Nachruf auf Horst Tomayer

Mit Harry Rowohlt, Fritz Tietz und Hartmut El Kurdi saß ich im Sommer 2004 im Foyer eines Düsseldorfer Hotels. Harry Rowohlt erzählte eine Episode nach der anderen, während wir auf den 5. Mann warteten, auf Horst Tomayer, um zusammen zum Veranstaltungsort zakk zu fahren, wo wir aus dem Buch »Auf Lesereise« lesen wollten. Schließlich kam Tomayer ins Hotel: Mit Fahrradhose. Das Fahrrad geschultert. Er war von Hamburg nach Düsseldorf mit dem Fahrrad gefahren. Da war er bereits 65. Ich war schwer beeindruckt. Es ging dann noch weiter nach Bonn und Duisburg. Wir mit dem Zug. Tomayer mit dem Fahrrad. Auch als ich ihn zum ersten Mal nach Berlin in meinen »Club der letzten Gerechten« eingeladen hatte, kam er mit dem Fahrrad.
Zusammen mit ihm auf der Bühne zu sein war ein großes Vergnügen. »Ihr habt das Zeug zu mehr als nur Publikum«, sagte er am Schluss, fotografierte es und hatte sichtlich keine Lust aufzuhören. Das Publikum kam sich häufig vor wie bei einem Orkan, der unerwartet über sie hereingebrochen war. Tomayers Gedichte beeindruckten die Leute, aber sie waren häufig eher befremdet und verunsichert als angetan. Im Literaturbetrieb blieb er ein Fremder, er war nicht preiswürdig, und das muss man als Auszeichnung verstehen. Seine Gedichte und Artikel und Briefe waren zu absurd, hintergründig und verrückt, also viel zu genial, um einfach konsumiert zu werden. Seit dreißig Jahren schrieb er für Konkret »Tomayers ehrliches Tagebuch«, das in der Zeitschrift wie ein Fremdkörper wirkte, denn ich glaube, dass die Linke nie wusste, was das mit Tomayer eigentlich sollte, was es mit ihm eigentlich auf sich hatte.
Thomas Brasch hat Tomayer einmal als »Journalist« beschimpft, woraufhin Tomayer »Das Lied vom kleinen Glück des Kleinschriftsteller« dichtete, in dem er sich beschuldigt, »nie einen Schlüsselroman über Kafkas ›Schloß‹« geschrieben zu haben. Alles, was er zustande brachte, und das war listiges understatement ebenso wie reflexive Bescheidenheit und Zerknirschung: »Höchstens was Beiträgliches in einer Anthologie, Fünfminutenfürze fürs Radio, Telefonate in konkret, Ein Vierzeiler auf ‘nem Poster, ein Dialog fürs Kabarett, Das ist das Höchste der Sprachgefühle, mehr ist nicht drinnen.«
An Sprachgefühl hatte Tomayer jedoch weit mehr als die zahlreichen Schriftsteller zu bieten, die sich im Literaturbetrieb einen Preis nach dem anderen zuschustern. Auf die Idee, sich wie Peter Wawerzinek darüber zu beklagen, nicht nach seiner Unterschrift gefragt worden zu sein auf einer Erklärung gegen die NSA und damit als Schriftsteller 2. Klasse abgestempelt zu werden, auf diese Idee hätte auch Tomayer kommen können. Im Unterschied zu Wawerzinek hätte sich Tomayer über die Unterschriftsteller lustig gemacht.
Am Freitag, den 13. Dezember, ist der »weise Poet der Spelunke« (Rayk Wieland) an den Folgen einer im Herbst diagnostizierten Krebserkrankung gestorben. Es wird keine lustigen Faxe mehr geben und keine überraschenden Anrufe, die ich so liebte.