Als dicker Fisch im Netz der Stasi. Rayk Wieland hat den definitiven DDR-Roman geschrieben

War die DDR ein Unrechtsstaat? Zwanzig Jahre danach ist um diese Gretchenfrage wieder eine ideologische Debatte entbrannt, weil man aus Jubiläumsgründen solche Fragen gerne noch einmal aufwärmt. Es gibt aber auch einen anderen Blick auf die DDR, der weder verklärend und sentimental sein muß noch rechthaberisch darauf verweisend, wie schrecklich sie gewesen war. Der in der DDR aufgewachsene Autor und Filmemacher Rayk Wieland hat jetzt einen kleinen, sehr lustigen Roman über seine Jugendjahre vorgelegt, in der er das Absurde des Sozialistischen Einheitsstaates – ein Monstrum der reinen Idiotie – bloßstellt, der an seinen eigenen Behörden und Ämtern erstickt ist, die alles in der Gesellschaft blockierten.

»Ich schlage vor, dass wir uns küssen« heißt der Roman, und wenn jemand wissen will, wie es in der DDR wirklich zuging, der kommt um dieses Buch nicht herum, denn auf 200 Seiten öffnet Rayk Wieland für uns das Biotop der muffigen und nach Braunkohle riechenden DDR auf so elegante und witzige Weise, daß man auf das epische Ausbreiten des fünfmal so umfangreichen Tellkampschen Turms verzichten kann und dadurch jede Menge Zeit spart.

Als 16jähriger Pubertierender gerät der Protagonist W. durch eine Liebschaft mit einer Westlerin aus München ins Visier der Stasi, die seine Liebeskorrespondenz aufmerksam beäugt und auf staatsfeindliche Hinweise durchleuchtet. Und das ist weniger schrecklich als vielmehr ziemlich komisch, denn die entflammte Lyrik des Protagonisten W., der von einem Umzug nach München zu seinem Mädchen träumt, wird für den zuständigen Oberleutnant Schnatz zu einer Fundgrube mit »objektiven Verstößen«, »feindl. neg. Inhalten«, »Verschleierung d. Verbind.« und »konkreten Republikflucht-Vorh.«, und das hat ja auch was, wenn den eigenen harmlosen Gedichten plötzlich eine staatsfeindliche Bedeutung beigemessen wird, von der die Linke im Westen nur träumen konnte. W. wird vom Stasimann im schönsten Behörden-Kauderwelsch eine Beurteilung verpaßt, der selbst gewisse lyrische Qualitäten nicht abgesprochen werden können: »Festst. ideolog. Beeinfl. Erkennen und beseitigen begünst. Beding. u. Umst. für feindl. neg. Wirken des W. Aufklären u. Bearb. d. Charakt. v. Liebesbez. zu Freundn. Im NSA.«

W., der nach der Wiedervereinigung besseres zu tun hatte als sein Leben in den Stasiakten noch einmal Revue passieren zu lassen, wird auf seine Vergangenheit gestoßen, weil er eine Einladung vom »Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands« erhält. Was W. zunächst für einen schlechten Scherz hält wird zu einer Zeitreise zurück in die DDR, als der angehende Philosophie-Student als vorbereitende Tätigkeit in einem Riesenwerk monatelang an irgendwelchen Eisenstücken feilte, als er sich mit dubiosen Gestalten herumtrieb, mit dem »Ostzonen-Al-Capone«, der als Toilettenpächter das große Los gezogen hatte, ein »unfaßbares Paradies und Dauerzuckerschlecken«, denn so ein Kloposten war äußerst lukrativ. Das Problem war nur, was sollte man mit dem ganzen Geld anfangen, »das sich partout nicht ausgeben ließ«? Wie verjubeln, wenn die Miete nur 21,37 Mark kostete, Essen und Trinken kaum ein Loch im Budget hinterließen, Luxusgüter sowieso nicht zur Verfügung standen und Reisen in ferne Länder auch nicht drin waren? »Was blieb, war Zeit, viel Zeit, angefüllt mit nichts. Und mit Zeittotschlagen.« Heute ein Luxusartikel hatte man davon in der DDR jede Menge, und man verplemperte sie großzügig, indem man herumstand und wartete und dabei rauchte und trank. Die DDR hatte also auch ihre guten Seiten, denn letztlich, so Rayk Wieland, handelte es sich um einen »Sozialismus für Alkoholiker«.

Und auch mit dem Vorurteil, daß in der DDR die Leute unterdrückt und ausspioniert wurden, räumt der Autor auf, denn die Leute selbst nahmen aktiv daran teil. Die Kontrolle in der Gesellschaft, angefangen vom Arbeitskollektiv, den Brigaden und Parteigruppen bis in den Alltag hinein, war so umfassend, daß es eigentlich kaum ins Gewicht fiel, »daß die Stasi auch noch herumkontrollierte«. Das macht sie deshalb noch nicht nett und liebenswert, aber Wieland lenkt die Aufmerksamkeit auf eine vernachlässigte Seite der Stasi, nämlich auf ihre Lächerlichkeit, auf die absurde Existenz, die dazu führte, daß sie in den liebestaumeligen W. einen dicken Fisch vermutet. Aus diesen grotesken Zutaten hat Rayk Wieland einen wunderbar lustigen Roman gemacht, den man gierig verschlingt und über den man vollkommen vergißt, daß die DDR einen schon lange nicht mehr interessiert. Rayk Wieland hat es geschafft, aus dem öden und ranzigen Gebilde noch einmal Funken zu schlagen.

Rayk Wieland »Ich schlage vor, dass wir uns küssen«, Kunstmann, München 2009, 206 Seiten, gebunden