Buchmessenreport 3. Tag

Niemand kannte den neuen Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano, jedenfalls niemand, den ich fragte, und ich auch nicht. Aber das will nicht viel heißen. Aber dann traf ich den weltberühmtesten und bekanntesten deutschen Kolumnisten Hans Zippert auf dem Titanic-Fest, der mir erzählte, dass er alles von Patrick Modiano gelesen habe und auch alle Platten von ihm besitze, d.h. genau eine, für die Modiano die Texte geschrieben habe. Er verehre Patrick Modiano und könne die Entscheidung der Jury nur begrüßen, aber gerade weil er ihn so toll finde, könnte er nie über ihn schreiben, weil er dann vermutlich nur so etwas zustande brächte wie, dass er ihn ganz toll fände. Also muss ich andere Quellen anzapfen, und welche Quellen eignen sich besser als die Qualitätszeitung FAZ. Dort ehrte Nils Minkmar den Geehrten: „Das Individuum ist bei Modiano kein opaker Monolith, der sich gegen die Zeiten behauptet, sondern eine fragile und durchlässige Membran um einen Komplex diverser Fragmente.“ Das leuchtete mir sofort ein, vor allem die durchlässige Membran. Aber der Satz hat auch den Vorteil, dass man lange darauf herumkauen kann. Und darum geht es ja auch schließlich im Kulturjournalismus. Auf dem Hanser-Fest, auf dem man den Preis hätte feiern können, weil die Bücher bei Hanser erschienen sind, und es vielleicht sogar tat, was ich aber nicht mitbekommen habe, stimmte eine Kulturbeauftragte ein hohes Lied auf den Kulturbetrieb und die Kunst des Feuilletons an, die im Unterschied zu Ländern in Afrika hoch entwickelt seien. Da hatte die Frau natürlich recht, und ich fand es eine ausgezeichnete Idee, Afrika als Maßstab zu nehmen, wobei es natürlich bedenklich stimmt, dass die Messlatte so niedrig gehängt wird, als ob man nicht wirklich Zutrauen zum Kulturbetrieb hätte. Toll jedenfalls ist, dass mit Patrick Modiano ein Schriftsteller ausgezeichnet wird, der sich dem Kulturbetrieb weitgehend entzog, weil er schüchtern war und stotterte. Und an ihm kann man außerdem sehen, dass man es auch als Kind eines Juden, der in Paris Geschäfte mit der Gestapo machte, und einer Mutter, die als flämische Tänzerin eine „nicht sehr empfehlenswerte Person“ gewesen sei, zu etwas bringen kann.
Wenigstens hat Paulo Coelho den Literaturnobelpreis nicht bekommen. Der brasilianische Bestsellerautor verkauft „165 Millionen Bücher in achtzig Sprachen und 170 Ländern“, d.h. im Schnitt eine Million pro Land. 180 Länder sind übrigens nach einem komplizierten Demokratieindex erfasst. D.h. nur in zehn Ländern weiß man nicht wer Paulo Coelho ist. Höchstwahrscheinlich in den Ländern, die ganz unten auf der Liste auftauchen mit dem niedrigsten Demokratieindex, nämlich Nordkorea und Eritrea. Und das zeigt, dass auch solche Länder ihre Vorteile haben. Vielleicht kleine, aber doch sehr charmante.