Bohlen, Dieter

Manche – und ich weiß sogar wer – werden vielleicht sagen, Bohlen, ist das nicht das widerwärtige, aufdringliche, schlaumschlägerische, muskelprotzende Arschloch, den man in eine gottverdammte Flasche stecken und der Strömung der Elbe überlassen sollte? Könnte gut sein, sage ich dann, das er das ist. Jedenfalls hat er bereits zwei Biografien über sich schreiben lassen, beide von Katja Kessler, die man zusammen mit ihrem Ehemann Kai Diekmann gleich mit in die Flasche stopfen sollte, um sie dann allerdings besser in einer Jauchegrube zu versenken … Aber halt! Was sind das nur für negative Gedanken, die mich da umtreiben? Ich will mich jetzt am Riemen reißen und ganz sachlich bleiben. Zwei Biographien sind also über ihn erschienen, »Nichts als die Wahrheit« (siehe live ?/2002) mit einer Million verkaufter Exemplare und »Hinter den Kulissen« mit einer halben Million, von dem nunmehr erschienenen »Bohlenweg« wurden noch 150.000 Stück gedruckt, jedenfalls nach Auskunft des Verlags, wo gerne etwas geflunkert wird. Tendenz fallend, und zwar schlimmer noch als die Aktienkurse an der Wallstreet. Diesen »etwas anderen Ratgeber« hat er nun selber geschrieben, vielleicht weil er sich Katja Kessler nicht mehr leisten konnte. Ein halbes Jahr hat er dazu gebraucht. Andere wären unterbeschäftigt gewesen, hätte man ihnen eine Woche Zeit gegeben. Was aber hat uns Bohlen zu sagen? Hat er uns überhaupt etwas mitzuteilen? Das ist die Frage. Die Zielgruppe jedenfalls ist sehr speziell. Es ist für die armen Würstchen geschrieben, die bei »Deutschland sucht den Superstar« erst mit- und sich anschließend von Bohlen, der dem Zirkus als Juror vorsteht, niedermachen lassen. Die fragen dann Bohlen immer, wie man erfolgreich ist, bzw. wie man genauso widerwärtig und abstoßend werden kann wie er. Und da die meisten nicht wissen, wie sie es anstellen sollen, greift ihnen Bohlen mit diesem Ratgeber unter die Arme.

Und für diese Leute hat er einige sensationelle Tips parat: »Sorry, Leute, aber es ist wahr. Ich kann doch nichts dafür. Es gibt nur eine Wahrheit, und das ist Arbeit … ohne Arbeit, und ich meine mehr Arbeit, als eigentlich üblich ist, könnt ihr eure Träume beerdigen. Patsch, patsch, aus der Traum.« Für dieses Arbeitsethos, 18 Stunden am Tag zu arbeiten, hätte man ihn unter Stalin noch zum »Held der Arbeit« gekürt und ihn als zweiten Stachanow geehrt, aber das ist über 50 Jahre her. Seither hat sich ein bißchen was verändert. Zum Beispiel könnte Bohlens bahnbrechende Idee eine gewisse Plausibilität für sich in Anspruch nehmen, wenn es diese Arbeit in Form eines Jobs tatsächlich gäbe, in dem sich der gescheiterte Superstar austoben könnte. Da er als Unterschichtenkind eine Arbeit in der Regel jedoch gar nicht hat, kann er 18 Stunden seine Runden im Hamsterrad drehen. Hauptsache: Nie Aufgeben! »Ich habe nie aufgegeben. Die Firmen schickten mir damals Drohbriefe, dass ich sie mit meinem Gesang nicht mehr belästigen solle.« (Sollten die Firmen damals noch Geschmackskriterien gehabt haben?) Und das ist ja mal ein ganz guter Tip, wenn sich alle von Bohlen in die Tonne getretenen Möchtegern-Superstars rächten und ihm mit ihrem fürchterlichen Gesinge so lange auf die Eier gingen und dabei nie aufgäben, bis Bohlen die Flucht ergriffe.

Weitere wichtige Tips: »Leute, ganz ehrlich, das Aufstehen ist wichtig.« Jo, da hat er wohl recht, der Bohlen, auch wenn einem in seinem Falle das Gegenteil lieber wäre. Und wofür macht man den ganzen Zinnober? Richtig, wegen dem Geld: »Ich liebe Geld, ich fand es schon immer geil, Geld zu haben, und ich wollte auch immer mehr davon haben. Put, put, put, komm her, du liebes Geld, hier beim lieben Dieter geht‘s dir richtig gut, denn ich mag dich sehr, sehr gern. Ich passe immer auf dich auf, ich kümmere mich um dich, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. So, hoffentlich hat dieses Miststück das jetzt gelesen und ist zufrieden damit. Ab und an muss man eben auch mal ein bisschen schleimen, wenn‘s ums Geld geht, gelle…« Aber wenn dann das Geld ihm auf den Leim gegangen und zu ihm gelaufen ist, was macht er dann mit ihm? Das kann man unter dem Stichwort »Reichtum« nachlesen: »Hämmert euch bitte das Dagobert-Bohlen-Prinzip in die Rübe: Reich wird man vom Nehmen, nicht vom Geben, und geben könnt ihr höchstens die Hälfte. Wollt ihr nicht den Jakobsweg des Geldes gehen und euch quälen lassen, so geht den Bohlenweg und haltet gefälligst eure Penunzen, euren Schotter, eure Mäuse zusammen. Ihr könnt nicht mehr ausgeben, als euch gehört.«

In der Psychoanalyse, für Bohlen die Psychoanneliese, nennt man das einen analen Charakter. Geld anhäufen. Und nichts abgeben, »Geiz ist geil« ist wahrscheinlich von Bohlen erfunden worden, oder wie Mutter immer sagte: »Junge, halt dein Geld zusammen.« Seit dem Kollaps auf den Finanzmärkten weiß man, daß das keine gute Idee war. Wer sein Geld nicht verjubelt hat, wird es spätestens mit der demnächst einsetzenden Inflation los. Aber um Geld zu horten, muß man es erst mal haben. Die Leute, denen Bohlen rät, wie man Reichtum rafft, geben nichts aus, weil sie gar nicht zum Ausgeben haben. Und diejenigen, die die nötige Barschaft besitzen, würden Bohlen angesichts des einfältigen Ratschlags nur mitleidig belächeln. Und vermutlich dürfte sich auch die Zielgruppe des Buches reichlich verarscht vorkommen, denn solche altbackenen Tips kriegen sie zu Hause gratis und jeden Tag zu hören.

Also schnell zum nächsten Tagesordnungspunkt, »über Sieger«: »Um wirklich gut und kreativ zu sein, müsst ihr euch zudem ein geiles Umfeld schaffen. Damit meine ich, dass ihr euch auch geil fühlen solltet. Ihr wisst ja, aus einem verklemmten Hintern kommt nur ein verklemmter Furz. Das stimmt hundertprozentig! Fühlt euch wie ein Sieger, dann werdet ihr ein Sieger! Ihr müsst euch in einen Zustand bringen, indem ihr an euch glaubt.« Und weiter, um einen weiteren triftigen Grund zu zitieren, warum es gar keine so schlechte Idee ist, Bohlen in eine Flasche zu stecken: »Baut euch selbst auf, reißt die Fenster auf und schreit heraus: ›Ich schaffe es!‹« Fragt sich nur, was? Um von den Männern in Weiß abgeholt zu werden und in einer Gummizelle zu landen, wohin Bohlen zweifellos gehört? Oder um mit einem Bohlen vor dem Kopf seinem Vorbild nachzueifern? Wer das tut, hat das charakterliche Format einer Hyäne bereits erreicht. Erfolg wird er dennoch nicht haben. Und das ist das Schöne daran. Es nutzt nichts, sich zum Affen zu machen, nur das gesellschaftliche Klima wird noch einen Zacken unerträglicher.