Die Wahrheit über den 24. Spieltag

»Das fühlt sich an wie ein 8:0«, kommentierte Klopp das 4:4-Remis in Hannover. Er meinte eine 8:0-Niederlage. Ich will ja nicht spitzfindig sein, und mich schon gar nicht wie ein Realist anhören, aber ich glaube, die würde sich doch ein wenig anders anfühlen. Sollte man nicht vielmehr dankbar sein für dieses rasante Spiel mit soviel Toren, wie manche Vereine eine halbe Spielzeit brauchen, um sie zu erzielen? Und dann mit dieser Spannung, zweimal mit zwei Toren Vorsprung schon uneinholbar davongeeilt zu sein und dann doch noch im letzten Moment den Ausgleich zu kassieren? Davon lebt doch schließlich der Fußball, von Tragik, Tränen und tollem Auf und Ab. Oder hätte Dortmund wie Hertha mit einem Zufallstreffer – einem doppelten Abpraller vom Torhüter an den Zopfdödel Voronin und von dessen Brust ins Tor – und in einem ansonsten öden und nach viel Taktik riechendem Spiel gewinnen sollen? Sollte Hertha damit wirklich zum Meistertitel stolpern, es wäre der Hintertreppenwitz der Fußballgeschichte. Aber so wie Bayern Bochum vom Platz gefegt hat, ist der worst case in der Meisterschaft nicht zu befürchten. Auch diese Überlegenheit reicht an das grandiose Spiel der Dortmunder nicht im entferntesten heran. Nur Leute, die am Fußball nur das Ergebnis interessiert, werden an den Dortmundern herummäkeln, denn was, bitte schön, ist denn – außer für einen BVB-Fan selbstverständlich – daran so schlimm, wenn ein Spiel mit so vielen Toren, mit noch mehr Chancen, mit grandiosen Fehlern und einer ausgefeilten Dramaturgie schließlich so endet, daß weder der BVB noch 96 zufrieden sein kann? Leute, die ansonsten die Schönheit des Fußballs anbeten, rümpfen plötzlich die Nase, weil Dortmund von 21 möglichen Punkten in der Rückrunde nur fünf geholt hat und damit das Schlußlicht in der Liga ist. Dabei waren einige ausgesprochen attraktive Remis dabei, ganz abgesehen davon, daß Dortmund bislang nur vier Niederlagen einstecken mußte, weniger als alle anderen. Und welche Mannschaft kassiert innerhalb von 90 Minuten schon vier Tore nach Standardsituationen? Welcher Torhüter irrt so schön durch den Fünfmeterraum wie Weidenfeller und wer außer Weidenfeller läßt schon eine direkt verwandelte Ecke zu? Und bei welcher Mannschaft kommt zu dem Unvermögen auch noch Pech dazu, weil der Schiedsrichter auf eine Schwalbe reinfällt und Elfmeter gibt? Nein, keins der anderen Spiele konnte da im entferntesten mithalten. Am meisten vielleicht noch das Derby in Köln, wo die Gladbacher zu Gast waren, die man schon als sicherer Absteiger auf dem Zettel hatte, jetzt aber ganz vorne in der Rückrundentabelle stehen. 4:2 stand es am Ende für Meyer und gegen Daum. Und wie wurde Meyer niedergemacht, weil die ersten Spiele seiner Amtszeit daneben gingen! Da nützte es nichts, daß die Gladbacher teilweise überlegen spielten und eben nur Pech hatten. Jetzt haben sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Für Klopp wird das weit schwieriger werden, denn die Saison ist schon wieder mal gelaufen, steckengeblieben im Mittelfeld. Und da die Spannung aufrechtzuerhalten, das ist die große Kunst!