Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Mitten in der von Geld und Ölscheichs überfluteten Premier League geschieht ein Fußballwunder: Der als erster Abstiegskandidat gehandelte Leicester City scheint unaufhaltsam auf den Titel zuzumarschieren. Gegen Norwich siegten sie durch ein Tor in der 95. Minute und werden am schärfsten von Tottenham verfolgt, dem nächsten Gegner des BVB in der Euroleague. Und Tottenham hätte man auch nicht unbedingt auf Platz zwei vermutet, denn seit Jahren rangeln die üblichen Verdächtigen um Platz 1, d.h. Arsenal, ManU, ManCity, Liverpool (nicht immer) und der FC Chelsea, der im Mittelfeld herumtümpelt trotz Abramowitsch und seiner Millionen, die er in sein Spielzeug investiert. Das Phänomen Leicester kann niemand erklären, denn alle Zeichen deuteten auf einen Abstieg hin. Der Trainer, der den Kader zusammengestellt und u.a. den von Schalke aus Altersgründen aussortierten Christian Fuchs verpflichtet hatte, wurde entlassen. Es kam Claudio Ranieri, der als Trainer der griechischen Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation gerade 1:0 gegen die Faröer Inseln verloren hatte und auch sonst schon verdächtig häufig gefeuert wurde. Die Mannschaft besteht fast nur aus Fußball-Legionären, die sich wie der deutsche Robert Huth auf dem absteigenden Ast befanden, und die Tore schießt ein gewisser Jamie Vardy, der in einer Zeit, in der andere ihren Durchbruch schaffen, noch siebtklassig war und erst seit 2012 mit Leicester um den Abstieg spielte. Auf die Ernährung, der in der englischen Liga große Bedeutung beigemessen wird, achtet hier niemand, und das einzige Konzept Ranieris besteht darin, den Spielern zu sagen, dass das ihre große Chance ist, die nie wieder kommen wird. Ein bisschen ist das wie beim sensationellen EM-Sieg Dänemarks 1992, als Dänemark zunächst gar nicht qualifiziert war und ohne Vorbereitung teilnehmen konnte, weil in Jugoslawien gerade Bürgerkrieg herrschte. Oder wie die letzte Meisterschaft Kaiserslauterns 1998, als gleich nach dem Aufstieg in die 1. Liga der Titel geholt wurde. Ein bisschen wäre das so, wie wenn Ingolstadt oder Darmstadt auf die Schale zusteuern würde. Lustig wäre es, aber schön bestimmt nicht, denn nach dem 1:1 der Ingolstädter in Hamburg beschrieb Drmic den Gegner als einen »Horror für die Bundesliga«, denn was die spielen würden, sei »gar kein Fußball. Mir tat jeder leid, der das sehen musste.« Der Gegner sei nur darauf aus, den Spielfluss zu zerstören, Fouls zu begehen und beim Schiedsrichter zu reklamieren. Dass diese Beschwerde allerdings vom HSV kommt, dem selbst der Ruf einer Kloppertruppe vorauseilt, ist die Ironie der Geschichte. Und auch Darmstadt krallt sich mit allen Mitteln in der ersten Liga fest und schaffte bei Werder ein 2:2, das sich für sie allerdings anfühlte wie eine Niederlage, weil Pizarro erst in der 89. Minute den Ausgleich erzielte. Werder hingegen rutscht immer tiefer in den Abstiegsstrudel, weil Hoffenheim und Hannover immer näher kommen. 96 jedenfalls setzte ein Ausrufezeichen und siegte in einem spannenden Spiel mit vielen verpassten Gelegenheiten 2:1 in Stuttgart, die zuletzt von Sieg zu Sieg eilten. Hertha gewinnt mal zur Abwechslung wieder, diesmal 1:0 in Köln, allerdings mit Hilfe des Schiedsrichters, der ein Handspiel von Per Skjelbred übersah und damit den allerdings schwachen Kölnern die Chance verwehrte, den Ausgleich zu erzielen. Und Götze gewöhnt sich langsam an ein Leben auf der Bank.