Nachruf auf Marc Dachy

Von seinem Tod erfuhr ich erst sehr spät. Fast vier Monate seit dem 8. Oktober 2015, dem Tag seines Todes, waren vergangen, als ich davon erfuhr. Auf einem kleinen fotografierten Handzettel, den ich im Internet fand, war zu lesen: »Marc Dachy est Mort. Apostolidès est Vivant… C‘est un double malheur pour la pensée honnête.« Apostolidès ist der Autor der neuen, mittlerweilen vierten umfangreichen Biografie Guy Debords »Debord Le Naufrageur« (2015), und sie wurde von Gianfranco Sanguinetti, der zusammen mit Debord die Auflösungsschrift der SI verfasst hatte, verrissen. Marc Dachy genoss im schon lange totgesagten, aber immer noch existierenden postsituationistischen Milieu offenbar großes Ansehen. Vielleicht deshalb, weil er ihm nicht angehörte. Er war der Spezialist in Sachen Dada, das »lebende dadaistische Lexikon«, wie Le Monde schrieb. Er gab mit »Lunapark« ein Periodikum zur Kunst des 20. Jahrhunderts heraus und veröffentlichte z.B. unbekannte Briefe von Arthur Cravan. Selbst in Deutschland konnte ihm niemand auf diesem Gebiet das Wasser reichen, obwohl er nicht mal deutsch konnte. Sein Standardwerk »Dada & les dadaïsmes« erschien bei Gallimard. Schon in den Siebzigern entdeckte er Clément Pansaers, einen lange Zeit vergessenen Dadaisten aus Belgien, dessen Stern im Frühjahr 1921 am Pariser Dadaistenhimmel aufging und schon Ende 1922 in einem Krankenhaus verglühte. Nachdem Dachy dessen Schriften und Gedichte in der Editions Gérard Lebovici herausgegeben hatte, dem Hausverlag Guy Debords, lernte ich ihn kennen, weil ich die Schriften Clément Pansaers auf deutsch herausbringen wollte. Es entstand ein aufwendig gemachtes Buch mit dem Titel »Vive Dada!«, das kaum jemanden interessierte, mir aber die Freundschaft zu einem außergewöhnlichen Menschen bescherte, der sein Leben nie sparsam dosierte, sondern dessen Leidenschaft für die revolutionäre dadaistische Kunst immer brannte, der großzügig war, auch wenn er kein Geld hatte, der verschwenderisch war auf die Gefahr hin, sich zu ruinieren. Damals lud er mich in ein exquisites Restaurant in Paris ein und tat so, als wäre er dort zu Hause, was er vermutlich sogar war, während ich mich wie ein Fremdkörper fühlte, und erst später erfuhr, dass er am linken Ufer in einem winzigen Zimmer hauste. Als die Mauer fiel, besuchte er mich in Berlin, um sich den historischen Moment aus der Nähe anzusehen. Über was wir redeten, weiß ich leider nicht mehr, vielleicht weil wir uns mühsam auf Englisch unterhalten mussten, aber der Strampelanzug, mit dem er sich ins Bett legte, amüsierte mich über die Maßen. Der Kontakt zu ihm blieb, wenngleich nur sporadisch. Ab und zu besuchte ich ihn, wenn ich in Paris war, das letzte Mal im »Deux Magot« und ich war wie immer beeindruckt von seinen Geschichten, denn er kannte in Paris wirklich alle, das gesamte intellektuelle Leben, er war eine Plaudertasche, die nichts lieber tat, als den neuesten Klatsch zu erzählen, den schließlich jeder am liebsten hört. Wir trafen uns zur blauen Stunde, zum Aperitif, zu dem gesalzenes Gebäck gereicht wurde, das er in einer Geschwindigkeit vertilgte, als hätte er seit Wochen nichts mehr gegessen. Dem Martini bianco erging es nicht besser. Ich erfuhr, dass er inzwischen ein Kind bekommen hatte, und ich stellte mir das Chaos in seinem Leben vor. Schließlich wurde im ersten Stock des Deux Magot, wo wir uns aufhielten, ein Büchertisch für eine offenbar bevorstehende Lesung aufgebaut, und Marc Dachy machte sich einen Spaß daraus, ein Buch zu klauen und mit seinem Namen zu signieren, bevor er dabei ertappt wurde und es wieder abgeben musste, auch wenn er es vermutlich gar nicht behalten wollte. Es war nur die Geste, auf die es ihm ankam. Die Geste eines exzentrischen Chaoten, der Verwirrung stiften wollte, so wie es die Dadaisten gemacht hatten, der die den Menschen eigenen gewohnten Verhaltensweisen unterbrechen, sie aus ihrem gewohnten Trott bringen wollte. Wieder einer, der der Welt fehlen wird und der sein Wissen mit ins Grab nimmt, so dass sich in der Welt eine weitere Leerstelle des Vergessens breitmachen wird, die sich nie wieder schließen wird.