Unterwegs in Parallelwelten. Marion Braschs “Wunderlich fährt nach Norden”

Romananfänge sind ungemein wichtig, weil sie darüber entscheiden, ob der Leser bei der Stange bleibt oder nicht. Im Haffmans Verlag ist sogar einmal ein ganzes Buch mit Romananfängen herausgekommen. Jedenfalls empfiehlt es sich, nicht unbedingt gleich im ersten Satz vier Relativsätze ineinander zu verschachteln, denn das ist kein Stilmittel, sondern einfach nur vergurkt, auch wenn der Autor Martin Walser heißt. Aber zum Glück ist diese Art von verquollener und gestelzter Literatur am Aussterben. Wenn also ein Roman mit den Sätzen beginnt – »Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte. Er kannte zwar nicht viele Menschen, doch was spielte das für eine Rolle, wenn das Unglück größer ist als man selbst. Wobei das eigentlich nicht stimmte, denn Wunderlichs Unglück war etwa einen Kopf kleiner als er und hieß Marie.« –, dann ist das hinreißend und wer nicht sofort dabei und drin ist, dem ist nicht beizukommen, jedenfalls nicht mit literarischem Geschmack. Die Sätze stammen von Marion Brasch, der kleinen Schwester der Brasch-Brüder, und sie sind aus ihrem neuen Roman »Wunderlich fährt nach Norden«.
Genaugenommen gehört der Roman in die Abteilung phantastische Literatur, denn in ihm passieren Dinge, die sich nicht erklären lassen, phantastische Dinge eben, die die Logik der Welt aushebeln. Da mischt sich z.B. das Handy mit Nachrichten eines Alles- und Besserwissers in das Leben des Protagonisten ein, gibt ihm wie ein guter Freund sinnlose Tipps, meldet sich vorlaut und ungefragt zu Wort und schweigt, wenn Wunderlich wirklich mal was wissen will. Wunderlich ist ein Mann ohne Eigenschaften und ohne Ausstrahlung, ein Verlorener in der Welt der Effektivität und des Vorankommens. Ausgerechnet dieser Wunderlich, den Marion Brasch mit großer Sympathie und Wärme zeichnet, gerät in den Kuddelmuddel dieser absurden, dieser wunderlichen Welt.
Auf der Zugreise, die Wunderlich antritt, um Abstand vom Unglück seiner Liebe zu kriegen, wird er wegen eines abgelaufenen Ausweises an einer Station ausgesetzt, in der schon lange keine ICE-Zügen mehr angehalten haben. Erst im Laufe der Lektüre stellt sich heraus, dass er eine Mauer durchbrochen zu haben scheint und in einer Art Parallelwelt gelandet ist, in der ein in der Nacht schimmerndes Blauharz Wunden heilt und partiell Erinnerungen löscht. Er trifft einen Alkoholiker, der in einem verfallenen Haus wohnt, plötzlich verschwindet und auf dessen Suche er sich begibt. Es beginnt eine zarte Romanze mit einer Frau aus einem Wohnwagen mit einem dunklen Geheimnis. Ein kleines Universum, kaum zu unterscheiden von der wirklichen Welt, hat sich da in einem verstaubten Winkel der Geschichte niedergelassen, vergessen und abgenabelt von der anderen Welt, aus der Wunderlich gekommen ist. Ein bisschen sieht diese Parallelwelt wie die DDR auf dem Lande aus, abseits der Paraden und Erfolgsparolen, also dort, wo Menschen, die nicht ins System passten oder vielleicht auch nicht passen wollten, ihre Nischenexistenz gefunden haben und ein Leben lebten, in dem sie nicht belästigt wurden. Wunderlich ist fasziniert von dieser Szene, aber er will auch nicht seinen Plan aufgeben, zum Meer zu reisen. Das hat er sich vorgenommen. Mit einer Draisine, einem alten Fortbewegungsmittel auf Schienen, das Buster Keaton in einem Film verewigte und das wieder in »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« wieder auftauchte, kehrt er in die wirkliche Welt zurück. Die ist ihm jedoch fremd geworden. Er will wieder in das verlassene Paradies zurück. Aber es hat sich aufgelöst. Das Dorf existiert noch, aber die Menschen existieren nicht mehr. Und auch das Handy spricht nicht mehr oder nur noch selten.
Das hört sich vielleicht etwas nostalgisch an, und vermutlich ist der Roman das auch. Vorausgesetzt ich liege mit der Interpretation nicht völlig daneben. Aber gegen ein bisschen Nostalgie ist ja auch nichts einzuwenden, jedenfalls wenn sie in einem Roman vorkommt. Vor allem aber ist der Roman leicht und unbeschwert. Ein Sommermärchen, in das man versinkt und dabei von einem unaufdringlichen feinen Humor weggespült wird. Und das alles passt wunderbar zusammen. Und mehr kann man von einem Buch nicht verlangen. Ein Roman, der es sofort in meine Top-Ten geschafft hat. Und zwar auf einen der vorderen Plätze.

Marion Brasch, »Wunderlich fährt nach Norden«, Roman, S. Fischer, gebunden, 286 Seiten, 19.99 Euro