No more heroes. Hummels geht

Mats Hummels hat sich immer von den meisten anderen Bundesligaspielern, die die Sprechblasenschule der Vereine absolviert hatten (»Ja gut, vorne hätten wir mehr draufgehen müssen«), wohltuend unterschieden, weil er als einer der wenigen Fußballer unfallfrei Sätze in die Kamera sagen konnte. Hummels war also nicht nur eloquent und intelligent, er sah auch noch ziemlich gut aus, und dann spielte er auch noch elegant und intelligent, er beherrschte den öffnenden Pass mit Außenrist, er traumwandelte durch die Reihen der Gegner und selten hatte man das Gefühl, er könnte in einer kritischen Situation mal keine Lösung finden. Natürlich gab es auch Phasen, wo ihm spektakuläre Böcke unterliefen, eine Kopfballrückgabe zur Vorlage für den gegnerischen Stürmer geriet, aber davor sind selbst große Spieler nicht gefeit. Mit seiner Ausstrahlung kann er es bereits locker mit Beckenbauer oder Johan Cruyff aufnehmen. Jetzt hat er sich nach langer Überlegung entschieden, zu Bayern zu wechseln, und damit gibt er das Projekt BVB auf, für das er sich lange Zeit stark gemacht hat, als er die Abgänge von Sahin, Kagawa, Götze und Lewandowski missbilligte. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem die Dortmunder zwar nur Zweiter wurden, das aber mit einer Rekordpunkteausbeute, und in dem sie, sieht man vom Ausrutscher in Liverpool ab, einen besseren, erfolgreicheren Fußball spielen als unter Klopp. Wenn da eben nicht die Bayern wären, die eben noch ein bisschen besser sind. In Deutschland sind die Zeiten für eine Überraschung im Fußball, anders als in England mit Leicester City, sehr schlecht. Die Bayern dominieren die Liga und nur Dortmund kann ein bisschen mithalten. Mit dem Wechsel von Hummels wird diese Dominanz noch weiter zementiert, denn Hummels ist ein Spieler, der in jeder Mannschaft eine tragende Rolle spielen würde. Warum nicht Barcelona oder Madrid? Das wäre ja zu verstehen, denn man will ja auch nicht sein gesamtes Spielerleben in einer der traurigsten Städte Deutschlands verbringen. Niemand weiß zwar, warum die Bayern Hummels brauchen, denn sie haben bereits Boateng, aber einen Spieler wie Hummels lässt man eben nicht links liegen. Dass man damit den Konkurrenten Dortmund schwächt, war in diesem Fall gar nicht mal die Strategie der Bayern, ist aber umso besser. Dem Spiel der Dortmunder wird es an Überraschendem fehlen. Selbst Gündogans Weggang zu Manchester City wird nicht die Lücke reißen wie sie Hummels reißt, denn der Mittelfeldmann ist leichter zu ersetzen. Hummels wird im Gegensatz zu all den anderen Spielern, die ihr Glück in der Fremde gesucht haben, wie Sahin, Kagawa und jetzt wahrscheinlich auch Götze, nicht zurückkehren. Und das ist auch gut so, denn den Fans ist die Veränderung von Hummels nicht entgangen. Es ist fast so wie mit Sammer damals, der erfolgreich, aber unbeliebt war. In Nahaufnahmen sieht man immer häufiger sein von Ehrgeiz verzerrtes Gesicht, man sieht ihm den Ärger über die Fehler seiner Mitspieler an, und seine Äußerungen in der Öffentlichkeit sind glatt und nichtssagend wie die eines BWLers. Viele behaupten, das kommt von seiner »bescheuerten Frau«, die ein Synonym für peinlich ist, wie das eben bei den meisten Spielerfrauen so ist, die sich die Spieler aus den Modekatalogen heraussuchen. Das Sympathische, das Leichte, die unschuldig-naive Freude, der Glamour eines Paradiesvogels wie Aubameyang das alles ausstrahlt, ist bei Hummels verloren gegangen. Ich glaube, er passt zu Bayern, wo der Sieg auch mit unfairen Mitteln erzwungen und »Siegergen« genannt wird und sich im Triumphgeheul ausdrückt, obwohl es keine große Kunst ist, in einer Liga die Meisterschaft zu gewinnen, wenn man mit den besten Spielern Dortmunds die nötige Frischzellenkur dafür bekommt. Dortmund hingegen wird sich neu erfinden müssen, was um einiges spannender ist als mit bereits fertigen Stars für die Vorhersehbarkeit des Fußballs und damit auch für seine sinkende Attraktivität zu sorgen. Schade, dass kein echter Konkurrenzkampf mehr stattfindet, denn es wäre spannend zu wissen, was gewesen wäre, wenn die »goldene Generation« bei Dortmund geblieben wäre, die wahrscheinlich alles hätte erreichen können. Oder eben auch nicht, denn Fußball ist manchmal eben doch unvorhersehbar, wie man an dem Absturz Dortmunds auf dem letzten Platz in der letzten Saison sehen konnte, was, wie man heute weiß, an dem abgenutzten Konzept Klopps lag, der jedoch genau mit diesem Konzept die Dortmunder aus der Euro-League warf. Mit Geld und den entsprechenden Spielern allerdings lässt sich dieses Risiko minimieren. Das Deprimierende: Bayern wird auch die nächsten vier Jahre Meister und die besten Spieler werden auch weiterhin von Bayern angezogen wie Fliegen von einem Misthaufen.