Eine Liebe geht zu Ende. Lucia Berlin grandiose Stories

Als im Frühjahr die Stories »Was ich sonst noch verpasst habe« von Lucia Berlin erschienen, war das Feuilleton einhellig begeistert, und sogar das Literarische Quartett, das sonst verlässlich zerstritten ist darüber, was Literatur ist und was nicht, war sich einig, dass dieses Buch einzigartig ist. Und das völlig zu recht, denn es dürfte nur wenig Leser geben, so unterschiedlich ihr Geschmack auch sein mag, die dieses Buch aus der Hand legen, ohne berührt zu werden.
Und wie so oft stellt sich die Frage, weshalb die Autorin ihren literarischen Durchbruch erst 2015 hatte. Ihre stark autobiographisch geprägten Geschichten sind schon in den 60ern bis 80ern entstanden. Sechs Bände mit ihren Erzählungen sind erschienen. Immer in kleinen Verlagen, zuletzt bei Black Sparrow Press, wo auch Charles Bukowski, Paul Bowles und Jack Kerouac veröffentlicht haben. Mehr als 2000 bis 3000 Exemplare wurden jedoch nie verkauft. Erst als eine von ihrem Freund Stephen Emerson besorgte Neuauswahl ihrer Geschichten bei Farrar, Straus & Giroux in New York erscheint, platzt der Feuilletonknoten, das Buch landet auf der Bestsellerliste der New York Times, es gibt Ehrungen und Übersetzungen in alle wichtigen Sprachen.
Man kann wie Antje Rávic Strubel, die Lucia Berlin kongenial ins Deutsche übertragen hat, diese Entdeckung »als das am besten gehütete literarische Geheimnis« bezeichnen, aber warum es ein Geheimnis war oder geheim gehalten wurde, wird damit nicht beantwortet. Dabei liegt die Sache auf der Hand, wenn man nur ein paar ihrer Geschichten gelesen hat und weiß, dass sie ihre Erzählungen von einem zerrütteten Leben, vom großen tragischen Leben der Gescheiterten, nicht erfunden hatte. Im Literaturbetrieb war sie eine Außenseiterin, von der niemand Notiz nahm, und da sie nicht dazugehörte und vielleicht auch keinen Wert darauf legte, dazuzugehören, wurde sie nicht wahrgenommen, auch wenn in einer nur ein paar Seiten umfassenden kleinen Erzählung ein Witz und ein Sprachgefühl steckten, von denen im Feuilleton weit mehr beachtete und arrivierte Autoren ein Schriftstellerleben lang zehren könnten.
Von ihrem plötzlichen Ruhm hat die vor genau 80 Jahren geborene Lucia Berlin nichts mehr, denn sie ist 2004 gestorben. Inzwischen wird sie mit Balzac, Isaac Babel und Garcia Marquez, mit Carson McCullers, William Faulkner und Joan Didion, mit Alice Munro, John Cheever, Dorothy Parker und Truman Capote in einem Atemzug genannt und zählt zu den Großen der amerikanischen Literatur. Das kommt natürlich alles ein bisschen plötzlich und sieht ganz danach aus, als wolle man an ihr etwas gut machen. Ob einer der genannten Autoren wirklich Einfluss auf ihr Schreiben hatte, lässt sich bezweifeln. Mit Ausnahme von Raymond Carver, den sie kannte und den sie schätzte und über den sie in einem Brief schrieb: »ich mag Raymond Carvers Geschichten – bevor er ausnüchterte & den Schluss seiner Texte versüßte – (& bevor dieses Miststück seine Geschichten zu short cuts aufmotzte – schrecklich, so etwas zu tun). Ich habe schon geschrieben wie er, bevor ich überhaupt etwas von ihm gelesen hatte. Er mochte auch meine Texte – wir hatten gute Gespräche. Erkannten einander sofort. Unser beider ›Stil‹ beruhte auf unserem (auf gewisse Weise ähnlichen) Hintergrund. Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemand an dich ran.«
Und in diesen wenigen Zeilen klingt an, was für Lucia Berlin wirklich zählte. Für sie war Schreiben ein Überlebenskampf, vielleicht sogar eine Art Therapie, und deshalb geht es in ihren Büchern um das wirklich Existentielle im Leben. Und sie hat ihr gesamtes Leben immer nur einen Text fortgeschrieben, eine große autobiographische Erzählung, die nicht immer eins zu eins mit ihrem tatsächlichen Leben übereinstimmen muss, aber sie wusste immer genau, worüber sie schrieb. Ihr eigenes Leben war der Steinbruch, aus dem sie große Literatur formte. Aber nach Hemingway war das sowieso die Voraussetzung für jede gute Literatur.
1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs geboren, kommt sie bereits in jungen Jahren viel herum. Rocky Mountains, Texas, Rio Grande, Chile, New Mexico. Die Familienverhältnisse als zerrüttet zu bezeichnen, ist noch eine Untertreibung. Wenn ihr Großvater betrunken war, versuchte sich Lucia zu verstecken, »weil er mich fangen und mit mir schaukeln würde. Er hatte das einmal im großen Schaukelstuhl getan, er drückte mich fest an sich, der Stuhl federte vom Boden ab, nur wenige Zentimeter neben dem glühend heißen Herd, und sein Teil stieß mir, stieß mir gegen den Hintern. Er sang: ›Alte Blechpfanne mit einem Loch im Boden.‹ Laut. Keuchend und grunzend. Mamie saß nur wenige Meter entfernt und las die Bibel, als ich schrie: ›Mamie! Hilf mir!‹ Onkel John tauchte auf, betrunken und staubig. Er riss mich von Großvater weg, packte den alten Mann am Kragen. Er sagte, das nächste Mal würde er ihn mit bloßen Händen umbringen. Dann schlug er Mamies Bibel zu.«
Onkel John – »Er sah gut aus, dunkel wie Großvater, mit nur einem blauen Augen, nachdem Großvater ihm das andere weggeschossen hatte. Sein Glasauge war grün« – landete in Los Angeles auf der Straße, »ein völlig hoffnungsloser Alki«. Davor hatte er sie ab und zu mal in seinem Lastwagen mitgenommen und auf einer der Fahrten einen Jungen angefahren. Lucia schreit, er solle anhalten, aber ihr Onkel fährt weiter. Jahre später weiß sie auch warum: »Denn mittlerweile war ich selbst eine Alkoholikerin.«
Ihr Vater kehrt aus dem Krieg zurück und die Familie zieht nach Chile, wo sie zu den besseren Kreisen gehört. Aber ihre Eltern trennen sich. Lucia bleibt bei der Mutter, die anfängt zu trinken. Kaum aus dem Haus, führt die Tochter das katastrophische Leben fort. Sie ist dreimal verheiratet, einmal mit einem Junkie, aber mit keinem hält sie es aus, sie zieht vier Kinder allein auf, wird nirgends seßhaft, wohnt in New York, Mexiko und Californien und schlägt sich als Krankenschwester, Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Telefonistin in einer Abtreibungsklinik durch, fängt wie ihre Mutter an zu trinken und landet in Obdachlosenunterkünften und Entzugskliniken. Aber irgendwann schafft sie es, sich aus dem sozialen und psychischen Elend freizustrampeln und wird Dozentin für kreatives Schreiben in Colorado.
In der Geschichte »Tigerbisse« beschreibt Lucia Berlin, wie sie zu Weihnachten nach Hause zu ihrer Familie fährt. Lucia graut davor, weil ihre Eltern wütend auf sie sind, weil sie mit siebzehn geheiratet und ihr Ehemann sie verlassen hat. Außerdem hat sie ein Baby und ein zweites ist gerade unterwegs. Ihren Job hat sie ebenfalls verloren. Auch nicht gerade etwas, das ihre Eltern toll finden werden. Eigentlich freut sie sich nur auf ein Wiedersehen mit ihrer Cousine Bella Lynn, die sie vom Bahnhof abholt und sie mit folgenden Worten begrüßt: »›Erst mal solltest du wissen, dass bei uns da draußen keinerlei Weihnachtsstimmung herrscht. … Deine Mama und meine Mama haben sofort angefangen zu trinken, und prompt gab es Streit. Mama ist aufs Garagendach geklettert und will nicht mehr runterkommen. Deine Mama hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.‹ ›O Gott.‹ ›Na ja, nicht so schlimm. Sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, in dem steht, dass du ihr Leben ruiniert hast. Unterschrieben mit Bloody Mary! Sie wurde für drei Tage in die Psychiatrische am Saint Joseph eingeliefert.‹«
Und das ist das Grandiose an den Geschichten von Lucia Berlin, dass ihre knappe, lakonische Prosa einen feinen, trockenen Humor ausstrahlt, der einen trotz der erschütternden Dinge, die sie beschreibt, zum Lachen reizt. Und sie kommentiert nicht, wie schlimm etwas gewesen ist, denn das tun in der Regel nur Autoren, die ihren eigenen Worten nicht trauen. Sie folgt dabei ihrem großen Vorbild Tschechow, über den sie schrieb: »Er lässt die Dinge offen. Er löst sie nicht auf: Jemand stirbt oder eine Liebe geht zu Ende, und nichts wird zusammengeschnürt, man bleibt einfach damit zurück, mit dieser Trauer oder Sorge oder um welches Gefühl es sich auch immer handelt.«
Ihre Geschichten sind wie gute Songs, die mit ihrer Lyric einen Nerv treffen und etwas zum Schwingen bringen. Ich glaube, Lucia Berlin hat versucht, mit dem Schreiben die Souveränität über ihr Leben zurückzugewinnen und sich die gleiche coole und gelassene Sicht auf die Welt anzueignen, die auch ihre Figuren haben. Und ich stelle mir vor, dass sie es geschafft hat, ohne Abstriche zu machen oder zu jemanden zu werden, der mit ihren früheren Leben nichts mehr zu tun haben wollte.

Lucia Berlin »Was ich sonst noch verpasst habe. Stories«, Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel, Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2016