Eine Reise in das Herz des Feindes

Die hocharabische Sprache neigt zur blumigen Ausdrucksweise, die – durch die Eitelkeit des Autors entsprechend in Szene gesetzt – manchmal bis zur Peinlichkeit selbstreferentiell und aufgeblasen wirkt. Der irakische Schriftsteller Najem Wali macht da keine Ausnahme. Natürlich gibt es auch westliche Autoren, die gerne Bedeutung simulieren, schließlich weiß jeder, daß Bescheidenheit im Gewerbe nicht als Tugend, sondern als Dummheit ausgelegt wird. Aber in der Regel mäßigen sich zumindest die etwas schlaueren Autoren, denn der Leser ist eher mit Zurückhaltung zu beeindrucken als durch Wichtigtun.

Najem Wali ist dieser kleine Unterschied unbekannt. Ausführlich zitiert er eine Mail von einem »Professor Baram«, in der er sich als »Heilsbringer der Hoffnung und Liebe« umschmeicheln lässt. Wäre das alles, könnte man das Buch »Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel« getrost entsorgen. Aber wenn man diese Anwandlungen überfliegt, stellt sich ein nicht zu unterschätzender Gewinn bei der Lektüre ein.

Der 1956 in Basra geborene und nach Ausbruch des Iran-Irak-Krieges 1980 nach Deutschland geflüchtete Najem Wali hat sich auf eine Reise durch Israel und in die Grenzregionen begeben, in denen zahllose Glaubensgemeinschaften, Milizen, Parteien, Religionen, Bewegungen und Flüchtlinge aufeinandertreffen. In diesem Gemisch beurteilt Najem Wali eine Demokratie danach, ob die Minderheitenrechte garantiert sind, denn nur durch die Vermischung verschiedener Kulturen kann Offenheit und ein neuer Horizont entstehen. In Israel kommt durch die ständige Gefährdung seiner Existenz dieses Prinzip nicht immer und optimal zur Geltung, aber es gibt viele wunderbare Ansätze, wie zum Beispiel Haifa, der ersten Station auf der Reise von Najem Wali.

Dort setzt sich der Bürgermeister Yona Yahav für das »Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit gegenseitiger Rücksichtnahme« ein, das in dem Slogan »Haifa fährt anders« zum Ausdruck kommt. Die Stadtverwaltung fördert Mischehen und Zweisprachigkeit und achtet darauf, dass auch in den eleganten Vierteln Araber und Juden in unmittelbarer Nachbarschaft wohnen. Ausgerechnet hier sprengte sich eine Selbstmordattentäterin auf einer Hochzeitsgesellschaft in die Luft, ohne auf die anwesenden Araber zu achten, die durch ihre friedliche Koexistenz automatisch zu Verrätern an der heiligen Sache wurden.

Die Araber, die nach dem Krieg 1948 in Israel geblieben sind und inzwischen die israelische Staatsbürgerschaft angenommen haben, sind aufgrund solchen Fanatismus über den Verlust ihrer palästinensischen Nationalität nicht sehr betrübt. In Israel nämlich können sie trotz des Rechtsrucks bei den letzten Wahlen offen die Regierung kritisieren, in Gaza unter der Herrschaft der Hamas wäre das unmöglich.

Und auch die Geschichte von Abu Gosh, einer Kleinstadt, die dreizehn Kilometer westlich von Jerusalem liegt, ist ungewöhnlich. Im Krieg von 1948 schlugen sich die arabischen Einwohner auf die jüdische Seite und widerstanden der Belagerung der palästinensischen Izzaddin-al-Qassam-Brigaden auf den umliegenden Bergen. Im Unterschied zu der palästinensischen Bevölkerung in anderen Dörfern wurde in Abu Gosh niemand vertrieben. Die Araber in Abu Gosh handelten so, weil sie weiter mit den Juden zusammenleben wollten und weil es wirtschaftlich für sie Vorteile hatte, mit der Folge, dass dort der »arabische Suq« sich zum Handelszentrum für die Juden in der Region entwickelte.

Man mag bezweifeln, ob diese und andere kleine Beispiele repräsentativ sind, aber bei den arabischen Nachbarstaaten wird man solche Versuche der Integration anderer Religionen und Völker vergeblich suchen. Seit Jahrhunderte ansässige Juden werden vertrieben und drangsaliert, wie Najem Wali am Beispiel Iraks eindrucksvoll beschreibt, wo einmal 150000 Juden für ein reges kulturelles Leben sorgten. Aber als zahlreiche Juden getötet wurden und ihre Geschäfte geplündert wurden, entschlossen sich viele, das von der irakischen Regierung 1951 erlassene Gesetz zur Aufgabe der Staatsbürgerschaft und zur »freiwilligen« Ausreise anzunehmen. Integrationswillige Juden hatten im Unterschied zu den Palästinensern von 48, die damals die israelische Staatsbürger annehmen konnten, in der Regel keine Chance, in einem arabischen Land ohne Gefahr für sich und ihre Familien zu leben. Das lässt der Totalitätsanspruch der Islamisten nicht zu.

Und dann gibt es noch den historischen Rechtsanspruch, an dem auch die Religionen kranken, die so unsinnige Dinge vorschreiben, wie zum Beispiel keine schuppenlose Flussfische oder kein Kaninchenfleisch zu essen. Das könnten die Religiösen ja auch ruhig tun, aber leider belassen sie es nicht dabei. Immer wieder verweisen sie auf irgendein Papier oder irgendein Symbol, das angeblich unwiderlegbar »das historische Recht einer Religion und ihren Anspruch auf diesen Ort« beweist.

Vielleicht vernachlässigt Najem Wali in seinen Exkursionen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte, aber seine weit in die Vergangenheit schweifenden Geschichten über religiösen und politischen Fanatismus haben eine eindeutige Botschaft: der Frieden im Nahen Osten scheitert vor allem an den arabischen Fundamentalisten, die kein Miteinander wollen, sondern glauben, jeder müsste nach ihrer Façon glücklich werden. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber der Zugang zu ihr durch Walis epische Erzählungen ist ein anderer, denn seine Sicht ist nicht ideologisch getrübt, sondern er ordnet alles der entscheidenden Frage unter: Wo haben die Menschen trotz aller Vertreibung die Möglichkeit, normal miteinander zu leben.

Najem Wali, »Reise in das Herz des Feindes. Ein Iraker in Israel«, München 2009.