Buchmessenreport 2. Tag

Ich dachte schon, die finnische Literatur sei daran schuld, dass in den Hallen so wenig Gedränge herrscht, vielleicht sogar ein Hauch von Depression, aber das stimmte gar nicht. Es war das Verdienst der Gewerkschaft der Lokomotivführer, die ja sonst nur nachts streiken, wenn es niemand merkt. Aber diesmal hat sie den Lärmpegel erheblich gesenkt und man konnte sich schön in seiner Koje aufhalten, ohne allzusehr gestört zu werden. Denn es gibt nicht mal mehr die Messeausgabe der FAZ, die die Verleger mit den neuesten Klatschgeschichten versorgt hat. Sparmaßnahmen. Nachdem man 200 Leute entlassen wird, wäre eine Messe-FAZ in gewisser Weise sogar frivol gewesen, denn sie kostete dem Verlag eine gehörige Stange Geld, 9000 Euro allein dafür, sie überhaupt verteilen zu dürfen, wobei das noch einer der kleineren Posten gewesen sein dürfte, und der Werbeeffekt dürfte sich ebenfalls in Grenzen gehalten haben. Mit mir haben sie jedenfalls keinen neuen Leser gewonnen, weil ich sie sowieso jeden morgen in meinem Café lese. Schade ist es trotzdem, denn es zeigt, dass der Qualitätsjournalismus immer mehr auf der Strecke bleibt und in absehbarer Zeit sein Leben aushauchen wird. Man wird dann keine aufschlussreichen Besprechungen von Nils Minkmar über so wichtige Autoren wie Katja Kessler mehr lesen können, die ihre Abenteuer mit ihrem „Schatzi“ Kai Diekmann im Silicon Valley in einem Buch niedergeschrieben hat, und in dem es um „die Komplexität des Alltags, die Wagnisse moderner Familien und die Lage einer Generation (geht), die ihre Lebensführung ganz neu erfinden muss, ohne die Modelle der Vorfahren und jene das Selbst stabilisierende Praxis, die Michel Foucault in der ‚Sorge um sich’ beschrieb.“ Das wird Katja Kessler umgehauen haben, aber vermutlich musste sie Foucault erst googeln.
Die Europäische Union hat einen Literaturpreis verliehen, und zwar an gleich dreizehn Autoren, die niemand kennt. Die dreizehn Autoren wiederum kannten den Preis nicht, aber er machte sie um 5000 Euro reicher, weshalb es selbstverständlich keinen Grund gab, sich zu beschweren. Die Moderatorin Janne Teller (siehe juwe von gestern) hatte Probleme, die Namen richtig auszusprechen, und welche Bücher prämiert wurden, wusste sie wahrscheinlich auch nicht, aber wer will die Bücher schon lesen, die in der Welt der künstlichen Alimentierung von Autoren geschrieben werden.
Auf einem Bildschirm wird Helmut Kohl angekündigt. Eine Stunde vorher stehen bereits zehn Kameras bereit und der Tontechniker machte „Check, Check“ ins Mikrophon. Ich wusste gar nicht, dass Kohl noch sprechen kann. Das vom Kameraauflauf angelockte Publikum glaubt nicht, dass Kohl kommen wird. Eine Frau sagt, dass sie nicht der Sohn von Kohl gewesen sein wollte. Und ich will nicht eine Stunde auf Kohl warten und gehe weiter um die Ecke zur „Jungen Freiheit“. Da niemand mit denen zusammen in der Schmuddelecke der Halle 5.1 stehen will hat die Messeleitung einer antirassistischen Vereinigung einen 96 qm großen Stand spendiert. Dort hängen Klopp, Subotic und mein Lieblingsspieler Otto Addo auf Postkarten und werben für eine antirassistische Welt. Schalker hab ich keine gewesen. Außerdem werden „Antiidiotikum akut“-Tabletten, „zur Steigerung niedriger Intelligenzquotienten“ verschenkt. Obs was hilft?