Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Hoffnung hatte ich mir vorher keine gemacht. Die Stuttgarter schwimmen mit ihrem immer leicht nach »Hä?« aussehenden Trainer Babbel auf einer wenig nachvollziehbaren Erfolgswelle, und die Dortmunder sind die letzten, die eine solche zu brechen in der Lage sind. Still und in mich gekehrt kauerte ich also in der Milchbar, einer kleinen Hölle der Depression und Skepsis. Nicht umsonst befindet sich dort die Hochburg der BVB-Fans, denn wie einer anmerkte, als Bayern-Fan würde er nicht zurechtkommen, denn mit dieser Leidensbereitschaft kann man nicht Anhänger eines erfolgreichen Vereins sein. Höchstens in der Rückrunde hätte es sich auch als Bayern-Fan mit der psychischen Disposition eines BVBlers aushalten lassen, denn da hatte Bayern auch nicht viel mehr Punkte als Dortmund sammeln können. Das hat sich nun geändert. Dennoch nahm ich erstaunt zur Kenntnis, daß die Dortmunder gegen den VfB die aktiveren waren, und zwar nicht nur in dem Sinne, wie es früher in der Werbung hieß: »Nimm eine Aktive!«, denn Eleganz war bei den Dortmundern nicht zu entdecken. Bei den Stuttgartern allerdings auch nicht. Angeblich lag es am Rasen. Das konnte ich nicht verifizieren. Ich weiß aber, daß es bei Kringe bestimmt nicht am Rasen liegt. Der müßte ihm bei seiner Spielweise als Fußballmalocher eher entgegenkommen. Und das wissen alle in der Milchbar. Kringe war es dann auch, der unbedrängt den Ball auf seinen Kopf kriegte, ohne daß er imstande gewesen wäre, das Leder irgendwie zwischen die Pfosten zu lenken. Wie man das richtig macht, kann er sich bei den Bayern angucken, die fast jeden in den Strafraum segelnden Ball versenkten. Gott sei dank wurde der Mann mit der ausgewachsenen Krise zur Pause ausgewechselt, aber da war es schon zu spät. Und leider muß man konzedieren, daß Gomez den Unterschied ausmachte, denn in diesem zwar schnellen, aber von einer hohen Fehlpaßquote geprägten Spiel behielt er im entscheidenden Moment die Übersicht, während sein Gegenspieler Subotic sich sowieso einen ziemlich gebrauchten Tag hatte andrehen lassen. Wenigstens spielte Dede nach langer Zeit wieder mit und bewies auch gleich seine Qualitäten als Gummimännchen, der in jeder Lage den Ball aus der Gefahrenzone und nach vorne mehr zustande bringt als sein Gegenüber Lee. Hoffenheim befindet sich mit dem 2. torlosen Remis in Folge zur Zeit auf den Spuren von Arsenal London, die das viermal hintereinander geschafft haben. Gegen Bremen traf der von der Weser ausgeliehene Sanogo gleich dreimal den Pfosten. Dieses Kunststück muß ihm erstmal jemand nachmachen. Vielleicht hätte jemand für ihn die Tore breiter machen sollen, merkte Rangnik mit ungewolltem Sarkasmus an. Der HSV verlängert seinen Abwärtstrend, während Gladbach gegen den um die Schale mitspielenden HSV mit einem spektakulären 4:1 aus den guten Leistungen der letzten Wochen endlich mal Kapital schlägt. Auf Schalke kriselt es, weil es nur ein maues 1:0 gegen Köln gab, Wolfsburg schleicht sich still und leise in die Vierer-Bande, die alle mit 42 Punkten den Spitzenreiter verfolgen, und der heißt lustigerweise Hertha BSE, ein Verein, der so völlig ohne Charisma und Charme ist, daß der Titel nicht länger ausgeschlossen werden kann. Aber nein, das wäre wirklich lächerlich. Nur wenn Hertha in der folgenden Saison abstiege, könnte ich mich unter Umständen damit anfreunden. Aber wer gibt einem darauf schon eine Garantie?