Hertha quasi ein neues Synonym ist, 0:0 getrennt. Und Hoffenheim rächte sich für die Niederlage in letzter Sekunde im Vorjahr gegen Bayern mit einem 2:2, so daß die Chancen auf die Meisterschale nach Bekunden von dem immer mehr und immer tiefere Löcher in den Rasen guckenden Hoeneß auf ca. drei bis fünf Prozent geschrumpft sind, aber das kommt eben davon, wenn man so eine Lusche wie Heynckes verpflichtet. Und Wolfsburg ist nach einer 5:0-Gala in Hannover so gut wie durch, denn am letzten Tag geht es gegen Bremen, die sich vom Uefa-Cup-Endspiel noch nicht erholt haben werden, und zwar egal wie das Finale ausgehen wird. Ein großartiger Witz: Deutscher Meister ist Wolfsburg. In England heißt der Meister ManU, in Italien Inter Mailand und in Spanien Barca. Und Magath geht sogar lieber nach Schalke, weil er weiß, daß er nächste Saison mit Wolfsburg nur eine Bruchlandung hinlegen kann. Das ist schon fast so schön wie der 20. Platz der Deutschen beim Grand Prix. Die Deutschen sind schon ein merkwürdiges Völkchen, überall auf der Welt für einen Lacher gut.